The Living Dead - Sie kehren zurück

Erschienen: Juli 2021

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Michael Drewniok
Postume Wiederkehr des Zombie-Königs

Buch-Rezension von Michael Drewniok Aug 2021

Als die Toten sich aus den Gräbern befreien, um über ihre Mitbürger herzufallen, sind diese so tief in ihre alltäglichen Auseinandersetzungen verstrickt, dass die den Ernst der Lage zu spät begreifen. Der Untod rast über den Planeten und verwandelt die meisten Menschen in Zombies, die nach dem Fleisch der (noch) Lebenden gieren. Die ständig wachsende Überzahl sorgt dafür, dass die Zivilisation ihr Ende findet. Dass auch einige Tierarten anfällig für den Zombie-Virus sind, lässt die Opferzahlen zusätzlich anschwellen.

Nicht nur in den USA haben die Menschen verlernt, was „Solidarität“ bedeutet. Statt sich gegen die Zombies zusammenzuschließen, fallen die Überlebenden im Kampf um Ressourcen, Macht und Frauen übereinander her. Warlords, religiöse Fanatiker sowie schwerbewaffnete Redneck- und Prepper-Spinner terrorisieren das Land.

Nur kleine, streng von der Umwelt isolierte Zellen können sich halten. Während die Jahre verstreichen, stirbt die Menschheit beinahe aus. Allerdings läuft auch die Zeit der Untoten ab; sie zerfallen buchstäblich. Gleichzeitig verlieren sie ihren Hunger auf Menschenfleisch. Es wird deutlich, dass die Untoten ihren Verstand nicht gänzlich verloren haben. Menschen und Zombies schließen eine Art Burgfrieden, während die überbeanspruchte, nicht mehr zerstörte Natur sich zu erholen beginnt. Was die Chance für einen Neuanfang böte, wird für die Überlebenden zur Möglichkeit, einander erneut den Garaus zu machen ...

Ein Mann und sein Schicksal

Natürlich darf gerade er nicht in Frieden ruhen: George A. Romero gelang 1968 das schon damals eigentlich Unmögliche, als er einen zwar bereits existierenden, aber bisher eher ‚nebenbei‘ laufenden Horror-Mythos nicht nur wiederbelebte, sondern ihn neu definierte. In „Night of the Living Dead“ präsentierte uns Romero den modernen (Kino-) Zombie, der faulig und unbarmherzig über seine Landsleute, seine Freunde, seine Familienmitglieder herfiel.

Romero (Jahrgang 1940) war auf seine schräge Weise ein Kind der 1960er Jahre. Die zeitgenössischen Umbrüche kommentierte er jenseits jeglicher Flower-Power-Träume. „Night …“ und vor allem die beiden Fortsetzungen „Dawn …“ und „Day of the Dead“ (1978 bzw. 1985) waren auch eine Kritik am „American Way of Life“, der zu einem Albtraum mutiert war und sich gegen seine Befürworter richtete. Vor allem mit diesen drei Filmen sicherte sich Romero seinen Platz in der Horror-Historie. Erfolgreich kehrte er 2005 in ‚sein‘ Genre zurück („Land of the Dead“) und ließ 2007 und 2009 die eher müden, im Windschatten der ersten Zombie-Trilogie segelnden Variationen „Diary …“ bzw. „Survival of the Dead“ folgen.

Ob er wollte oder nicht: Romero blieb als Filmemacher an die von ihm geschaffenen Zombies gekettet. Darüber war er keineswegs glücklich, aber er machte das Beste daraus. ‚Seine‘ Untoten (und sein Publikum) nahm er ernst, wie nach seinem Tod Mitte Juli 2017 zahlreiche schriftliche Notizen sowie Teile eines nie verwirklichten Zombie-Romans belegten.

Marketing-Muss für Hardcore-Horror-Fans

Hollywood ignorierte Romero schon lange, während er bei Film- und Gruselfreunden, die den Subtext seiner Werke bemerkten und schätzten, als Großmeister verehrt wurde. Durch seinen Tod stieg Romero zum Genre-Heiligen auf, dessen Reliquien mit entsprechender Ehrfurcht behandelt (und vermarktet) werden.

Was ursprünglich private Aufzeichnungen und nie ausgearbeitete Entwürfe waren, mit denen Romero das Thema „Zombie“ umriss, die ihm wichtige Metaphorik entwarf und verdeutlichte, wurde zu wertvollem Rohmaterial. Witwe Susan händigte nach Romeros Tod dem Schriftsteller Daniel Kraus einen Wust thematisch leidlich zusammengehöriger Notizen aus, die dieser zu jenem Roman ausarbeiten sollte, an dem Romero angeblich zum Zeitpunkt seines Todes gearbeitet hatte.

Solche Geschichten sind stets mit Vorsicht zu genießen. Auch hier muss man hinter die weihrauchgeschwängerten Phrasen blicken, mit denen der Verlag und der natürlich „hoch geehrte“ Autor sich über das entstandene Werk äußern. Etwa ein Drittel verdankt dieses demnach einer tatsächlichen Roman-Vorlage, während sich Kraus ansonsten auf viele lose Zettel stützte sowie sich sämtliche Filme Romeros anschaute, um ein „Gefühl“ für das zu entwickeln, was dieser unter ‚seinem‘ Zombie-Roman vorgestellt haben könnte.

Inhaltliches Gewicht oder eher Seitenstärke?

Bläst man den Marketing-Schaum fort, bleibt ein Horrorgarn, das zwar bar jeglicher Originalität bzw. überfrachtet mit angeblicher Bedeutsamkeit, aber gut geschrieben ist sowie die dem Genre typischen und von dessen Fans erwarteten Grässlichkeiten liefert. Kraus gliedert es in drei Teile und schildert den Ausbruch der Zombie-‚Seuche‘, die Situation einige Monate später sowie die Lage elf Jahre nach dem „Tag Z“.

Mehr als 900 Seiten zählt die deutsche Übersetzung. Der Inhalt ließe sich erheblich zusammendampfen, weil „The Living Dead“ über weite Strecken die gleiche Geschichte immer wieder erzählt, wobei nur Orte und Personen wechseln. Die Lebenden treffen auf die wiederauferstehenden Toten und müssen sich dieser Herausforderung stellen. Erwartungsgemäß bedeutet dies die recht ähnliche Abfolge von Unglauben, Schrecken und Flucht bzw. Widerstand/Tod.

Bevor die Zombies kommen, nimmt sich Autor Kraus (furchtbar) viel Zeit, um uns Protagonisten vorzustellen, die uns trotzdem gleichgültig bleiben, weil ihre Biografien nichts als die üblichen Klischees beinhalten, mit denen wir vor allem im modernen TV- oder Stream-Horror gequält werden. Den durchaus plakativen Metzeleien stehen also endlose Seifenoper-Sequenzen gegenüber, in denen Überlebende reden. Das sorgt für inhaltlichen Leerlauf, zumal sich die vermittelten Informationen oft als nebensächlich erweisen.

Die Wucht der Erkenntnis

Autor Kraus möchte diese Vorgeschichten nutzen, um sozialkritisch in Romeros Spuren zu wandeln. Die Handlung ‚springt‘ zunächst, stellt uns neue Figuren an neuen Schauplätzen vor; später kehrt das Geschehen auf bereits Geschildertes zurück. Allzu exemplarisch werden uns ‚typische‘ Bürger der USA vorgestellt. Sie stammen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, sind prominent oder unterprivilegiert und stehen für jene Verhältnisse, die Romero bzw. Kraus kritisieren. Abgehakt wird, was in den modernen USA falsch läuft: Fremden- und Frauenhass, Diskriminierung, Korruption, die „Fake-News“-verseuchten Medienlandschaft u. a. politische, soziale und kulturelle Gräben, die so tief geworden sind, dass ihre Überwindung unmöglich scheint.

Exemplarisch vermittelt uns Kraus diese Schieflage mit biografischen Erinnerungen an erlittenes Unrecht. Parallel dazu will er herausarbeiten, dass solche Uneinigkeit die Nation schwächt. Bricht dann eine echte Krise auf, ist es womöglich zu spät für eine Kurskorrektur. Der eingeschlagene Weg führt erst recht in den Untergang.

In gewisser Weise erinnert „The Living Dead“ an die TV-Serie „The Walking Dead“. Sie ist ebenso ‚episch‘ angelegt wie dieser Roman, was u. a. dazu führt, dass stets genug Raum für Kommentare bleibt, die dem Geschehen eine ‚über‘ dem Horror stehende Ebene verleihen sollen. Hier führt dies zum Auftritt eines Donald-Trump-Klons, der kindergartenböse jene gereiften Neu-Menschen verführt, die eigentlich begriffen haben, dass die Zombies Mutter Naturs Notbremse sind, mit der sie ihr Kind - die Erde, nicht die Menschheit - vor Überbevölkerung, Umweltzerstörung und Vergiftung retten wollte.

Untot und symbolisch

Die Zombies unterstreichen den internen Konflikt, weil sie faktisch Spiegelbilder der fehlgeleiteten US-Amerikaner sind. Gerade waren sie noch Mitmenschen, jetzt sind sie erbitterte Feinde. Solidarität wäre die einzige Chance zur Abwehr, doch die innere Zerrissenheit der Nation verhindert den Zusammenschluss. Nur im Einzelfall gelingt die Rückkehr zu alten bzw. klassischen (Pionier-) Tugenden, was stets mit der Flucht aus der Großstadt aufs rettende Land einhergeht.

Solche Anwandlungen sind nicht neu. Auch Kraus kann den damit verknüpften Klischees keine wirklich neuen Seiten abgewinnen. Was tragisch wirken soll, berührt nicht selten peinlich oder reizt gar zum Grinsen, weil sich der erhobene Zeigefinger gar zu deutlich hinter den Zeilen erhebt oder sentimentale Dramatik heillos übertrieben ins Lächerliche umschlägt. Erwartungsgemäß lesen wir deshalb einen Roman, in dem die Untoten zwar die Welt überrennen, aber mehr und mehr nur eine Nebenrolle spielen.

Es fällt positiv auf, wenn das Schema durchbrochen wird. Romero hatte ‚seinen‘ Zombies eine Eigenschaft angedichtet, die von seinen Epigonen in der Regel unterschlagen wurde: Die Untoten sind nicht gänzlich hirntot. Sie können sich vage an ihr Leben erinnern - und sie sind lernfähig! Daraus resultiert ein zusätzlicher Spannungsfaktor: Wie geht man mit einem Gegner um, der nicht nur schwer ‚umzubringen‘ ist, sondern sich auf Gegenwehr einstellen und reagieren kann? Kraus übernimmt in einigen Kapiteln die Perspektive der Zombies. Dies geht auf Romero zurück, wie im ausführlichen Nachwort nachzulesen ist. Das Finale bleibt auf dieser Spur und ist konsequent: Nicht die Untoten sind mehr das Problem, sondern der Mensch, der sich nicht aus alten, schädlichen Verhaltensmustern lösen kann!

Fazit:

Monumentaler, inhaltlich konventioneller Zombie-Roman, der quasi sämtliche Schnipsel sammelt, die George A. Romero zum Thema Untod hinterlassen hat. Es geschieht wenig Neues, die biografischen Rückblenden sind zu ausführlich, der Symbolismus regiert. Formal rangiert dieses Über-Garn dennoch über dem sonst gelieferten Schnetzel-Horror; es zeigt darüber hinaus Belege echter Hintergrundrecherche: Lesefutter im wahrsten Sinn dieses Wortes.

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