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Michael Drewniok
13 unerwartete - verblüffende - tödliche Begegnungen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2021

13 Novellen und Kurzgeschichten (sowie ein Story-Bonus), in denen auch das uralte Böse im 21. Jahrhundert angekommen ist, der Vorhang zur „Twilight Zone“ sich hebt oder der reine Wahnsinn regiert:

- Einleitung: Wer ist dein Daddy? (Introduction: Who's Your Daddy?; 2019), S. 9-32

- Vollgas (Throttle; 2009), S. 33-90: Der ohnehin fehlgeschlagene Drogen-Coup einer Rockerbande gipfelt im Duell mit einem Truckfahrer, der es mit seinem PS-starken Gefährt auf die Männer abgesehen hat.

- Das Karussell (Dark Carousel; 2018), S. 91-140: Ein Missverständnis beschwört die ewige Rache des Opfers auf vier Teenager herab, denen von nun an hölzerner Horror mit Mordabsichten im Nacken sitzt.

- Wolverton Station (Wolverton Station; 2011), S. 141-175: Ein skrupelfreier Geschäftsmann gerät in eine Nische dieser Welt, in der noch gnadenlosere Kreaturen das Sagen haben.

- An den silbernen Wassern des Lake Champlain (By the Silver Water of Lake Champlain; 2012), S. 176-212: Kinder finden am Ufer den Kadaver eines mysteriösen Wesens, aber es ist nicht so allein, wie sie es glauben.

- Faun (Faun; 2019), S. 213-274: Die kleine Tür öffnet sich in ein Märchenland, doch ein skrupelloser ‚Geschäftsmann‘ nutzt dies aus, bis sich die Bewohner schließlich wehren.

- Überfällig (Late Returns; 2019), S. 275-348: Ausgerechnet ein alter Bücherbus ermöglicht Zeitreisen in die Vergangenheit.

- Meine Welt dreht sich nur um dich (All I Care About Is You; 2017), S. 349-395: In ferner Zukunft gibt ein Roboter einem verzweifelten Mädchen neuen Lebensmut - und wird im Gegenzug ‚erlöst‘.

- Daumenabdruck (Thumbprint; 2007), S. 396-435: Sie hat im Irak Kriegsverbrechen „im Dienst der USA“ begangen, konnte aber unbehelligt in die Heimat zurückkehren, wo sie nun am eigenen Leib erfahren muss, wie es ihren Opfern erging.

- Der Teufel auf der Treppe (The Devil on the Staircase; 2010), S. 436-455: Der eifersüchtige Simpel geht dem Teufel leicht in die Falle und wird diesen dereinst für seine ‚Hilfe‘ bezahlen müssen.

- Tweets aus dem Zirkus der Toten (Twittering from the Circus of the Dead; 2010), S. 456-490: Der langweilige Familienurlaub nimmt im Zombie-Zirkus Fahrt auf - und findet sein Ende.

- Mums (Mums; 2019), S. 491-553: Im Leben konnte sie ihren Sohn nicht vor dem gewaltfanatischen Vater retten, aber sie gehört zu einer Familie, die ihre Angehörigen auch im Tod nicht im Stich lässt.

- Im hohen Gras (In the Tall Grass; 2012), S: 554-618: Die uralte Kreatur hat in der Einöde des US-Staates Kansas eine perfekte Menschenfalle aufgestellt.

- Wir geben Sie frei (You Are Released; 2018), S. 619-662: Ein Routine-Passagierflug nimmt einen dramatischen Verlauf, als urplötzlich ein weltweiter Atomkrieg ausbricht.

- Anmerkungen und Danksagungen (Story Notes and Acknowledgments; 2019), S. 663-684

- Ein kleiner Kummer (A Little Sorrow; 2019), S. 686: Mancher Mensch ist nur glücklich, wenn er unglücklich sein kann.

Im Vollbesitz eines ererbten/entwickelten Erzähltalents

„Joe Hill“ heißt eigentlich Joseph King und ist einer der Söhne des Schriftstellers Stephen King. Der feiert seit vielen Jahrzehnten immer neue Bestseller-Erfolge und wurde zumindest ‚beruflich‘ zu einem jener Über-Väter, in deren Schatten Kinder verdorren können, wenn sie ebenfalls schreiben wollen. Auf Hill trifft dies nicht zu. Er feiert schon seit vielen Jahren eigene Erfolge. Sein ‚Erbe‘ kann er freilich nicht verleugnen. Was er seit jeher durchblicken ließ, macht er in einem ausführlichen Vorwort zur hier vorgestellten Story-Sammlung endgültig deutlich: Er will es gar nicht, weil er keinen Grund dafür sieht (was er im Nachwort aufgreift und vertieft).

Offensichtlich hat Joe Hill seinen Frieden damit gemacht, dass es ihn als Autor dorthin trieb und treibt, wo sein Vater immer noch ein Platzhirsch ist. Dies erklärt er ebenso einleuchtend wie mit den im King-Clan anscheinend üblichen = klaren Worten: Hill liebt die Phantastik, er hat bei und von seinem Vater gelernt und fragt sich also (rhetorisch), wieso er sich inhaltlich oder stilistisch unbedingt von ihm entfernen und unterscheiden sollte.

Aus literaturkritischer Sicht ist dies eine ketzerische Ansicht. Selbstständigkeit gilt dort weiterhin als das Maß aller wertvollen Dinge, obwohl sie längst eine Ausnahme darstellt: Die Variation des Bekannten oder besser: Bewährten ist der alltägliche Standard. Gerade in der Unterhaltungsliteratur ist er dominant. Als Leser ist man heilfroh darüber, dass Hill sich nicht auf Biegen & Brechen als Non-King versucht, sondern einfach schreibt, wie er es kann - ein King oder ein Hill, wenn er es möchte, wobei die Grenzen nahtlos sein können. Hill gibt dies offen (oder fröhlich) zu, und er schreibt problemlos Texte gemeinsam mit dem Vater: in „Vollgas“ die Titelgeschichte sowie die Story „Im hohen Gras“.

„Hill“ oder „King“ - Unterhaltung ist garantiert

Dass er sich (wie sein Vater, aber auch wie die meisten aktuellen Autoren) der Populärkultur bedient, ist für Hill ebenfalls kein ‚Geheimnis‘ oder Wurzel eines schlechten Gewissens. So basiert „Vollgas“, besagte Titelstory, auf einer von Sohn und Vater aufgegriffenen Vorlage des Phantastik-Altmeisters Richard Matheson (1926-2013). Dieser schrieb (neben zahlreichen anderen Genre-Klassikern) 1971 die Erzählung „Duell“, die umgehend vom jungen Stephen Spielberg fabelhaft verfilmt und zu einem Filmklassiker wurde sowie zahlreiche Nachfolge-Autoren und Regisseure ‚inspirierte‘. „Vollgas“ entstand für eine Sammlung von Geschichten, die sich ausdrücklich auf Matheson beziehen sollten. Hill/King gelingt eine actionreiche Parabel, in deren Vordergrund eine komplizierte Vater-Sohn-Beziehung steht.

„Das Karussell“, „Der Bücherbus“ und „Mums“ und die mit dem Vater gemeinsam geschriebene Story „Im hohen Gras“ sind Quasi-Hommagen an Stephen King, die Hill  freilich mit eigenen Ideen füllt und vorantreibt. (Als Vollgas veröffentlich wurde, freute sich Hill auf die noch nicht verfilmte und auf „Netflix“ vertriebene Fassung; dies dürfte sich inzwischen relativiert haben …) Er beweist, dass gut geschriebener Kurz-Horror ebenso gut funktioniert wie ‚emotionale‘ (oder sentimentale) Phantastik, wenn ein Autor sie umsetzt, der sein Handwerk versteht, statt peinlich zu sülzen = Atmosphäre herbeizuzwingen - eine Binsenweisheit, die viele ‚Schriftsteller‘ nicht begreifen, während Hill ihre Geltung beinahe spielerisch mit „Meine Welt dreht sich nur um dich“ und „Wir geben Sie frei“ unter Beweis stellt.

Der ‚reine‘ bzw. „mystische“ Hill manifestiert sich in die Erzählungen „Wolverton Station“ und „An den silbernen Wassern des Lake Champlain“; letztere ist eine weitere Schriftsteller-Hommage, dieses Mal für Ray Bradbury (1920-2012) und angelehnt an seinen Klassiker „The Fog Horn“ (1951; dt. „Das Nebelhorn“). Hill treibt den Phantastik-Faktor weiter als sein Vater, der seine Werke meist im Alltäglichen erdet. Dies kann gelingen, muss aber nicht: „Wolverton Station“ ist das Produkt einer Idee, die mehr verspricht, als die Umsetzung halten kann, weil sie nur eine recht platte ‚Moral‘ als Final-Gag bietet; ein Problem, das auch die (wie stets bei Hill gut geschriebene) Story „Der Teufel auf der Treppe“ hat und das „Tweets aus dem Zirkus der Toten“ nur formal verdecken kann. (Wie man es besser macht, zeigt Hill uns  mit „Ein kleiner Kummer“: Diese Story ist nur eine Seite lang - mehr ist nicht nötig.)

Davongetragen werden

Im Nachwort beschreibt Hill, wie ihm banale, schräge, selten ‚gute‘ Ideen kommen, die in seinem Schriftstellerhirn etwas in Gang setzen. Er beginnt über den Einfall nachzusinnen und eine Geschichte darum zu spinnen. Das Ergebnis kann eindrucksvoll sein: „Faun“ fällt sicherlich in diese Kategorie - eine böse, sehr ‚realistische‘ Geschichte, die von der (menschlichen) Trivialisierung und Pervertierung eines ‚Wunders‘ handelt, die Opfer aber nicht kanonisiert, sondern als eigenständige Wesen mit ebensolcher und hier ruppiger Kultur schildert.

Mit „Daumenabdruck“ geht Hill jenen Weg, den auch sein Vater vor langer Zeit eingeschlagen hat: Neben ‚richtigem‘ Horror erinnert King an den Wahnsinn, der im Menschenhirn nistet. Er benötigt kein Jenseits, und er ist nachweislich ‚echt‘; die Medien belegen seine globale Alltäglichkeit. Das Fundament für „Daumenabdruck“ ist jenes Schandmal, das die Welt-Polizei USA in Abu Ghuraib u. a. geheimen Gefangenen- und Folterlagern sich selbst aufgeprägt hat. Hill beschreibt dies am Beispiel einer Soldatin, die im Irak zur Kriegsverbrecherin wurde, dort zwar nicht ‚erwischt‘ wurde, aber keineswegs unbeschädigt blieb und nun beinahe froh ist, dass sie ‚büßen“ muss, wobei Hill ein „Ende gut, alles gut“ kategorisch ausschließt, sondern andeutet, dass die folterkundige Frau der Falle entkommen wird. Der Mensch ist stets selbst sein ärgster Feind, was ohnehin die meisten der hier gesammelten Storys prägt.

Fazit:

Ebenso seitenstarke wie erfreulich unterhaltsame Story-Sammlung, die ‚puren‘ Horror ebenso bietet wie (leicht abgehobene) Phantastik oder ‚gewöhnlichen‘, d. h. geisterfreien Wahnsinn. Autor Hill erzählt - unterstützt durch eine hervorragende Übersetzung - trügerisch einfach, aber nachdrücklich, dabei spannend, tragisch und/oder sentimental: in der (deutschen) Fassung ist „Vollgas“ zudem ein schönes, nicht einmal kostspieliges Stück Buchhandwerk, das man gern in die Hand nimmt.

Vollgas - und andere Erzählungen

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