Southern Gothic - Das Grauen wohnt nebenan

Erschienen: April 2021

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Marcel Scharrenbroich
Mein Nachbar, das unbekannte Wesen

Buch-Rezension von Marcel Scharrenbroich Jul 2021

Lesen bildet!

Während ihr Ehemann Carter, ein Psychiater, sich in der Klinik die Nächte um die Ohren schlägt, um die Karriereleiter emporzuklettern, schmeißt Patricia Campbell den Haushalt. Ihren Job als Krankenschwester hat sie aufgegeben. Die beiden Kinder der Campbells befinden sich gerade in schwierigen Phasen. Söhnchen Blue hat aus unempfindlichen Gründen nur noch Nazi-Kram im Kopf und saugt alles auf, was mit dem Zweiten Weltkrieg auch nur ansatzweise in Verbindung steht, während seine Teenager-Schwester Korey… whatever. In dem Alter fragt man lieber nicht nach. Zusätzlich ist noch Carters demente Mutter Miss Mary kurzfristig in die umgebaute Garage gezogen. Glücklicherweise wird diese von der Pflegekraft Mrs. Greene umsorgt. Ja, Patricia Campbell lebt den amerikanischen Vorstadt-Traum…

Ein glücklicher Zufall wollte es, dass der Buchclub der Frauen von Mt. Pleasant sich an einem schicksalhaften Abend des Jahres 1988 in alle Himmelsrichtungen zersprengte. Gut, Patricia war daran nicht ganz unschuldig, fand so aber Freundinnen, mit denen sie schon bald mehr als nur das Hobby des Lesens teilte. Die Literaturgilde, die sich die gähnend langweiligen westlichen Klassiker auf die To-Read-Liste geschrieben hatte, war Geschichte. Doch Grace, eine Nachbarin, sprach sie unmittelbar nach dem unrühmlichen Eklat an, und erzählte Patricia, dass sie gemeinsam mit weiteren Anwohnerinnen ebenfalls Bücher las und sich zu anschließenden Besprechungen verabredete. Im Grunde ein Buchclub… jedoch legte Grace Wert darauf, dass es eben KEIN Buchclub war. (Es IST ein Buchclub… aber das habt Ihr nicht von mir.) Die Literaturklassiker konnten ihnen gestohlen bleiben und so widmeten sich Grace, Maryellen, Kitty, Slick und Patricia den WIRKLICH wichtigen Stoffen: True-Crime-Schmöker.

So zogen ein paar Jahre ins Land und aus dem Buchclub, der keiner war, wurden beste Freundinnen. Heile Welt? Schon irgendwie, aber angefixt von den reißerischen Büchern, würde Patricia sich nur zu sehr wünschen, dass in ihrem Leben auch mal etwas Aufregendes geschieht. Nun, manchmal sollte man vorsichtig mit dem sein, was man sich wünscht. Als Sohn Blue eines Abends mal wieder vergessen hat, die Mülltonen an den Straßenrand zu schieben, bleibt diese undankbare Aufgabe an Patricia hängen. Im Schein der Taschenlampe, mit der sie den Weg erhellt, entdeckt sie plötzliche eine alte Frau aus der Nachbarschaft. Diese hockt blutverschmiert hinter den Tonnen und verspeist gerade genüsslich einen putzigen Waschbären. Süß. Scheinbar mit großem Hunger gesegnet, stürzt sich die wildgewordene Mrs. Savage auf Patrica, die während des Gefechts ihr Ohrläppchen lässt. Zum Glück kommt Carter gerade von der Arbeit und schafft es durch beherztes Eingreifen, dass die Alte ihr nicht noch das Gesicht abfrisst. Genug Abenteuer für einen Abend? Eigentlich schon… doch das ist erst der Anfang.

Lesen tötet!

Der Anfang vom Ende ist der Tag, an dem James Harris in Patricias Leben tritt. Der adrette junge Mann stellt sich als Großneffe von Mrs. Savage vor, die kurze Zeit nach ihrer nächtlichen Heißhunger-Attacke das zeitliche gesegnet hat. Da es ihm in dem Viertel gefällt, beschließt er kurzerhand, das Häuschen seiner Großtante zu übernehmen. Erst als sich im Städtchen die Selbstmorde von Kindern häufen und es Vermisstenfälle gibt, kommen Patricia Zweifel an dem freundlichen neuen Nachbarn. Vor allem, da an einem Tatort ein weißer Lieferwagen gesehen wurde, der erschreckend dem von James Harris ähnelt. Patricias Anfangsverdacht ist jedoch nur die Spitze des Eisberges. Noch ahnt die True-Crime-Expertin nicht, wen sie da so leichtfertig und unbedarft in ihr Haus… an ihren Esstisch… zu ihrer Familie und… in ihr Leben eingeladen hat…

Ein wenig Lektüre der übernatürlichen Art lässt die Hausfrau fast erstarren. Gleich mehrere Vorfälle in ihrem Umfeld scheinen ein Muster zu ergeben. Gegen den Rat ihrer Freundinnen, beginnt Patricia James Harris nachzustellen. Sein Geheimnis aufzudecken. Vielleicht ist es dafür schon zu spät, denn der teuflische Nachbar hat bereits Lunte gerochen…

Verzweifelte Hausfrauen und rabenschwarze Nächte

Ich kann gar nicht sagen, wann ich das letzte Mal so viel Spaß beim Lesen eines Romans hatte. Nicht, dass es sich hier um eine durchgängig humorvolle Geschichte handelt, keineswegs. Es geht durchaus saftig und detailliert zur Sache, aber Grady Hendrix schafft es, immer eine leichte Note mit einzubauen. Dazu muss die Spannungsschraube noch nicht mal bis zum Anschlag angezogen sein, denn es sind die zwischenmenschlichen Momente mit den liebenswerten Charakteren, die einen sofort in den Bann ziehen. Jede einzelne Figur konnte ich mir dank Hendrix‘ treffenden Beschreibungen bildlich vorstellen. Jede Macke, jede Eigenheit. Wäre die Serie „Desperate Housewives“ derart gut geschrieben gewesen, hätte ich vielleicht mehr als nur eine Folge (gut, vielleicht waren es auch zwei…) geschaut. Daran erinnert „Southern Gothic“ nämlich, wenn es um das Grund-Setting geht. Eine gemütliche Nachbarschaft, in der die Frauen versuchen, den Alltag ein wenig aufzupeppen, aber schnell in einen Strudel geraten, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.

Dazu noch ein charismatischer Bösewicht, den ein dunkles Geheimnis umgibt. James Harris schafft es, dass er einem wirklich einen Schauer über den Rücken jagt. Stets scheint er Patricia einen Schritt voraus zu sein. Schleicht sich in das Leben der Anwohner von Mt. Pleasant, macht sich unverzichtbar und sorgt dafür, dass keine Zweifel an seinen Motiven entstehen. Wäre ich besser erzogen, würde ich mit wedelndem Zeigefinger sagen „Na, na, na… so ein Filou!“ Da dem aber (offensichtlich) nicht so ist, kann ich unverblümt kundtun, dass der Kerl ein abgewichster Killer der blutdürstigen Art ist, dem ein ordentlicher Tag in der Sonne guttun würde! So! Aber gleich schnell noch mal gucken, ob keiner unter meinem Bettchen liegt…

In seinen besten Momenten erinnert „Southern Gothic“ mit seiner Ausgangssituation an den kultigen Horror-Streifen „Fright Night“ aus dem Jahr 1985. Dort beobachtet der Teenager Charly Brewster von seinem Zimmer aus, wie der neue Nachbar von gegenüber eine nächtliche Besucherin (wortwörtlich) vernascht. Dem eingefleischten Horror-Fan will natürlich niemand glauben, dass der fesche Jerry Dandrige auch nur irgendwie Blut auf der scheinbar blütenweißen Weste hätte, weshalb der Junge selbst auf lebensgefährliche Spurensuche geht. All diese Zutaten haben wir in „Southern Gothic“ auch. Stören diese Parallelen? Absolut nicht, denn der Roman steht wunderbar auf eigenen Beinen und hat enorme Spannungsmomente zu bieten, in denen man gemeinsam mit Patricia Campbell angespannt den Atem anhält. Dazu noch einen Hauch von Vorstadt-Satire à la „Meine teuflischen Nachbarn“ und fertig ist der wunderbar köstliche Genre-Cocktail, der selbst vor blutigen Splatter-Einlagen nicht zurückschreckt.

Fazit:

Eine tolle 80er- und 90er-Atmosphäre (die Handlung zieht sich über mehrere Jahre), sehr gut geschriebene Charaktere, überraschend treffsicherer Humor, enorme Spannungsmomente, blutige und brutal detailliert beschriebene Passagen sowie eine glaubwürdige Charakterentwicklung. „Souther Gothic - Das Grauen wohnt nebenan“ ist einer dieser Pageturner, die man - einmal angefangen - unmöglich für längere Zeit unangetastet lassen kann.

Southern Gothic - Das Grauen wohnt nebenan

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