Der König mit der Goldmaske und andere phantastische Erzählungen aus Frankreich

Erschienen: Januar 1984

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Michael Drewniok
18 x reges ‚Leben‘ nach dem Tod

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2021

18 klassische und moderne Storys belegen, dass die Phantastik auch in Frankreich beheimatet war und ist:

- Helga Abret/Louis Vax: Vorwort, S. 7-22

- Prosper Mérimée: Die Venus von Ille (La Vénus d'Ille; 1837), S. 23-54: Ein archäologischer Glücksfund entwickelt ein zerstörerisches Eigenleben.

- Erckmann-Chatrian: Die schwarze Haarflechte (La tresse noire; 1859), S. 55-59: Die teure Erinnerung an eine große Liebe ist längst zum Albtraum geworden.

- Jean-Marie Villiers de l'Isle-Adam: Das zweite Gesicht (L'intersigne; 1868), S. 60-71: Die Sorge um ein liebgewonnenes Eigentum lässt einen Priester nicht in seinem Grab ruhen.

- Guy de Maupassant: Das Haar (La chevelure; 1884), S. 72-79: Sie ist schon lange tot, was diesen Liebenden nicht von seiner Begierde abbringen kann.

- Marcel Schwob: Der König mit der Goldmaske (Le roi au masque d'or; 1892), S. 80-91: Erst als er sich von den Lasten seiner erstarrten Vergangenheit befreit, findet der König seinen Seelenfrieden.

- Jean Lorrain: Die Öffnungen in der Maske (Les trous du masque; 1895), S. 92-97: Der abenteuerlustige Jüngling wird zur einer Feier eingeladen, deren Teilnehmer nicht (mehr) von dieser Welt sind.

- Maurice Barrès: Im Dorf erwachen die Toten (Le réveil des morts au village; 1909), S. 98-103: Im lothringischen Hinterland verlassen die Toten zu bestimmten Anlässen ihre Gräber.

-  Maurice Renard: Die blutige Schiene (Le rail sanglant; 1925), S. 104-108: Der Mord am Nebenbuhler gelingt, aber die Todesschreie werden den Täter ewig verfolgen.

- Marcel Brion: Die verlorene Gasse (La rue perdue; 1942), S. 109-121: Sobald er das Rätsel der seltsamen Gasse, zu der es keinen Zutritt gibt, gelöst hat, löst sich die Neugier des jungen Mannes nicht grundlos in Luft auf.

- Boris Vian: Der Werwolf (Le loup-garou; 1947), S. 122-132: Als er von einem Menschen gebissen wird, verwandelt sich ein friedlicher Werwolf in einen Mann, der neugierig die fremde Stadtwelt in Augenschein nimmt.

- Frédéric Dard: Die schottische Dame (La dame écossaise; 1980), S. 133-138: Was auf dem Foto nachträglich zum Vorschein kommt, löst in der Gegenwart eine Tragödie aus.

- Pierre Gripari: Zeugin der Verteidigung (Un témoin à décharge; 1973), S. 139-146: Dass ihr Dienstherr ein serienmörderischer Vampir war, will die treue Putzfrau nie bemerkt haben.

- Michel Grimaud: Traum aus Sand (Rêve de sable; 1977), S. 147-153: Die Macht einer unerfüllten Liebe wird zur (kurzfristigen) Schöpferkraft.

- Christine Renard: Liebe im Herbst (Un amour d'automne; 1979), S. 154-172: Die neue Gefährtin des Vaters war seiner Tochter und der Restfamilie ein Dorn im Auge, bis der Tod für eine Lösung sorgt, mit der alle zufrieden ‚leben‘ können.

- Claude Cheinisse: Nicht von hier (Pas d'ici; 1963), S. 173-176: Nacht für Nacht wiederholt sich eine tödliche Tragödie.

- Joëlle Wintrebert: Man soll nicht mit den Kindern spielen (Il ne faut pas jouer avec les enfants; 1978), S. 177-180: Die magisch begabte, mordlustige Marieke findet ihren Meister.

- Noël Devaulx: Das unvollendete Manuskript (Le manuscrit inachevé; 1981), S. 181-186: Erst zuletzt entdeckt der kranke Gelehrte, was hinter den ihn empörenden Störung seines stillen Arbeitslebens steckt.

- Lorris Murail: Der Mythos vom Autostopper (Le mythe de l'auto-stoppeur; 1981), S. 187-193: Er erledigt auf dieser Straße nur seinen Job und trägt nicht die Schuld an den fatalen Folgen.

- Über die Autoren, S. 194-204

- Copyrightvermerke, Quellen- und Übersetzungshinweise, S. 205/06

Einführung in eine nur scheinbar fremde Gruselwelt

Von der Volkssage, die auf eine Zeit zurückgreift, in der das Übernatürliche noch Teil der Alltagswelt war, bis zur modernen Phantastik, die mit dem Schrecken spielt oder ihn im Menschenhirn verortet, wo er für ein Grauen sorgen kann, mit dem kein Vampir oder Werwolf mithält, reicht das Spektrum der hier gesammelten 18 Erzählungen, die zwischen 1837 und 1981 entstanden.

Der Sammlung ist eine ausführliche literaturwissenschaftliche Einführung vorangestellt. Man kann sie überspringen, aber das wäre schade, denn ungeachtet einer gewissen (‚akademischen‘) Voreingenommenheit sowie der Tatsache, dass seit dem Erscheinen viele Jahre verstrichen sind und diverse Erkenntnisse zur ‚aktuellen‘ Phantastik überholt sind bzw. ergänzt werden müssten, ist den Herausgebern Helga Abret (1939-2013) und Louis Vax (1924-2020) ein erfreulich lesbarer und lesenswerter Einstieg gelungen. Man erfährt viel Interessantes über die französische Phantastik, die zumindest hierzulande lange abgetan wurde, weil sie mit dem deutschen Schauer oder dem englischen Grusel angeblich nicht mithalten konnte.

Die Franzosen seien einfach nicht ernsthaft genug bzw. zu fröhlich, um übernatürlichen Schrecken zu gestalten, lautete der Vorwurf, den Abret und Vax sogleich entkräften, wobei sie weit in die Literaturgeschichte zurückgreifen und enthüllen, dass auch die Franzosen den unterhaltsamen und Schrecken lieben und ihn ebenso einfallsreich wie ihre europäischen Nachbarn, aber (reizvoll) mit regionalen Eigenheiten pflegten und pflegen.

Ihr könnt mir glauben!

Prosper Mérimée (1803-1870) gibt sich Mühe, seiner Geschichte einen ‚glaubhaften‘ Rahmen zu geben. Der scheinbar dokumentarische Stil und ein Erzähler, der von Stand oder gar Adel ist oder dem Klerus angehört, tragen dazu bei, das Erzählte über die Schauermärchen ungebildeter Bauern oder Arbeiter zu erheben. Nach Abret und Vax sind phantastische Geschichten zudem „immer Geschichten, in denen es um Unglück und Unheil geht“ (S. 17), was auch Mérimée berücksichtigt, der unschuldige Neugier verhängnisvoll enden lässt, weil sie dorthin führt, wo der Mensch nichts verloren hat.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts - „zu einer Zeit also, da Positivismus und Materialismus triumphierten“ (S. 21) - kehrt das Grauen als romantische Pseudo-Erinnerung an eine verlorene, mysteriöse Vergangenheit zurück. Es wird zur Manifestation einer Sehnsucht, wie Maurice Barrès (1862-1923) sie exemplarisch verdichtet. Parallel dazu wächst das Wissen um den menschlichen Geist, der krankheitsbedingt auf absurde Abwege geraten kann. Jean-Marie Villiers de l'Isle-Adam (1838-1889) beschreibt noch sehr klassisch eine Erscheinung, die gleichermaßen Phantom wie Täuschung sein kann. Erckmann-Chatrian (= Alexandre Chatrian [1826-1890] u. Émile Erckmann [1822-1899]) und Guy de Maupassant (1850-1893) gehen einen Schritt weiter. Sie thematisieren eine Besessenheit, die auch ohne übernatürliches Walten erschrecken kann. Jean Lorrain (1855-1906) löst den entfesselten Spuk final gänzlich rational auf, während Maurice Renard (1875-1939) ihn endgültig in die Psyche verlagert.

Marcel Brion (1895-1984) legt eine bereits ‚moderne‘, vom Ballast einer ‚Begründung‘ freie Gruselgeschichte vor. Der Protagonist findet buchstäblich ein Fenster in die Vergangenheit. Er sucht nach einem Zugang und will gleichzeitig das Rätsel hinter dem Phänomen zu lüften. Dass er sich dabei ahnungslos in Lebensgefahr begibt, wird ihm später als dem Leser bewusst, denn Brion lässt bald durchscheinen, dass es eine Hintergrundgeschichte gibt, die kein gutes Ende verheißt. „Die verlorene Gasse“ ist - inhaltlich wie formal ebenso zeitlos wie spannend - auf ihre Weise sicher eine der besten Storys dieses Bandes.

Wir spielen und fantasieren

Auch in Frankreich gab (und gibt) es stets Autoren (und Kritiker), die mit dem ‚offenen‘ Schrecken nichts anfangen konnten und ihn als geistarmen Zeitvertreib abtaten. Auch Abret und Vax favorisieren den literarisch verklausulierten, ‚veredelten‘ Schrecken, der zwischen wohlgedrechselten Worten hervorlugt und den sich der Leser quasi erschließen muss. Marcel Schwob (1867-1905) trägt dem mit einer Art Kunstmärchen Rechnung, hinter dem allerdings eine recht bescheidene ‚Weisheit‘ zum Vorschein kommt, die auch (oder gerade) durch die gewählte Form nicht gewinnt; ein Eindruck, den (zumindest nach Ansicht dieses Rezensenten) auch Michel Grimaud (= Marcelle Perriod [1937-2011] u. Jean-Louis Fraysse [1946-2011]) oder Noël Devaulx (1905-1995) nicht entkräften können.

„Humor und Phantastik scheinen sich auf den ersten Blick auszuschließen, und doch verbindet ein heimliches Einverständnis das Phantastische mit dem Komischen.“ (S. 19) Diese Erkenntnis dürfte Genrefreunden nicht neu sein, weshalb sich eher die Frage nach der Qualität dieses ‚schwarzen‘ Humors stellt. Komik ist eine individuelle Definitionsfrage. Man muss selbst entscheiden, ob man ihn absurd (Boris Vian [(1920-1959]), knochentrocken (Pierre Gripari [1925-1990]) oder auf eine schaurig-schräge Schlusspointe zugespitzt (Frédéric Dard [1921-2000]) schätzt.

Der Kreis schließt sich, wenn Kunst und Unterhaltung in der modernen Phantastik zueinanderfinden, wobei die klassischen Topoi der Phantastik - die ‚unsterbliche‘ Liebe (Christine Renard [1929-1979]), die auch durch den Tod nicht endende Tragödie (Claude-François Cheinisse [1931-1982]) oder das gar nicht unschuldige Kind (Joëlle Wintrebert [*1949]) erfolgreich aufgegriffen bzw. ‚aktualisiert‘ (Lorris Murail [*1951]) werden: Das Gespenst der Jetztzeit nutzt auch das Automobil als Spukstätte.

Fazit:

Gibt es eine „französische Phantastik“? Faktisch ist dies eine rhetorische Frage, die - falls dennoch gestellt - mit Hilfe dieser Sammlung uneingeschränkt positiv beantwortet werden kann, wobei wie bei jeder Anthologie das persönliche Urteil prägend ist: ungeachtet dessen dürfte für jeden Geschmack mehr als nur eine gruselspannende Story dabei sein.

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