Der dunkle Schwarm

Erschienen: Juli 2021

Couch-Wertung:

75°
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André C. Schmechta
Rasanter Cyber-Thriller

Buch-Rezension von André C. Schmechta Aug 2021

Wir schreiben das Jahr 2100. Die Menschen auf der Erde tragen zur Kommunikation Implantate, können ihr Bewusstsein darüber in sogenannten Hive-Minds verbinden. Das gilt auch für die 28-jährige Atlas alias Oracle. Doch sie ist jemand mit einzigartigen Fähigkeiten. Sie kann tief in das Bewusstsein von Menschen eindringen, so deren gesamtes Leben auskundschaften, Erinnerungen stehlen. Damit betreibt sie einen lukrativen Handel. Als ein neuer Auftrag lockt, ahnt sie noch nicht, welche Dimensionen er annehmen wird.

Noah, Sohn eines Großindustriellen, berichtet von dem Mord an einem gesamten Hive. Unter den Opfern ist auch seine Schwester. Er möchte die Täter ausfindig machen, bietet Atlas um Hilfe und dafür eine enorme Summe Geld. Erste Nachforschungen zeigen Verbindungen zur mächtigen Umweltorganisation „The Cell“. Die hat es auf Industrieunternehmen abgesehen hat, erpresst Schutzgelder und schreckt vor Gewalt nicht zurück, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Als nicht nur das Leben von Atlas in Gefahr gerät, wird schnell klar, dass die Verstrickungen weitreichender sind. Atlas plant aus dem Auftrag auszusteigen. Doch dafür ist es schon zu spät…

Vom Hörbuch zum Roman

„Der dunkle Schwarm“ wurde ursprünglich als Audible-Hörbuchproduktion veröffentlicht, so verwundert die Kapitelaufteilung in „Folgen“ nicht. Marie Graßhoff erzählt die Geschichte durchweg aus der Perspektive ihrer Hauptfigur Atlas. Durch die Fähigkeit in das Bewusstsein von Menschen einzudringen sehen wir entsprechend auch andere Handlungselemente quasi mit ihren Augen.

Es ist schon eine gewaltige Datenmenge, die in der zukünftigen Welt durch die Implantate der Menschen entsteht und die in gigantischer technischer Infrastruktur gesichert wird. Atlas kann sich dieser Daten bedienen, in direktem Kontakt mit anderen Personen oder indirekt über die weit verzweigten Verbindungen. Auch sonstige Computer- oder Sicherheitssysteme sind vor ihr nicht sicher.

Taff, selbstbewusst, kämpferisch … aber keine Superheldin

Aber diese Fähigkeiten machen aus Atlas noch kein Überwesen oder unverwundbare Superheldin. Ihre intensiven Nachforschungen und Hacks verbrauchen immense Kräfte und Ressourcen, schwächen sie auch mal für längere Zeit. Gut, dass ihr der ehemalige Kampfdroiden Julien nicht nur physisch zur Seite steht, sondern auch wichtiger Ratgeber und Freund geworden ist.

Eine in Sub- und Upper-Level aufgeteilte Gesellschaft, hoch entwickelte technische Infrastruktur, Klima- und Umweltprobleme, unterschiedliche Interessenlagen von Unternehmen und Organisationen … Die Geschichte hätte enormes Potential für ein ausgeprägtes World Building und ausgedehnte Entwicklungen und Verflechtungen der handelnden Personen gehabt. Marie Graßhoff aber hetzt beinahe ihre kleinen Heldengruppe durch die Geschehnisse und gestattet ihr nur in der Anfangsphase vereinzelte Ruhepausen.

Der Fokus liegt damit auf der noch jungen und sympathischen Heldin. Auf der einen Seite Atlas, Programmiererin beim größten Hive-Entwickler. Auf der anderen Seite unterwegs mit Decknamen Oracle, um lukrativen Geschäften nachzugehen. Trotz ihrer Fähigkeiten wird sie durch ein Wechselbad der Gefühle geschickt wird, ist ihrer Vergangenheit auf der Spur, hat nicht nur die Polizei im Nacken sitzen und steht trotz aller widrigen Umstände dennoch ihre Frau. Doch gelegentlich gelingt der Spagat zwischen abgeklärter, souveräner, nachdenklicher und verletzlicher Hauptfigur nicht, manche Überlegung und manches Verhalten sind mir dann doch zu sprunghaft und aktionistisch.

Hohes Tempo! Zu hoch?

Unweigerlich aber gerät bei dem Tempo manches atmosphärische Detail und auch eine nuancierte Figurenzeichnung - neben Atlas bleiben selbst ihr Auftraggeber Noah und ihr enger Gefährte Julien blass - in den Hintergrund. Eine nächste dramatische Entwicklung oder eine wichtige neue Erkenntnis warten schließlich schon. Auch werden die gigantischen Dimensionen, Zusammenhänge und Möglichkeiten von Technologie sowie die eigentlichen Gegenspieler ein wenig zu sehr abgehandelt, verlieren damit an Faszination und Intensität. Das Finale schließlich ist mir dann ein wenig zu theatralisch inszeniert.

Bei aller Kritik, Marie Graßhoff macht das geschickt, ihr bildhafter, lebendiger und beinahe ungestümer Stil ist stets von einer souveränen Leichtigkeit geprägt und lässt nie wirkliche Langeweile aufkommen. Natürlich möchte man von Beginn an wissen, welches Ende auf Atlas wartet.

Fazit:

Marie Graßhoff hat einen rasanten Cyber-Thriller geschrieben, dem durch die straffe Erzählweise schlussendlich Tiefe und mehr substantieller Überbau fehlt. Beides schlummert durchaus in der interessanten Grundidee. So bleibt „Der dunkle Schwarm“ durchweg kurzweilige Science-Fiction, die auf knapp 350 mit Spannung, einer einnehmenden Hauptfigur und auch einer ordentlichen Prise Action unterhält.

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