The Watchers - Wissen kann tödlich sein

Erschienen: August 2021

Couch-Wertung:

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Marcel Scharrenbroich
Tausche Leben gegen Wissen

Buch-Rezension von Marcel Scharrenbroich Okt 2021

Wer bewacht die Wächter?

Was ist wertvoller als Gold, begehrter als funkelnde Edelsteine und leichter zu beschaffen als eine PlayStation 5? Informationen. Nicht nur unsere Daten, die wir täglich, stündlich, minütlich mit Großkonzernen der Welt teilen, nachdem wir mit einem schnellen Durchscrollen durch diverse AGBs unsere Privatsphäre zum Mond geschossen haben, sondern geheime Daten. EIGENTLICH geheime Daten. Hacker arbeiten rund um die Uhr, um Sicherheitslücken auszuspähen, brisante Files abzugreifen und ihrer jeweiligen Behörde, die wiederum einer jeweiligen Regierung untersteht, Vorteile jeglicher Art zu beschaffen. Dass da Informationen im virtuellen Raum schweben, welche nicht nur Einzelpersonen erheblich schaden könnten, sondern sogar ganze Nationen ins Chaos stürzen könnten, wird wohl nur die Wenigsten überraschen. Wenn im E-Mail-Anhang nach dem Video des furzenden Pandas noch interne Daten mit zweistelliger Geheimhaltungsstufe kleben und beim Plausch übers Firmenhandy nach dem Rezept für hausgemachten Kürbiskuchen noch schnell der neuste Klatsch aus dem bestens abgeschirmten Konferenzraum folgt, fällt dies zwar unter menschliches Versagen, was die Netz-Spicker jedoch nicht davon anhält, sich diebisch grinsend die Hände zu reiben. Schließen wir solche peinlichen Fehltritte (die es mit ziemlicher Sicherheit so oder so ähnlich schon gegeben hat) mal aus, sollte es gewieften Daten-Dieben so schwer wie möglich gemacht werden. Doch… wohin mit den zentnerschweren Geheimnissen?

Datenträger voll

Die britische Regierung hat da einen ganz ausgebufften Plan. Um die brisanten Informationen des gesamten Landes zu schützen, vertraut man sie einfach (mehr oder weniger) rechtschaffenden Bürgern an. Was sich im ersten Moment wie die wohl beschissenste Idee des Jahres anhört, ist allerdings mit großem Aufwand für alle Beteiligten verbunden. Und freilich kommt nicht jeder hergelaufene Seppel für eine solch wichtige Aufgabe in Betracht. Die Teilnehmer des Programms werden sorgfältig ausgewählt. Alle fünf Zivilisten waren in der Lage, ein komplexes Rätsel zu lösen, welches speziell entwickelt wurde. Allesamt sind Synästhetiker. Also Menschen, die in der Lage sind, Sinnesreize auf besondere Art und Weise wahrzunehmen. So schmecken sie beispielsweise Farben oder visualisieren Musik. Sie verknüpfen quasi ihre Wahrnehmung.

Nun werden die geheimen Daten also offline genommen und in einen genetischen Code umgewandelt. Den bekommen die fünf Ausgewählten dann ins Hirn transplantiert. Natürlich nicht, ohne auf ihre wichtige Aufgabe als Träger sämtlicher Staatsgeheimnisse vorbereitet zu werden. Ebenfalls nicht, ohne über die Bedingungen instruiert zu werden… und die haben es schon in sich. So ist es den Geheimnisträgern strengstens untersagt, untereinander Kontakt aufzunehmen. Hinzu kommt, dass sie ihr bisheriges Leben für die Dauer von fünf Jahren, die die Informationen in ihren Gehirnen überdauern sollen, komplett aufgeben müssen. Für die meisten der menschlichen Datenträger das geringste Problem, da sie sich bisher eh nicht auf der Sonnenseite des Lebens befanden. Zum Beispiel die desillusionierte Flick, die die den lieben langen Tag am liebsten auf der Couch verbringt, während die Wohnung zusehends zur Müllhalde verkommt. Bei ihr ging es bergab, nachdem ihr Treffer bei „Match Your DNA“ - der beliebtesten Form der Partnervermittlung, welche auf einem wissenschaftlichen System basiert, bei dem DER EINE Seelenverwandte gefunden werden kann - sich als geisteskranker Serienkiller entpuppte. Oder der einsame Junggeselle Charlie, dessen Freundeskreis sich immer mehr von ihm entfremdete. Zurückgezogen und von einer schmerzhaften Schuld aus der Vergangenheit geplagt, wurde er immer besessener von Verschwörungstheorien, bevor er eher zufällig auf das komplexe Rätsel der Regierung stieß. Dann wären da noch Sinéad, die in einer mehr als toxischen Beziehung gefangen ist, und Emilia. Emilia hat allerdings ihr Gedächtnis verloren und erinnert sich nicht mal mehr an ihren Gatten. Damit gibt sie sich allerdings nicht zufrieden und beginnt berechtigte Fragen über ihre Vergangenheit zu stellen. Zu guter Letzt wäre da noch Bruno, dessen Leben nach dem Tod seiner Frau in Scherben liegt. Sie war PASSAGIERIN eines autonomen Fahrzeugs, welches vom Hackerkollektiv manipuliert wurde. Die Fahrt endete tödlich. Bruno hat nichts mehr zu verlieren… und nimmt die Dinge selbst in die Hand.

Als hätten diese fünf Menschen nicht von Haus aus genügend Probleme, sind sie nun Träger der geheimsten Daten des gesamten Königreiches (wofür sie nach ihrer Aufgabe immerhin fürstlich entlohnt werden sollen). Inklusive aller politischen Affären und Kenntnis über die wahren Ereignisse, bei denen Lady Diana, die Prinzessin von Wales, im Sommer 1997 während einer tragischen Autofahrt durch Paris ihr Leben ließ. So mancher menschliche Geheimnisträger ist neugieriger als erwartet, wo andere ihre ganz eigenen Ziele verfolgen. Ein doch nicht so wasserdichter Plan der Regierung, wie sich schon bald herausstellt, denn Menschenleben sind nicht allen gleich viel wert…

Aus der Reihe getanzt?

Streng genommen könnte man die von John Marrs geschriebenen Near-Future-Thriller als Reihe bezeichnen, auch wenn dies so nirgendwo vermerkt ist. Wer schon „The One“ und „The Passengers“ des britischen Autors gelesen hat, wird einige Überschneidungen bemerken. Immer wieder werden Anspielungen auf die vorherigen Werke eingestreut, ohne diese jedoch zu vertiefen. So lässt sich jeder seiner Romane unabhängig voneinander lesen. Aber es ist durchaus clever, wie Marrs sein kleines Universum stetig ausbaut.

Im direkten Vergleich mit dem Vorgänger „The Passengers“ schneidet „The Watchers“ nur minimal schlechter ab. Das liegt vor allem daran, dass es einige der knackig gehaltenen Kapitel gedauert hat, bis ich mit den unterschiedlichen Charakteren warm wurde. Sympathisch erscheinen nur die wenigsten von ihnen, was dem leichten Einstieg zusätzlich entgegensteht. Dafür nimmt Marrs sich viel Zeit, die Figuren glaubwürdig zu charakterisieren. Das mag - trotz der interessanten Grundidee - während der ersten Buchhälfte vielleicht (noch) nicht sonderlich spannend sein, spitzt sich aber immer mehr zu. Es folgen zahlreiche Twists und das Buch steigert sich zum absoluten Pageturner. Fährt die Handlung anfangs noch auf Sparflamme und man fragt sich, wohin die Reise genau gehen mag, zündet Marrs - zugegebenermaßen ziemlich spät - den Turbo und die Spannungskurve schnellt nach oben. Spätestens dann fällt es schwer, den dicken Brummer aus den Händen zu legen.

Fazit:

Der flotte, nicht künstlich mit Fachbegriffen aufgeblasene Schreibstil und der rasante Wechsel von Figur zu Figur halten die Leserinnen und Leser bei der Stange. Einzelschicksale, menschliche Abgründe und politisches Kalkül treffen aufeinander… und zeigen, wie grandios ein auf dem Papier überzeugender Plan scheitern kann. Zwischen Cyberpunk, „Johnny Mnemonic“ und dem alltäglichen Tauziehen der Mächtigen ist John Marrs‘ brisanter Thriller vielleicht näher am Puls der Zeit, als uns lieb sein mag.

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