Der Astronaut

Erschienen: Mai 2021

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Michael Drewniok
Wie verdirbt man Sonnenfressern den Appetit?

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2021

Er erwacht neben zwei Leichen an Bord eines Raumschiffs und weiß weder, wo oder wer er ist. Nachdem der Schock abklingt, orientiert er sich und stellt fest, dass er sich Lichtjahre von der Erde entfernt im System der Sonne Tau Ceti aufhält.

Langsam kehrt die Erinnerung zurück: Ryland Grace wurde als Wissenschaftler und Lehrer prominentes Mitglied jenes Teams, das den Untergang der Menschheit verhindern soll. Seit einiger Zeit wird der Sonne Strahlungsenergie abgesaugt, wodurch ihre Hitze rapide nachlässt. Für die Erde wird dies gravierende Folgen haben: Binnen weniger Jahre wird das globale Klima und dann das Ökosystem aus den Fugen geraten. Unwetter und Hungersnöte werden folgen, Milliarden Menschen sterben.

Das Projekt „Hail Mary“ stellt den verzweifelten Versuch dar, dem Rätsel der „Kosmophagen“ und ihrem Geschmack für Sonnenenergie auf den Grund zu gehen. Sämtliche Sterne jenseits unseres Sonnensystems sind ebenfalls betroffen - bis auf die Sonne Tau Ceti. Was geht dort vor, das die Kosmophagen fernhält?

Während man auf der Erde Vorbereitungen für bzw. gegen den Klimawandel trifft, entsteht das modernste Raumschiff der Erde. Drei Spezialisten begeben sich im Tiefschlaf auf die lange Reise zum Tau-Ceti-System. Nur Grace überlebt. Von ihm hängt das Schicksal der Menschheit ab. Immerhin muss er nicht allein arbeiten: Vom Planeten Erid einer ebenfalls ‚befallenen‘ Sonne wurde eine außerirdische Forschungs- bzw. Rettungsmission ausgeschickt. Auch von dieser Crew hat nur ein Mitglied überlebt. Grace und der fünfarmige „Rocky“ tun sich zusammen und fliegen Tau Ceti an …

Was einmal schmeckt …

… wird gern wieder aufgetischt; dies erst recht, wenn das Rezept taugt (oder dem Verfasser nichts wirklich Neues einfällt). Andy Weir ist Schriftsteller und beweist, dass diese Regel auch für sein Metier gilt. Mit „The Martian“ (dt. „Der Marsianer“) hatte er 2011 das SF-Genre als Verkaufsschlager aufgemischt, obwohl es nicht der berühmte „frische Wind“ war, den er aufkommen ließ. Im Gegenteil: Für „Der Marsianer“ griff er formal und inhaltlich auf ein Subgenre zurück, das der SF einst den Durchbruch gebracht hatte: „Harte“ Science Fiction erzählt Geschichten, in denen die Naturgesetze die Handlung entscheidend mitbestimmen. Zwar dürfen sie einfallsreich extrapoliert = so verändert werden, dass es zumindest plausibel klingt, aber sie sind präsent - eine Herausforderung für Autor und Leser, denn auf beiden Seiten bedarf es einer gewissen Wissenschaftsaffinität, um solche Garne zu goutieren.

Die Ära seitenlang dozierender ‚Helden‘ ist freilich (und glücklicherweise) vorbei. Figuren müssen handeln und denken bzw. fühlen, wenn Leser ihren Abenteuern folgen sollen. Mark Watney und Ryland Grace sind Tatmenschen, die einerseits ihre fachlichen Kenntnisse einsetzen, um einfallsreich improvisierend und nach Rückschlägen nicht verzagend eigentlich zur Todesfalle gewordenen Dilemmata zu entkommen.

In „Artemis“ versuchte es Weir 2017 mit einer weiblichen Hauptfigur. Zwar vergaß er nicht, die Physik und ihre dramaturgischen Möglichkeiten zu vergessen sowie in eine spannende Handlung zu integrieren, aber er drängte sie zurück. Diese Rechnung ist wohl nicht aufgegangen. Jedenfalls geht Weir mit „Der Astronaut“ einen Schritt zurück und präsentiert abermals einen einsamen Erdmenschen, der dort gestrandet ist, wo ihm seine Artgenossen nicht helfen können. Die deutsche Fassung unterstreicht es; der Titelgleichklang von „Der Marsianer“ und „Der Astronaut“ soll mit der Erwartung die Kauflust steigern, denn Weirs Erstling verbuchte auch hierzulande einen beträchtlichen (Verkaufs-) Erfolg!

Eine Idee ist in erster Linie ein Startschuss

Eine Handlung muss irgendwie in Gang kommen. Man kann sie ‚logisch‘ einleiten und darauf viele Seiten verwenden. Das mag interessant sein, dämpft aber auch das Tempo, was Weirs Sache so gar nicht ist. „Der Astronaut“ beginnt mit einem Direktsprung in das längst laufende Geschehen. Ryland Grace erwacht an Bord der „Hail Mary“ im Sonnensystem Tau Ceti. Seine beiden Mitreisenden sind tot, er selbst hat sein Gedächtnis verloren. Dessen allmähliche Rückkehr ist identisch mit jenen Rückblenden, die nach und nach die Vorgeschichte aufdecken.

Die Unberechenbarkeit des menschlichen Hirns gestattet Weir den Bruch mit der Chronologie: Grace erinnert sich nur an die ‚wichtigen‘ Ereignisse und lässt die langweiligen Notwendigkeiten, die ihnen als Vorbereitungen dienten, meist ansatzweise einfließen, was Weir außerdem gestattet, Organisation und Logistik sowie die damit verbundenen Befindlichkeiten diverser Einflussträger weitgehend zu eliminieren oder höchstens dort zu erwähnen, wo er sie lustvoll beiseiteschieben kann: Zumindest in seiner Phantasie muss sich der Schriftsteller nicht den angeblichen ‚Notwendigkeiten‘ des irdischen Alltags beugen; so benötigt Weir nur wenige Seiten, um die Antarktis mit 210 Atombomben zum Schmelzen zu bringen.

Originalität ist ihm generell weniger wichtig als ein Handlungstempo, das über Logikbrüche und Unwahrscheinlichkeiten hinwegträgt. Weir hat sich auf die Tugenden seines Erstlings besonnen und lässt niemals Stillstand eintreten. Darüber gerät (hoffentlich) in den Hintergrund, dass sein Garn auf einer kruden Ausgangsidee basiert: Kosmische Superzellen ‚fressen‘ das Sonnenlicht und drohen unser Zentralgestirn temperaturmäßig so stark abzudimmen, dass auf der Erde buchstäblich die Hölle zufriert. Da andere Sterne ebenfalls betroffen sind, schickt man eine Expedition dorthin, wo eine Sonne kosmophagenfrei vor sich hin glimmt: nach Tau Ceti, wo „Taumöben“ als natürliche Fressfeinde der Kosmophagen hausen ...

Probleme als Ereigniszünder

Ryland Grace ist zwar ein Wissenschaftler, aber ganz sicher kein Genie bzw. derjenige, den ‚die Erde‘ auf die beschriebene Mission schicken würde. Aber Weir folgt (nicht nur damit) seinem großen Vorbild: Auch Robert A. Heinlein (1907-1988) formte ‚Helden‘ aus Wissen und praktischer Entschlusskraft. Vorschriften und bewährte Vorgehensweisen sind solchen Tatmenschen gleichgültig. Grace ist ohnehin inzwischen Schullehrer und neigt schon deshalb zur Anschaulichkeit, weshalb seine Erklärungen zukünftiger oder außerirdischer Technik oder Biologie sehr leserfreundlich = verständlich ausfallen.

Als Charakter lässt Ryland ansonsten gleichgültig. Zwar bemüht sich Weir, ihn mit allerlei persönlichen Problemen zu belasten, die er aber letztlich von sich abschüttelt wie eine Ente Wasser von ihrem Gefieder. Mit dem Mut, den berühmten roten Knopf zu drücken, seinem Menschenverstand und seinem Fachwissen (in dieser Reihenfolge) stellt sich Grace den zahlreichen Problemen vor und nach dem Start der „Hail Mary“. Langweiliges Nachdenken, Zögern und vorsichtiges Ausprobieren erspart uns Weir. Versuch macht klug, eventuelle Rückschläge bedeuten erst einmal Spannung sowie eine Wiederholung unter verbesserten Bedingungen; der Tod aufgrund totalen technischen Versagens findet nicht statt, weil sich eben doch ein Hintertürchen auftut.

Das schließt den Umgang mit Außerirdischen ein. Weir ist nicht an den end- und sinnlosen Weltraum-Ballereien der „Military SF“ interessiert. Er vertritt die Seite derer, die davon ausgehen, dass man keine Krieger, sondern Sucher ins All schicken würde. In unserem Fall sind es keine Erforscher, sondern ereignisbedingt Problemlöser, die dem Kosmophagen-Problem ein Ende machen sollen. Auf dieser Ebene verwundert es erst recht nicht, dass Grace und Rocky so rasch zueinanderfinden. Sie mögen von unterschiedlichen Welten stammen, doch im Denken und Handeln stimmen sie so stark überein, dass sie nach kurzer Zeit nicht nur ein Team bilden, sondern auch Freunde werden.

Immer ein As aus dem Ärmel schütteln

Dafür greift Weir tief in die Klischeekiste - und es macht uns nichts aus! Grace und „Rocky“ passen realitätsfern, aber herzerwärmend gut zusammen. Die Abwesenheit xenophobischer Verwicklungen ist neben einer gelungenen Charakterzeichnung dafür hauptverantwortlich. Die Aufgabe - hier die Rettung zweier Welten - steht auf beiden Seiten über der Fremdenangst, wobei Weir zusätzlich eine logische (oder logisch klingende) Untermauerung bietet: Grace und „Rocky“ sind Praktiker der schnell entschlossenen Art.

Je weiter die Handlung voranschreitet, umso stärker gerät das Kosmophagen-Problem in den Hintergrund. Die doppelte Weltenrettung gelingt erstaunlich reibungslos, denn die eigentlichen Probleme entstehen durch die Tücke des Objekts. In dieser Beziehung legt Weir ein bemerkenswertes Gespür für Murphy’s Law an den Tag. Stets ist es eine Banalität, die eine Kettenreaktion unerwarteter und lebensgefährlicher Reaktionen auslöst. Dies setzt sich fort, nachdem die Kosmophagen-Killer entdeckt und eingesammelt wurden, was mitnichten den Höhepunkt der Handlung darstellt.

Stattdessen steht eine dramatische Entscheidung an, mit der Weir für unerwartete Finalspannung sorgt. Die Wendung ist sicher nicht elegant, aber sie wird noch einmal spannungsstark ausgeführt. So heißt es dann zwar Ende gut, alles gut - aber eben doch anders als erwartet!

Fazit:

Mit seinem dritten Roman kehrt Autor Weir zum Rezept seines erfolgreichen Erstlingswerks zurück. Auch leicht variiert stellt sich rasch der erhoffte Lektürespaß ein, denn obwohl dem Roman echte Originalität abgeht, jongliert Weir gelungen mit Ideen, die er zwar nicht unbedingt logisch, aber spannend miteinander kombiniert sowie mit enormem Tempo abspult: ‚Nur‘ abenteuerliche SF kann sehr lesenswert sein, wenn sie von einem begabten Handwerker geliefert wird!

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