Andromeda - Die Evolution

Erschienen: April 2021

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Michael Drewniok
‚Fortsetzung‘ nach fünf Jahrzehnten

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2021

Ende der 1960er Jahre schossen die USA im Kalten Krieg mit der Sowjetunion unbemannte Satelliten in die oberen Schichten der Erdatmosphäre (Projekt „Scoop“). Dort fahndeten sie nach Mikro-Lebewesen, die sich als biologische Waffe nutzen ließen. Vorsichtshalber rief man parallel dazu das Projekt „Wildfire“ ins Leben: Möglichst abgelegen entstand in der Wüste von Nevada ein Forschungszentrum zur Sichtung der Beute. Es stellte seinen Wert unter Beweis, als Satellit „Scoop VII“ 1967 den tödlichen „Andromeda“-Erreger zur Erde brachte, wo er sich prompt selbstständig machte. Eine globale Katastrophe blieb nur aus, weil „Andromeda“ zu einer Variante mutierte, die ‚nur‘ noch bestimmte Kunststoffe zersetzte.

Dieser Stamm lässt sich noch heute überall auf der Erde nachweisen. Doch „Andromeda B“ ist eher lästig als gefährlich. „Wildfire“ existiert zwar noch, aber nach Jahrzehnten ohne Alarm wurden dem Projekt die Mittel gekürzt; es gilt als Endstation für militärische und wissenschaftliche Karrieren. Immerhin funktioniert das global gespannte Überwachungsnetz. Eines Tages meldet es eine riesige Struktur im brasilianischen Dschungel: „Andromeda“ hat sie geschaffen; offenbar ist das ‚Virus‘ eher ein Verbund winziger Nano-Maschinen, deren ‚Einschaltknopf‘ irgendwo gedrückt wurde - auf der Erde, wo weiterhin diverse Großmächte geheimdienstgedeckt ihre Süppchen kochen, oder womöglich irgendwo im All?

Ein kleines Team internationaler Spezialisten macht sich auf den Weg in den Urwald. Der Weg ist weit und gefährlich. Nicht nur ein ‚neues‘ Andromeda, sondern auch das misstrauische brasilianische Militär, kriegerisch gegen die Eindringlinge aufbegehrende Stämme, verschiedene Geheimdienste sowie ein Verräter sorgen dafür, dass die Welt an den Rand einer Panik gerät, die leicht in einen dritten Weltkrieg umschlagen könnte, noch bevor die Gruppe ihr Ziel erreicht - dezimiert und nicht grundlos voller Sorge, es könnten plötzlich Atombomber oder Raumschiffe am Himmel erscheinen …

Auch verdünnt ein Erfolgskonzept?

Der große Mixer läuft, und er wird vehementer als je zuvor mit allem gefüttert, was lukrativ zu vermarktenden Genuss verspricht! Die Populärkultur ist im fortschreitenden 21. Jahrhundert ein Revier, das immer intensiver auf Beute durchsucht wird, denn die Palette inputhungriger Medien hat sich erweitert. Sie sind zu schwarzen Löchern geworden, die sämtliche Möglichkeiten potenzieller Unterhaltung an sich reißen.

Längst wird dabei auch die triviale Vergangenheit auf mögliche Gegenwartstauglichkeit überprüft. Zu verlockend ist die Chance, ein bereits erprobtes Konzept noch einmal erfolgreich zum Einsatz zu bringen. Dass ein gewisser Rahmen vorab gesteckt wurde, ist kein Hindernis, sondern hilfreich, denn so erübrigen sich grundsätzlich neue Ideen. Stattdessen wird im Rahmen einer ‚Fortsetzung‘ die Wiederkehr bekannter Vorgaben sogar erwartet. Bläst man den Staub davon, der sich auf ihnen abgelegt hat, genügen womöglich geringe Aktualisierungen, um das selbstverständlich als ‚sensationelle‘ Fortsetzung vermarktete Werk auf seinen hoffentlich einträglichen Weg zu schicken.

Fünf Jahrzehnte liegen zwischen „Andromeda“, dem genialen Frühwerk des späteren Bestsellerautoren Michael Crichton (1942-2008), und „Andromeda - Die Evolution“, für das der leidlich bekannte Daniel H. Wilson verantwortlich zeichnet. Da man ihn auch hierzulande trotz bereits übersetzter Werke nicht wirklich kennt, erscheint auf dem Cover vorsichtshalber groß der Name „Michael Crichton“, obwohl dieser rein gar nichts mit diesem 2019 erstmals veröffentlichten Buch zu tun hat.

Alles noch einmal, aber dieses Mal größer!

Es ist müßig zu fragen, was Crichton von „Andromeda 2“ gehalten hätte. Er war selbst Profi genug, um seine Leser mit zunehmend konfektionierten Bestsellern abzuspeisen. Die Intensität von „Andromeda“ hat Crichton nur noch selten erreicht - und Wilson ergeht es nicht besser. Dabei hat dieser sich sichtlich mit dem Original beschäftigt. Primär die ersten Kapitel profitieren von einer inhaltlich wie formal gelungenen Fortschreibung. Seit 1967 hat sich die Welt nicht nur mehr als fünfzig Mal gedreht. Politisch und wissenschaftlich-technisch gab es gewaltige Veränderungen, seit Crichton „Scoop VII“ eine verhängnisvolle Notlandung überstehen ließ.

Die Welt ist gleichzeitig globalisiert und trotzdem gespalten. Geändert haben sich die Kontrahenten sowie die Möglichkeiten, die ihnen zur Durchsetzung ihrer Ziele zur Verfügung stehen. Wilson nimmt sich die Zeit, den Status Quo und den Weg dorthin zu beschreiben. Dabei bedient er sich behutsam (und sparsam) jener Methode, mit der schon Crichton seinen Text auflockerte und belebte: Er arbeitet Diagramme, Fotos, Mailtexte etc. ein, was dem Geschehen eine scheinbare Authentizität verleiht, die über eine reine Beschreibung hinausgeht.

Die einst simple Gegenüberstellung von „West“ (= gut) und „Ost“ (= böse) ist Vergangenheit. In die Schurkenrolle der seligen Sowjetunion lässt Wilson die neue Weltmacht China schlüpfen. Wilson ist als Autor des 21. Jahrhunderts aber nicht bereit, wie Crichton der USA die Position des nie berufenen, aber bereitwilligen Verteidigers zu übertragen, der aufgrund äußeren Drucks die Gesetze auch bzw. vor allem fremder, unverständiger Staaten ignorieren ‚muss‘.

Neue Crew mit abenteuertauglichen Talenten

Michael Crichtons „Andromeda“ wirkt auch deshalb bis heute nachhaltig, weil der Autor die Gesetze der Spannung nicht wie üblich definierte. Faktisch geschieht wenig in einer kammerspielähnlichen Handlung, die sich auf die unterirdisch stattfindende Erforschung von „Andromeda A“ konzentriert. Die zuständigen Wissenschaftler sitzen an Mikroskopen, Spezialkameras oder (vorsintflutlichen) Computern. Der 1970 gedrehte Film übernimmt das weitgehend und unterstreicht, dass von solcher betont nüchternen ‚Sachlichkeit‘ eine ganz eigene Faszination ausgehen kann, wenn man sie - wie Crichton und Robert Wise, der Regisseur - beherrscht.

Wilson stellt uns eine neue Generation von Wissenschaftlern vor. Die Technik ist so weit fortgeschritten, dass sie in die unwirtliche Wildnis gebracht und eingesetzt werden kann. „Wildfire“ bleibt ein kurzer Nebenstrang, ansonsten nutzt Autor Wilson eine buchstäblich globale Palette. Der brasilianische Urwald (den man als solchen offenbar noch so nennen darf, der aber nunmehr von „indigenen Völker“ bewohnt wird, die aber weiterhin - s. u. - als Stereotypen verheizt werden dürfen) und das erdnahe All stehen dabei im Vordergrund. Es geht actionreich zur Sache, wenn unsere Forscher absolut vorkenntnisfrei u. a. einen Weltraumlift kurzschließen und mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit am Haltekabel entlang in den Orbit (und zurück) sausen, wo sie mit offenbar angeborener Geschicklichkeit schwerelos zwischen den Modulen der dort kreisenden Weltraumstation umherturnen.

Überhaupt setzt Wilson auf bewährte Spannungselemente. Zwar macht er wie Crichton deutlich, dass dort, wo man auf Supertechnik setzt, der Faktor Mensch und „Murphy’s Law“ für zu erwartende, aber von den Verantwortlichen vorab gern ausgeklammerte Zwischenfälle sorgen. Nichtsdestotrotz gibt es auch eine/n ‚echte/n‘ Verräter/in, die/der hinter den Kulissen tückt und notfalls mit ferngesteuerter Stahlklaue zur Attacke schreitet. Ein Mitglied des Teams ist zudem patriotisch fehlgeleitet, was für zusätzliche Spannungen und Gefahren sorgt/sorgen soll.

Das kann (und soll) weitergehen

Ist „Die Evolution“ ‚schlechter‘ als „Andromeda“? Auf unterschiedlichen Ebenen lässt sich diese Frage sowohl verneinen als auch bejahen. Ein „Nein“ ist geboten, wenn man „Die Evolution“ nicht als Fortsetzung versteht, sondern als ‚Reload‘, bei dem die Verbindung zum Crichton-Bestseller (und zum Wise-Klassiker) mindestens ebenso wichtig wie das Geschehen ist, denn sie sorgt bei denen, die Buch und Film und damit die Vorgeschichte kennen, für eine Erwartungshaltung, die seitens der Werbung auf neue Leser = Käufer ausgedehnt wird. (So ist mit James Stone der Sohn eines Mitglieds der ersten „Andromeda“-Teams dabei.) Also greift Wilson die Vorgeschichte auf und lässt sie durchaus geschickt für jene einfließen, die das Crichton-Werk nicht kennen (oder auf eine ‚Fortsetzung‘ nicht gewartet haben).

Die Handlung geht nicht nur geografisch über die Vorlage hinaus. Allerdings geht damit verloren, was „Andromeda“ auszeichnete: die „Dampfkochtopf-ohne-Ventil“-Atmosphäre der isolierten „Wildfire“-Station. „Die Evolution“ verwandelt sich in einen mittelmäßigen oder besser: beliebigen SF-Science-Thriller, dessen Handlungsablauf zudem die Intention, „Andromeda“ zum Franchise aufzuwerten, sehr deutlich macht.

Ein echter Schwachpunkt der „Evolution“ ist die Figurenzeichnung. Wilson legt seine Protagonisten als Archetypen an, die sämtlich einen Berg privater, nie aufgearbeiteter Probleme mit sich herumschleppen, für die sich niemand wirklich interessiert, während Crichton seine Figuren in Menschen verwandeln konnte. Wilson entwirft eher Vorbilder für eine mögliche Verfilmung - ein Konzept, das besonders deutlich bzw. aufdringlich durch die dem Geschehen aufgezwungene Teilnahme des „indigenen“ Dschungel-Kinds Tupa wird, der naturnahe Werte und schützenswerte/unschuldige Jugend symbolisieren soll. Hier unterstreicht Wilson eher ein Klischee, statt es zum Nutzen seines ansonsten unterhaltsamen Garns schlicht zu vermeiden.

Fazit:

Weniger eine Fortsetzung, sondern das Recycling eines Klassikers, wobei inhaltlich eigene, allerdings genrebekannte Wege eingeschlagen werden. Die Figuren sind deutlich flacher als im ‚Original‘; besser gelang die Darstellung einer global vernetzten, aber weiterhin uneinigen Menschheit. Das Ergebnis ist (als solches konzipiertes) Lesefutter auch für „Andromeda“-Unkundige.

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