Mr. Parnassus' Heim für magisch Begabte

Erschienen: April 2021

Couch-Wertung:

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Lisa Reim-Benke
Mr. Parnassus’ Heim für dramaturgisch Unbegabte

Buch-Rezension von Lisa Reim-Benke Mai 2021

Linus Baker ist ein ganz besonderer Sozialarbeiter, denn er kümmert sich um die Waisenhäuser, in denen magisch begabte Kinder und Fabelwesen untergebracht werden. Seinen Job erledigt er gewissenhaft und analytisch, das Regelwerk kennt er beinahe auswendig. Kein Wunder, dass das Allerhöchste Management ihn auf eine ganz besondere Mission schickt: Er soll vier Wochen lang ein Waisenhaus auf einer Insel inspizieren und Bericht erstatten. Das Problem: In diesem Waisenhaus sind die besonders schweren Fälle untergebracht. Kaum betritt Linus die Insel, trifft er auf Elementargeister, einen Gestaltwandler, eine Gnomin, einen Lindwurm, einen Blopp und den Sohn des Teufels. Linus versucht sich zu arrangieren, wobei ihm auch der merkwürdige Heimleiter Parnassus hilft, der auf Linus einen ganz besonderen Einfluss hat …

Warum dieser Hype?

„Mr. Parnassus’ Heim für magisch Begabte“ ist im englischsprachigen Raum bereits ein großer Hit. Auch in Deutschland wird sich dieses Buch höchstwahrscheinlich als Riesenerfolg hervortun. Die Forderung nach Respekt, Toleranz und einem vorurteilsfreien Zusammenleben sind die moralischen Pfeiler, auf welche dieses Buch baut und die großen Anklang bei den Lesern finden. Zusammen mit „liebenswerten Figuren“ und einer „zauberhaften Welt“ ist dies sicherlich eine Kombination, die auf den Bestseller-Status auch hierzulande nicht lange warten muss. Doch letztendlich ist die Frage, ob ein Buch gefällt oder nicht, eine Frage der Erwartungshaltung. Genau das ist der Grund, warum dieses Buch einigen wenigen nicht gefällt. Und zu denen gehöre leider Gottes ich.

Die Moral von der Geschicht – Ich bin anders und es juckt mich nicht

Menschen haben Angst vor dem, was anders ist und was sie nicht kennen. Das macht dieses Buch einmal mehr deutlich und stellt dabei besonders heraus, wie wichtig es ist, Vorurteile zu überwinden. Das ist schön und gut, aber muss die Moralkeule wirklich so offensichtlich geschwungen werden? Auf jeder Seite kreischt den Lesern ein unverhohlenes Toleranzpostulat entgegen, während mit dem Zaunpfahl auf sie eingedroschen wird, bis es auch der letzte kapiert hat. Subtilität, die zum Nachdenken anregt, gibt es hier nicht. Die spannende Frage nach der Lösung des altbekannten Konflikts zwischen Individuum und Gesellschaft wird zwar angedeutet, jedoch nicht konsequent weiterverfolgt. Der erste Punkt, wo die Erwartungen enttäuscht wurden.

Wenn Figuren so flach sind, dass man sie fast schon übersieht

Dass man Mitleid mit den magisch Begabten in Parnassus’ Waisenhaus haben und sie einfach ganz toll finden soll, wird einem ebenso offensichtlich um die Ohren gehauen wie die moralische Botschaft. Doch damit tut man sich schwer, wenn eben jene Figuren nur einen einzigen Charakterzug besitzen (wenn man das überhaupt so nennen kann): Das gallertartige Wesen Chauncey möchte Hotelpage werden. Also drehen sich seine Handlungen und Gespräche ausschließlich um seine bevorstehende Karriere – spannend. Die freche Gnomin und Gärtnerin Thalia meint immerzu, dass sie Leuten ihre Schaufel über den Schädel ziehen und sie im Garten vergraben will. Natürlich wird das immer nur behauptet und nie in die Tat umgesetzt. Überhaupt hat die Gute eine ganz merkwürdige Beziehung zu ihrem Spaten, den sie überallhin mitschleppen will (Weil das Gärtnern alles ist, was sie ausmacht – logisch). Am allerschlimmsten ist jedoch der phrasendreschende Antichrist Lucy. Dass hinter seinen ach so furchteinflößenden Sprüchen wie „Ich bin der Herr der Finsternis und werde dich in die Hölle verdammen“ nichts als heiße Luft steckt, durchschaut ausschließlich Linus nicht. Er zieht es vor, auf Lucys Ergüsse slapstickartig panisch zu reagieren und fällt sogar in Ohnmacht, als er dessen Akte liest. In der übrigens nichts drin steht – außer, dass er der Antichrist ist. Irgendwo muss diese Behauptung ja begründet werden.

Bei so eindimensionalen Kindern ist es tatsächlich ein Wunder, dass man ein 400-seitiges Buch füllen kann. Spannende Entwicklungen sind da Mangelware; wo nur Spatenliebe und dumme Sprüche herrschen, kann sich schließlich nicht viel entwickeln. Während die lieben Kleinen also ihre Gimmicks feiern, klopft Heimleiter Parnassus als moralisches Sprachrohr munter seine Kalendersprüche. Und fertig ist das liebreizend kuriose Ensemble, auf das Protagonist Linus trifft.

Linus – das nächste große Problem. Er ist das klassische Fähnchen im Wind und reagiert mal so, mal so, ganz wie es die Handlung gerade vorschreibt oder es dramaturgisch gesehen passt. Da ist es auch egal, wenn am Anfang behauptet wird, er sei ein penibler, analytischer und ganz korrekter Paragraphenreiter, der gleichzeitig aber auch ein unsicherer, unzufriedener und total überforderter Depp vom Dienst ist, der es nie schafft, seine Autorität einzufordern (Warum hat das Allerhöchste Management ihn noch mal auf die Reise geschickt? Ach ja, er ist ja so kompetent!). Es scheint ganz so, als ob sich der Text nicht entscheiden könnte, wie die Hauptfigur letztendlich drauf sein soll. Eine Entwicklung ist dementsprechend nicht vorhanden. Denn nur weil er sich im Laufe der Zeit an die Bewohner der Insel gewöhnt, macht das noch lange keine Charakterentwicklung aus. Und da immer nur behauptet wird, dass er der Beste in seinem Bereich ist und seinen Job ganz furchtbar ernst nimmt, ohne das jedoch zu zeigen, nimmt man ihm auch nicht ab, dass er am Ende seine ganzen Prinzipien (von denen man nichts sieht) über Bord wirft. Spannende innere Konflikte, wie man sie bei einer Figur in einer solchen Situation eigentlich erwarten würde, gibt es nicht. Überhaupt ist das mit den Konflikten in diesem Buch so eine Sache …

Weltenbau, Weltenklau, Weltenstau

Das Worldbuilding ist eine einzige Katastrophe. Klune bedient sich wild bei unterschiedlichen Mythologien und Legenden und schmeißt alles fröhlich in einer an unsere Realität angelehnten Welt zusammen, ohne sich Gedanken über die Konsequenzen zu machen. Heraus kommt ein willkürlicher Wust ohne jegliche Grenzen oder Regeln. Das Problem dabei ist, dass man als Leser irgendwann nichts mehr richtig einordnen kann. Beispiel: Wenn Linus auf die Insel kommt, ist er entsetzt, was für Kinder dort frei herumlaufen. Er ist von der Gefahr, die von ihnen ausgeht, überzeugt und denkt, dass sie ihn bei nächstbester Gelegenheit um die Ecke bringen werden. Schön und gut, Linus hat also Angst vor einem Blopp, der ihm die Koffer aufs Zimmer tragen will, einem Gestaltwandler, der sich in einen kleinen Spitz verwandelt, und vor dem Antichristen, der nie unter Beweis stellt, dass er der Antichrist ist. Nun die Frage: Was zur Hölle ist an diesen Kindern so viel schlimmer, als an einem Mädchen, das mithilfe von Telekinese Stühle um sich wirft und damit sogar schon ein anderes Kind verletzt hat? Auf dieses trifft Linus nämlich ganz am Anfang des Buches und für ihn ist dieses Mädchen vollkommen normal und keine ängstliche Reaktion wert. Das passt hinten und vorne nicht. Und so geht es dann munter weiter: Warum gibt es eigentlich so viele Waisenhäuser? Wo sind die Eltern? Was dürfen magisch Begabte und was nicht? Wie sieht das gesellschaftliche Zusammenleben aus? Alles Fragen, die sich stellen und nie beantwortet werden. Völlig absurd wird es, wenn Parnassus und Linus plötzlich mit Kant und Schopenhauer argumentieren. Zwar geht das über banales Namedropping weitestgehend nicht hinaus, aber es stellt sich schon die Frage: Hätte Kant seinen kategorischen Imperativ, den Parnassus neunmalklug ins Feld führt, in einer Welt voller Fabelwesen und Magie so entwickelt, wie wir ihn kennen? Höchstwahrscheinlich nicht. Aber so weit wird hier natürlich nicht gedacht.

Am Ende offenbart sich dann das vollkommene Schlamassel. Logisch ist hier so gut wie gar nichts mehr. Aufgrund der schludrigen Vorarbeit widerspricht sich der Text an vielen Stellen selbst. Der groß angelegte Konflikt mit den Dorfbewohnern, die magisch Begabten mit Ablehnung begegnen, wird auf eine Art und Weise „gelöst“, die mich das Buch an die Wand hat pfeffern lassen. Es offenbart sich, dass Klune mit den Konflikten und Problemen, die er undurchdacht heraufbeschwört, nicht umgehen kann. Parnassus’ und Linus’ Lösung liegt im Schwarz-Weiß-Denken und ist damit nicht besser als die Einstellung derer, die sie eigentlich kritisieren wollen.

Fazit:

Das Chaos, das T. J. Klune mit willkürlichem Worldbuilding, flachen Charakteren und einem Konflikt-Handling zum Davonlaufen verursacht, ist schlimmer als das, was man bei Hempels unterm Sofa findet. Da sollte man lieber nochmal „X-Men“ lesen/schauen. Das ist thematisch ähnlich und hat alles in allen Punkten besser gemacht.

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