Der Uhrmacher in der Filigree Street

Erschienen: September 2021

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Lisa Reim-Benke
Hier ticken nicht nur die Uhren anders

Buch-Rezension von Lisa Reim-Benke Sep 2021

London, 1883: Thaniel Steepleton führt als Telegrafist im Innenministerium ein langweiliges Leben. Tagsüber verschickt und empfängt er Nachrichten, nachts zieht er sich in sein spärlich eingerichtetes Zimmer in einer heruntergekommenen Pension zurück. Mit seinem ohnehin schon mickrigen Gehalt unterstützt er seine Schwester und deren zwei Söhne in Schottland, Freunde und sonstige Familie hat er keine. Ein ungewöhnliches Geschenk reißt ihn jedoch eines Tages aus dem Trott: In seinem Zimmer hat jemand eine Taschenuhr hinterlassen, ohne Nachricht oder Hinweis auf den Überbringer. Die Uhr steht zwar still, fängt aber nach ein paar Monaten von selbst wieder an zu laufen und warnt Thaniel mit einem Alarm vor der Detonation einer Bombe in Scotland Yard. Thaniel macht sich dadurch natürlich verdächtig, wird jedoch vom Polizeichef beauftragt, herauszufinden, ob der japanische Uhrmacher Keita Mori etwas mit der Bombe und den irischen Freiheitskämpfern zu tun hat. Doch Mori hat noch ganz andere und unglaublichere Geheimnisse zu verbergen …

Schreibtischheld vs. Schrauber vs. Kratzbürste

Kryptischer Klappentext, langsamer Start – zu Beginn weiß man nicht so recht, auf was man sich bei diesem Buch eingelassen hat. Zum Glück gibt es mit Thaniel einen Protagonisten, dem man sich gerne anvertraut und dem man mit wachsendem Interesse durch die Geschichte folgt. Er ist ein ruhiger und bescheidener Zeitgenosse, der seinen Job richtig machen will und sich für seine Schwester aufopfert. Das mag langweilig klingen, doch man spürt, dass auf Thaniel noch etwas Großes zukommen wird und die Spannungsschrauben immer weiter angezogen werden. Sobald Thaniel unfreiwillig ein Spion wird und infolgedessen bei dem eigensinnigen Uhrmacher Mori einzieht, geht es richtig los. Mori bringt mit seinen mechanischen Erfindungen nicht nur einen Hauch Steampunk in die Story mit ein, sondern auch eine spannende Hintergrundgeschichte und eine Menge (magische?) Fähigkeiten. Diese beiden ungleichen Figuren zusammen zu erleben, während Thaniel Mori eigentlich des Bombenbaus überführen soll, ist eine wahre Freude!

Ganz anders liegt der Fall bei Grace, einer unausstehlichen Person, die in diesem Buch eigentlich nichts verloren hat. Grace ist eine Oxforder Physik-Studentin aus gutem Hause. Ihre Familie sieht ihre „undamenhaften“ Experimente allerdings nicht so gerne und zitiert sie deshalb nach London zurück. Ihr Forscherdrang verknüpft ihr Leben schließlich mit dem von Thaniel. Und ab hier möchte man eigentlich gar nicht mehr weiterlesen.

Wenn der Autorin einfällt, dass sie doch etwas ganz anderes erzählen wollte

Etwa nach der Hälfte ist nichts mehr so, wie es war. Moris Fähigkeiten werden immer absurder, ohne dass sie jemals erklärt werden, oder sich jemand über sie auch nur ansatzweise wundern würde. Manche Charaktere, von denen man mehr erwartet hätte, stellen sich als Platzhalter heraus, die eine originellere Aufgabe verdient gehabt hätten. Immer mehr fällt auf, dass die Dialoge nicht so recht zu den Figuren passen mögen und man immer wieder stirnrunzelnd die Lektüre unterbrechen muss, um sich bewusst zu machen, was man da gerade gelesen hat. Die Geschichte legt eine 180-Grad-Drehung hin, die Mystery-Stimmung vom Anfang wandelt sich immer mehr zu einem „romantischen“, öden Etwas. Einige Fragen werden nicht geklärt, die Handlung rutscht sogar in unlogische Gefilde ab und man wird mit Kapiteln überschwemmt, deren Daseinsberechtigung sich auch am Ende nicht erschließt. Hatte ich eigentlich erwähnt, dass Thaniel Synästhetiker ist, er also Töne als Farben sehen kann? Spannend, bis man merkt, dass diese Fähigkeit absolut nichts zur Handlung beiträgt – was bezeichnend ist für das gesamte Buch.

Am schlimmsten ist und bleibt jedoch Grace. Sie ist arrogant, naiv und macht sich mit ihrem unfassbaren Egoismus noch unbeliebter als sie ohnehin schon ist. Eigentlich sollte man meinen, dass eine eigenwillige Forscherin um 1880 eine spannende Perspektive auf die Geschichte bieten würde, aber nichts da. Ganz besonders absurd wird es auf den letzten 80 Seiten. Und am Ende bleibt nur die Frage: Was zum Henker habe ich da gelesen?!

Fazit:

Nach einem interessanten Start mit tollen Figuren entwickelt sich das Buch zu einem Rohrkrepierer. Es scheint fast, als hätte es eine ganz andere Person zu Ende geschrieben, die absolut keinen Plan hatte. Auf Englisch gibt es bereits eine Fortsetzung. Stellt sich nur die Frage, wer zu diesen Figuren zurückkehren möchte.

Der Uhrmacher in der Filigree Street

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