Vanara: Aufstieg der Bahedor (Drachenfeuer Chroniken I)

Erschienen: Oktober 2020

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Marcel Scharrenbroich
Mit dem Herz in der Hand und der Leidenschaft im Schwert…

Buch-Rezension von Marcel Scharrenbroich Apr 2021

„Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut, etwas zu riskieren?“
-Vincent van Gogh (Niederländischer Maler; 1853 - 1890)

Die siebzehnjährige Vanara Esperschild lebt bei ihrer Tante im kleinen Städtchen Ammerlingen. Dort unterstützt sie als Magd tatkräftig Tante Milda, die in dem beschaulichen Ort den Gasthof „Zum Hinkenden Keiler“ führt. Doch würde man die junge Frau fragen, wo sie sich selbst in fünf Jahren sieht, würde sie mit Sicherheit nicht antworten „beim bedienen von Gästen und schrubben von Tellern“. Nein, Vanara ist abenteuerlustig, hat Feuer im Blut. Ob sie diese Eigenschaft von ihrem Vater Balin geerbt hat? Dieser war nämlich ein Ritter, verließ die Familie jedoch kurz nach Vanas Geburt. Er stellte sich nach dem Tod seiner Frau, Vanas Mutter, in den Dienst der Kirche und zog in den heiligen Krieg… aus dem er niemals wieder zurückkehrte. Milda zog das Mädchen daraufhin wie ihre Tochter groß und hat scheinbar einen guten Job gemacht, denn Vanara ist clever, zielstrebig und selbstständig. Insgeheim träumt sie davon, einmal zu den Gladior Panzerrittern zu gehören, quasi der Elite-Einheit der Kirche. Besser ausgerüstet als normale Ritter. Stark, furchtlos und immer kampfbereit. Obwohl die Ehre, in den Panzerritter-Orden aufgenommen zu werden, ausschließlich dem männlichen Geschlecht vorbehalten ist, möchte Vanara ihren großen Traum nur ungern begraben. Heimlich trainiert sie mit ihren Freunden, den Zwergen, den Schwertkampf. Die durch eine Lebensschuld ebenfalls im Gasthof aushelfenden Zwerge Aldo, Sappo, Teppo und Huppo haben zwar eine Menge Schabernack im Sinn, dafür aber auch das Herz am rechten Fleck. Als das von der Kirche ausgerichtete Arma-Sanctorum, bei dem die zukünftigen Gladioren in einem Wettbewerb gefunden werden sollen, in Ammerlingen haltmacht, greifen die Burschen ihrer Freundin tatkräftig unter die Arme.

Durch einen nicht geplanten Zwischenfall verletzt sich ein großmäuliger Knappe am Vorabend des Drachenlaufs, dem aufwändigen Hindernis-Parkour, dem sich die Gladior-Anwärter vor tosendem Publikum stellen müssen. Das scheint Vanaras Chance zu sein, nicht nur in dessen Rüstung, sondern auch in dessen Haut zu schlüpfen. Die gut vernetzten Zwerge haben das eine oder andere Mittelchen parat, damit Vanaras Tarnung nicht direkt auffliegt, sobald sie den Mund aufmacht. Und mittels ein wenig Hokus Pokus ist es sogar möglich, dass sich ihr Äußeres für einen gewissen Zeitraum verändern lässt. So wird aus Vanara kurzerhand Egbert und ihr sehnlichster Wunsch scheint zum Greifen nah… die Aufnahmeprüfung für den Panzerritter-Orden zu bestehen.

Allerdings hat es der Drachenlauf in sich. Die Anwärter müssen alles geben, um zu bestehen… was eh nur den wenigsten Teilnehmern gelingt. Und dass Vanara nach dem Lauf einfach einen Haken unter ihr außergewöhnliches Abenteuer machen könnte, ist auch nur Wunschdenken. Die Kirche nimmt ihre Rituale sehr ernst, schließlich wurden die Gladior Panzerritter nicht zum Spaß ausgebildet, sondern sind nach den Kreuzzügen für die Verteidigung des Landes zuständig. Dieses gilt es nämlich vor düsteren Gefahren, wie Drachen oder Dämonen, zu beschützen. Gefahren, die nur allzu real sind und Vanaras großen Traum plötzlich nicht mehr in leuchtendem Licht erstrahlen lassen.

Über Indien nach Ammerlingen

Forscht man mal ein wenig nach, findet man heraus, dass Vanara ein Begriff in der indischen Literatur- und Gelehrtensprache Sanskrit ist. Der Bedeutung nach, werden so Gruppen von Menschen genannt, die in den Wäldern leben. Die Theorie, dass es sich um Fabelwesen mit übernatürlichen Fähigkeiten handelt, steht ebenfalls im Raum. Häufig wird Vanara auch mit Affe gleichgestellt, was wiederum auf das Leben im Wald (= Vana) zurückgeht. Unter diesem Aspekt kann man am ehesten Parallelen in der Verhaltenstheorie von Primaten erkennen. Dort bildet sich vor allem in Gruppen eine Rangordnung heraus, die den Stärksten, Klügsten oder Tapfersten an die leitende Spitze einer Horde stellt. Dies ließe sich auch auf unsere Vanara transportieren, die sich in einer vermeintlichen Männer-Domäne behaupten muss. Die übernatürlichen Fähigkeiten sollen ebenfalls nochmals aufgegriffen werden, da die Roman-Heldin über ein Mal verfügt… das sogenannte Feuermal. Damit ist Vanas Weg ohne ihr Wissen bereits vorbestimmt, denn sie ist die Erbin des legendären Drachenfeuers. Was es damit auf sich hat, sollte jede Leserin und jeder Leser selbst herausfinden, wenn er sich mit Vanara auf ein phantastisches Abenteuer begibt.

Die Figur der Vanara passt dabei perfekt in die heutige Zeit, bietet sie doch starkes Identifikationspotential und ist ein positives Zeichen für Gleichberechtigung, Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit. Trotzdem ist das charmante All-Ages-Fantasy-Abenteuer nicht nur für ein weibliches Publikum eine große Empfehlung. Auch männliche Leser können viel aus dem Trilogie-Auftakt mitnehmen, denn die junge Heldin umschifft gewitzt und aufgeweckt jegliche Rollenbilder und Klischees. Naja, fast… denn, dass ausgerechnet ein mysteriös-geheimnisvoller, dunkel gekleideter Badboy als Love-Interest den netten, verständnisvollen, leicht dicklichen Kameraden aussticht, ist schon wieder so klischeebeladen, dass es mit dem Holzhammer Beulen in die Gladior-Rüstung kloppt. Da sprühen einem beim Lesen unweigerlich „Chilling Adventures of Sabrina“-Vibes entgegen, was sich aber noch fast rückstandlos wegpolieren lässt.

Schreib- und stichfest

Autor Mark Wamsler hat nicht nur eine blühende Fantasie und übt leidenschaftlich den Schwertkampf aus, er ist auch Lehrer. Er unterrichtet an einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) Schülerinnen und Schüler mit Lernproblemen und Entwicklungsverzögerungen. Neben dem Unterricht begeistert er seine Schützlinge auch gerne mit kreativen Aufgaben und bringt ihnen sogar den Schwertkampf nahe. Auf spielerische Weise lehrt er so Disziplin und auch Verantwortung, die bei der sehr körperlichen Aktivität Voraussetzung sind. Weg von digitalen Spielereien und rein ins Live-Abenteuer! Am Schwert ist Mark Wamsler auch während seiner Freizeit zu finden, denn neben anderen Kampfsportarten unterrichtet er im Verein noch klassischen, mittelalterlichen und den immer gerne gesehenen Lichtschwert-Kampf. Einmal wie Rey oder Luke fühlen… wer möchte das nicht?

Wamslers Titelheldin basiert sogar auf einem realen Vorbild. Bei der Erschaffung der Figur Vanara orientierte er sich an einer ehemaligen Schülerin, die einen bleibenden Eindruck bei dem Lehrer hinterlassen hat. Ähnlich wie der Romanfigur gelang es der Schülerin, sich durchzusetzen und gegen Widrigkeiten zu behaupten. Eine schöne Geschichte, die Vanara noch greifbarer und authentischer erscheinen lässt.

„Vanara: Aufstieg der Bahedor (Drachenfeuer Chroniken I)“ ist im WUNDERHAUS VERLAG erschienen und ich wage zu behaupten, dass ich in den letzten Monaten – wenn nicht sogar Jahren – kein schöner gestaltetes Buch in Händen halten durfte. Das hochwertige Hardcover kommt mit mattem, stabilem Einband daher und verfügt über eine geprägte Spot-Lack-Schrift auf Front und Buchrücken. Die Seiten sind blütenweiß, die Schrift ist optimal lesbar. Im Buch selbst gibt es einige schwarz-weiß-Illustrationen, die das jeweilige Geschehen wiederspiegeln. Gezeichnet wurden diese von der russischen Künstlerin Ketrin Rey. Eine wunderschöne Mischung aus moderner Comic-Kunst und leichten Manga-Einflüssen.

Fazit:

Mark Wamsler ist mit „Aufstieg der Bahedor“ ein mitreißender Trilogie-Auftakt gelungen, der die Weichen in Richtung episches Spektakel stellt. Ritter, Dämonen, feuerspeiende Drachen und eine taffe, sympathische Heldin. Fantasy-Freunde jeden Alters sollten an der Kreuzung mal die Touristen-Hochburg Mittelerde links liegenlassen und Richtung Ammerlingen abbiegen… der Abstecher lohnt sich!

Vanara: Aufstieg der Bahedor (Drachenfeuer Chroniken I)

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