Die stillen Gefährten: Eine viktorianische Geistergeschichte

Erschienen: Februar 2021

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Michael Drewniok
Gefangen auf einem mörderischen Holzweg

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2021

Elsies Leben war nie einfach. Der Vater stürzte vor ihren Augen in eine Kreissäge, die Mutter verfiel dem Wahnsinn, der familieneigenen Zündholzfabrik drohte die Pleite. Als Retter in der Not erschien Rupert Bainbridge, reich und aus gutem Haus. Er rettete nicht nur die Fabrik, sondern verliebte sich in die deutlich jüngere Elsie, die seinem Werben nachgab. Man heiratete, und Elsie wurde schwanger. Rupert beschloss den Umzug auf den Stammsitz seiner Familie. Kurz darauf ist er tot, und die junge Witwe zieht beklommen in Bridge House ein.

Das alte Haus genießt keinen guten Ruf. Die Einwohner des nahen Dorfes Fayford ignorieren es geflissentlich. Vor zweieinhalb Jahrhundert soll eine Hexe hier ihr Unwesen getrieben haben. Später fand man im Garten mehrere Skelette, und noch Anfang des 19. Jahrhunderts kam ein Diener auf nie geklärte Weise zu Tode. Viele Mitglieder der Familie Bainbridge starben auffällig früh, weshalb spätere Generationen The Bridge mieden.

In London tuschelt man über die junge Frau, deren reicher Gatte kurz nach der Hochzeit gestorben ist. Elsie wird sozial ausgegrenzt. Psychisch ohnehin labil, glaubt sie in dem düsteren, zimmerreichen Haus seltsame Geräusche zu hören und Dinge zu sehen, die sich auf den zweiten Blick als ‚Irrtum‘ erweisen, was die ohnehin skeptischen Bediensteten nicht für ihre unsichere ‚Herrin‘ einnimmt. Zu einer Quelle der Furcht werden die „stillen Gefährten“, überaus echt gestaltete Holzfiguren, die zumindest nach Elsies Meinung ein Eigenleben besitzen. Mit Fortschreiten der Schwangerschaft werden die Heimsuchungen intensiver - und offenbaren die Geschichte einer Tragödie, deren Opfer nicht ruhen wollen …

Erbarmungsloses Diktat gesellschaftlicher Formen

Wer sich in vergangene, scheinbar einfachere und damit ‚bessere‘ Zeiten zurückwünscht, sollte sich über die historischen Realitäten informieren - oder einen Roman wie „Die stillen Gefährten“ lesen, der die Wahrheit zur Unterfütterung einer Geschichte nutzt, deren übernatürlichen Elemente wie so oft gegen den zeitgenössischen Lebensalltag verblassen. Dabei steht Elsie Bainbridge eigentlich auf der Sonnenseite, wurde in eine wohlhabende Familie geboren und konnte sich in der sozialen Hierarchie ‚hochheiraten‘. Elend und Trübsal der weniger vom Schicksal Begünstigten kennt sie nur aus der Entfernung, wobei sie (zunächst) den Standpunkt ihrer Standesgenossen teilt, dass die Armen und Kranken ihr Schicksal selbst verschuldet haben und Mitgefühl oder gar tatkräftige Hilfe nicht verdienen.

Doch die finanzielle Sicherheit wird durch einen gnadenlosen Gesellschaftskodex flankiert, dem sich vor allem die Frauen des viktorianischen Zeitalters (= 1839-1901) unterwerfen mussten. Selbstbestimmung und Gleichberechtigung waren - ohnehin nur als phantastisches Denkspiel bekannt - blasphemische Forderungen. Die Frau galt dem Mann geistig unterlegen und sollte ihm gehorsam sein. Zwar ist Elsie die Haupterbin der väterlichen Fabrik, aber Kunden und Investoren wollen nur mit ihrem Bruder beraten.

Mit dem aufgeschlossenen Rupert schien Elsie eine Hintertür gefunden zu haben. Doch sein Tod verurteilt sie zum offiziellen Dasein einer Witwe, die ihre Trauer wie Queen Victoria möglichst lebenslang zelebrieren soll. Ein öffentliches Leben ist Elsie verschlossen, sie steht unter ständiger Beobachtung. Darüber hinaus hat sie „der Storch ins Bein gebissen“: Schwangerschaft ist in dieser Gesellschaft ein notwendiges, aber schmutziges Übel, das tunlichst vertuscht werden muss.

Zwischen Hirn und Horror

Es wundert nicht, dass Elsie psychische Ausfälle zeigt. Der Druck ist immens und sie kaum in der Verfassung ihm standzuhalten. Autorin Linda Purcell enthüllt nach und nach eine Vorgeschichte häuslicher Gewalt, die zusätzliche Spuren hinterlassen hat. Hinzu kommen womöglich Hirnschäden durch die ständigen Phosphordämpfe aus der familieneigenen Zündholzfabrik, denen sie seit ihrer Kindheit ausgesetzt war. Elsie wurde schon vor ihrer Ehe verhaltensauffällig, was ebenfalls unter den Teppich gekehrt wird, weil Geisteskrankheit Schande über die gesamte Familie bringt.

Nun ist Elsie Witwe, schwanger und quasi Gefangene eines Hauses mit unguter Vergangenheit. The Bridge ist das klassische Geisterhaus; zwar prächtig eingerichtet, aber staubig und dunkel bzw. reich an Ecken und Winkeln, in denen Schatten huschen. Hinzu kommen nächtliche Geräusche und schließlich sichtbare Manifestationen einer Macht, die entweder selbstständig existiert oder in Elsies Hirn beheimatet ist.

Sieht sie tatsächlich die „stillen Gefährten“ durch das Haus ziehen? Die Autorin lässt uns lange im Unklaren. Mal stimmen die Hausdiener ihrer Herrin zögerlich zu, dann streiten sie ihr Wissen ab. Auf diese Weise unterstützt Purcell die Vagheit eines Geschehens, das real oder wahnhaft eingebildet sein kann. Diese Ambivalenz zieht sich durch den gesamten Roman, bis die letzten Zeilen eine Entscheidung bringen, die allerdings eine letzte Täuschung widerspiegeln könnte.

Lawine des Grauens

„Eine viktorianische Geistergeschichte“ lesen wir hier, informiert uns der Untertitel. In diesem Kontext konfrontiert uns die Autorin mit einer Kette einschlägiger Klischees, in die sich Anachronismen mischen: Zwar spielt diese Geschichte 1865/66, aber die Ereignisse werden in der Rückschau beschrieben. Purcell ist eine Frau des 21. Jahrhunderts. Das kann und will sie nicht leugnen, wobei sie allerdings historische Realität und Entrüstung mischt, bis sich eine Melange ergibt, die zwischen Unterdrückungs-Dramatik und Gaslicht-Grusel (plus einige Splatter-Spritzer) changiert.

Natürlich prägt sein Dasein den Menschen. Unterdrückte Gefühle bahnen sich irgendwann ihren Weg. Dass die geplagte Heldin sich nicht artikulieren und verständlich machen kann, soll Elsies Hilflosigkeit unterstreichen. Ihr fehlen buchstäblich die Worte, was Purcell als Stilmittel übertreibt. Zudem verfügt sie nicht über die schriftstellerischen Fähigkeiten, Elsies Sturz in den Wahnsinn - der identisch mit der Niederlage im Kampf gegen die „Gefährten“ ist - überzeugend darzustellen. Auch fehlt ein roter Faden, an den sich die Unerbittlichkeit dieses Prozesses orientiert. „Die stillen Gefährten“ erinnert an Genre-Klassiker wie Henry James‘ „The Turn of the Screw“ (1898, dt. „Die Drehung der Schraube“) oder Shirley Jacksons „The Haunting of Hill House“ (1959, dt, „Spuk in Hill House“), ohne qualitativ auch nur in die Nähe dieser Vorlagen zu kommen.

Dies spiegelt sich auch in einem Durcheinander mehr oder weniger gruseliger Ereignisse, denen gesamtheitlich ein Rhythmus fehlt. Die Handlung ‚springt‘; Elsie schnappt nicht schleichend über, sondern konfrontiert die Leser mit entsprechenden Anzeichen meist plakativer Art. Hinzu kommen Einschübe aus einem Tagebuch des Jahres 1635, das die ‚gegenwärtige‘ Handlung eher wiederholt sowie gradlinig aufklärt, statt die Vergangenheit einfließen zu lassen. Vorbereitet bzw. vorweggenommen wird eine Auflösung der enttäuschenden und vor allem nicht überraschenden Art.

Handwerklich liegt dieses Buch rundum erfreulich in der Hand. Es ist fest gebunden und weist nicht nur ein ‚echtes‘ Titelbild, sondern auch ein Lesebändchen auf. Um den ‚viktorianischen‘ Aspekt zu verstärken, erhielt der Band sogar einen aufwändigen Goldschnitt. Zur schönen Gestaltung kommt - last but not least - eine gute Übersetzung.

Fazit:

Die Geschichte einer dämonischen Heimsuchung bzw. eines geistigen Zerfalls ist reich an genretypischen „Gothic“-Effekten und Episoden, bleibt aber ohne echten Tiefgang und entfesselt weniger unterschwelliges Unbehagen als Buh!-Schrecken. Die kundig mit historischem ‚Real-Horror‘ versetzte Story kann nur bedingt fesseln. Wem pseudo-hintergründiges Geistertreiben genügt, dürfte aber zufriedenstellend unterhalten werden.

Die stillen Gefährten: Eine viktorianische Geistergeschichte

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