Die Mumienkäfer

Erschienen: Juli 1974

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Michael Drewniok
Im Dauer-Kampf gegen Mumien und Vampire

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2021

In London sterben Menschen (und ein Schwan), die scheinbar von unsichtbaren Händen erwürgt werden. Just erwischte es den prominenten Forscher Sir Michael Ferrara, was dessen trauernden Freund Dr. Bruce Cairn auf den Plan ruft. Der Arzt und Okkultist argwöhnt zu Recht, dass Ferraras Adoptivsohn Antony dahintersteckt, der sein Wissen über altägyptische Schwarzmagie missbraucht, um u. a. an das Vermögen des Vaters zu kommen. Allerdings ging die Hälfte des Vermögens an Kusine Myra Duquesne. Es steht zu befürchten, dass Antony übernatürlich dafür sorgen will, dass auch dieses Geld erbfallbedingt an ihn gehen wird. Allerdings hat der agile Jungreporter Robert - Dr. Cairns Sohn - verliebt sein Auge auf die schöne Myra geworfen und bietet ihr galant seinen Schutz an.

Zunächst hat Antony ohnehin andere Pläne. Er verbündet sich mit dem Geist der Vampir-Hexe Mirza, die seit ihrem ‚Tod‘ Anfang des 17. Jahrhunderts darauf brennt, ins Reich der Lebenden zurückzukehren. Bisher peinigte Mirza eher erfolglos die Nachfahren ihres Gatten. Noch immer residieren die Lords von Lashmore in der Familienburg Dhoon. Nun bemächtigt sich Mirza des Geistes der aktuellen Lady Lashmore. Diese attackiert ihren Mann, der dies nicht überlebt. Dr. Cairn, der den Lord zu seinen Patienten zählte, kommt zu spät. Er ahnt die Zusammenhänge, doch ihm fehlen Beweise - und Mirza wie Antony sind verschwunden.

Um ihre Nerven zu beruhigen, treten Vater und Sohn Cairn eine Reise nach Ägypten an. Sie stoßen auf Antony, der dort seine okkulte ‚Ausbildung‘ vollendet und ein uraltes Grauen heraufbeschworen hat, das er rachsüchtig über jene herfallen lässt, die sich ihm in den Weg stellen …

Tod und Unsterblichkeit

Die imposanten Überreste der altägyptischen Geschichte zogen Reisende, Träumer und Wissenschaftler in ihren Bann. Für die britische Forschung war es von erheblichem Vorteil, dass Ägypten Ende des 19. Jahrhunderts unter britischen Kolonialeinfluss geriet. Forscher wie Flinders Petrie gehörten zu den Pionieren der altägyptischen Archäologie. Was sie aus dem sandigen Boden gruben (und in der Regel sofort nach England schafften), faszinierte die Zeitgenossen aufgrund unglaublicher Vielfalt und künstlerischer Qualität. Auch die akademisch weniger interessierten Zeitgenossen kamen auf ihre Kosten: Die Tradition der alten Ägypter, ihre Toten als Mumien für die Ewigkeit zu konservieren, bot angenehmen Grusel beim Auspacken und Begaffen.

Was wäre, würde eine solche Mumie plötzlich wieder auferstehen? Magie und die moderne Wissenschaft könnten sich hilfreich treffen, um dies zu ermöglichen bzw. zu verhindern. Diese naheliegende Idee ließen sich die Unterhaltungsschriftsteller der Ära nicht entgehen. Bekannte Namen wie Arthur Conan Doyle (1859-1930; „Lot No. 249“, 1892) oder Bram Stoker (1847-1912; „The Jewel of the Seven Stars”/dt. „Die sieben Finger des Todes”, 1903) sowie der vergessene, aber einst erfolgreiche Guy Newell Boothby (1867-1905; „Pharos, the Egyptian“/dt. „Pharos der Ägypter‘, 1899) griffen sie auf und legten die Grundlage für ein gleichermaßen altes wie neues Monster, das nicht nur böse, sondern auch einsam ist sowie versucht, in einer modernen Welt Fuß zu fassen, sich für erlittenes Unheil zu rächen und eine Gefährtin (wieder-) zu finden.

1918 ging Sax Rohmer an Bord des Zugs nach Altägypten. Er hatte seit 1913 enormen Erfolg mit der Figur des Dr. Fu-Manchu, der als zeittypischer asiatischer Finsterling die üblichen Welteroberungspläne verfolgte, die Briten heldenhaft immer wieder durchkreuzen mussten. Ähnlich konzipierte Rohmer „Brood of the Witch Queen“, wie der Originaltitel des hier vorgestellten Werkes lautet; er deutet an, dass der Autor sich nicht mit einer untoten Mumie begnügte.

Mumien- und Hexenzauber

Rohmer trug generell dick auf, um den Effekt und damit das Interesse seines Publikums zu steigern. Die Logik war ihm weniger wichtig, zudem war er ein Vielschreiber, der nicht viel Zeit in seine Werke investieren konnte (oder wollte). Man sollte sich jedoch nicht durch die Kombination altägyptischer Magie mit europäischer Hexerei abschrecken lassen. Gerade der Irrwitz des Garns sorgt auch im 21. Jahrhundert für Schwung.

Zeittypisch ist die Konstellation Held - Schurke - Jungfrau in Not. Das Konzept ist Treibriemen für die Mehrzahl aller jemals erzählten Geschichten, wobei die ‚hohe‘ Literatur keineswegs ausgeschlossen ist. Dass manches heute eher enervierend wirkt, weil beispielsweise Frauen die Rolle des passiven „love interest“ hinter sich gelassen haben, darf man nicht Rohmer vorwerfen. Ebenfalls ‚unschuldig‘ ist er, weil er Robert Cairn als reinen Edelmut nicht nur darstellt, sondern - ebenfalls aus moderner Sicht - eher karikiert.

Das andere (weibliche) Extrem verkörpert (natürlich) die schöne, böse, verworfene Mirza. Selbstbestimmung oder gar Gleichberechtigung waren 1918 Begriffe, die viele Zeitgenossen in einer Gruselgeschichte am besten aufgehoben sahen. Entsprechende Forderungen konnten nur dämonischer Herkunft sein. Mirza ist eine männliches Schreckgespenst und als solches ein Archetyp, den Rohmer immer gern bemühte; auf die Spitze trieb er es sicherlich mit seiner „Sumuru“-Serie: Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte Rohmer ‚saftiger‘ schreiben, doch für diese Werke müsste er heute wohl in der „MeToo“-Hölle schmoren.

Das wirklich Böse im Schatten des Schreckens?

Obwohl die deutsche Ausgabe um diverse Hässlichkeiten erleichtert sein dürfte, wird mehr als ansatzweise deutlich, dass Rohmer Ägypten - das antike und vor allem das moderne - als Spielwiese betrachtet. Dass die überlieferten Riten Zeugnisse eines tiefen Glaubens dokumentieren, war ihm gleichgültig bzw. wurde in jene Art von Exotik umgemünzt, die lange Zeit unreflektiert „Eingeborene“ als Spannungselemente nutzte bzw. missbrauchte und sie ähnlichen Schrecknissen - wilde Tiere, Monster oder Geister - an die Seite stellte.

Im Rückblick muss man erneut akzeptieren, dass Rohmer, den wir heute einen Rassisten nennen würden, sich keiner Schuld bewusst gewesen sein dürfte. Diese Haltung war allgemein üblich und sanktioniert. Nicht nur Rohmer beschrieb ein Ägypten, dessen Bewohner aus Dienern, Angsthasen und/oder Strolchen besteht. Sowohl die Helden- als auch die Übeltaten begehen die ‚Touristen‘, wobei die ‚Guten‘ mit den eingereisten Briten identisch sind.

Ebenfalls üblich war die Charakterisierung eines Schurken, der bereits äußerlich gegen ungeschriebene, aber zwingende Regeln verstößt. Antony Ferrera wurde in eine alte und vornehme Familie geboren, doch seine Herkunft ist fragwürdig und sein Charakter folgerichtig schlecht. Dies steht ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben, dessen Züge in keiner Weise „angelsächsisch“ sind. Jenseits jeglichen Britentums verschreibt sich Antony der Schwarzmagie, meuchelt den eigenen Vater und schreckt auch sonst vor keiner Niedertracht zurück.

Einige Worte der Verteidigung

Rohmer war definitiv kein ‚guter‘ Autor, aber er verstand durchaus zu erzählen. Die deutsche Übersetzung dieses Romans leidet unter der verlagsseitig einst üblichen Seitennormierung. Deshalb ist davon auszugehen, dass die Sprunghaftigkeit der Handlung zu einem Gut- (bzw. Schlecht-) auf diese Praxis zurückgeht. Auf 145 Seiten lässt sich eine mit ereignisreichen Episoden gespickte Story einfach nicht gebührend wiedergeben.

Dies bestätigt eine Kritik, die „Brood of the Witch-Queen“ mehrheitlich als eines der besten Rohmer-Werke überhaupt betrachtet - ein deutlicher Hinweis auf Qualität, denn die Defizite dieses Autors wurden und werden ansonsten deutlich herausgestellt. Selbst H. P. Lovecraft (18901937), der üblicherweise streng über den gedruckten Horror urteilte, betrachtete „Brood“ als Beispiel für gelungene Phantastik.

Im Vordergrund steht nicht die literarische Qualität, sondern Rohmers Talent, seine Geschichte zu erzählen, ohne sich von Fakten einschränken zu lassen. Was er für sein Garn brauchbar findet, entreißt er der (historischen) Realität ohne Skrupel. Störendes wird ignoriert, Lücken nach Belieben einfallsreich gefüllt. Faktisch sind die Blockbuster des modernen Kinos mustergleich gestrickt, was verrät, wie alt bestimmte Strukturen der trivialen Unterhaltung sind. Leider ermöglicht zumindest diese Fassung kein adäquates Urteil; eine dem Original gerecht werdende Übersetzung wäre wünschenswert.

Fazit:

Ohne Rücksicht auf Realität oder Logik spinnt Sax Rohmer unbekümmert ein kunterbuntes Gruselgarn, das durch sein Alter bzw. die triviale Lebendigkeit einer so nie existenten, aber spannenden Vergangenheit zusätzlich gewinnt; die deutsche Übersetzung leidet unter ihren Kürzungen.

Die Mumienkäfer

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