Im Bann

Erschienen: April 2021

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Yannic Niehr
Im Bann des Erzählens …

Buch-Rezension von Yannic Niehr Jun 2021

Eine finstere Burg irgendwo im Herzen Europas – der perfekte Schauplatz für eine klassische Gruselgeschichte. Sollte man meinen …

Danny, der sich zuvor mit dubiosen Geschäften in New York über Wasser gehalten hat, weiß nicht so recht, was er von der Einladung seines Cousins Howards halten soll, der irgendwo im europäischen Hinterland ein altes Burggemäuer erstanden hat, das er zum Luxusresort umfunktionieren will. Mit Howard, der seinerzeit in der Familie als etwas exzentrischer Nerd verschrien war, verbindet ihn ein düsteres Geheimnis aus der Vergangenheit. Seit Kindertagen haben die beiden sich nicht mehr gesehen.

Vor Ort wird schnell klar, dass es Howard mit seinem Vorhaben wohl ernst ist: Nicht nur seine Frau Anna und Sohn Benjy sind vor Ort, sondern auch ein ganzer Trupp studentischer Hilfskräfte, die schwer am Werkeln sind, um das Gebäude zu verwandeln – allen voran der wortkarge Mick. Howards Motiv für die Einladung jedoch bleibt für Danny zunächst schleierhaft. Darüber hinaus macht ihm der Umstand zu schaffen, dass man hier doch sehr von der modernen Außenwelt – und damit von seinem alten Leben – abgeschnitten ist. Handyverbindung oder Internet? Fehlanzeige!

Also muss man sich die Zeit wohl irgendwie anders vertreiben, um Paranoia und Wahnsinn im Zaum zu halten. Schnell zieht es Danny in den imposanten Bergfried, an dessen Fenster er eine junge, hübsche Frau erspähen konnte. Dabei soll dort nur noch die uralte Hausherrin wohnen, Baronin von Ausblinker, die letzte Nachfahrin des Adelsgeschlechts, in dessen Besitz diese Burg schon seit Jahrhunderten lag. Danny spürt Geheimnis um Geheimnis nach – und muss bald herausfinden, dass hier nichts, aber auch wirklich gar nichts, so ist, wie es scheint …

- „Hör doch auf. Sind doch bloß Wörter.“
- „Das sind Gespenster. Nicht lebendig. Nicht tot. Irgendwas dazwischen.“

Eine reine Handlungsbeschreibung wird diesem Werk von Pulitzer-Preisträgerin Jennifer Egan, die sich bereits in den verschiedensten Gattungen schriftstellerisch ausprobiert hat (und dementsprechend die jeweiligen Sprachregister brillant zu nutzen weiß), kaum gerecht. Denn trotz aller dafür vorhandenen Grundelemente wird schnell klar, dass es der Autorin nicht vorrangig darum geht, einen traditionellen Schauerroman zu schreiben (obwohl ihr das so ganz nebenbei zum Teil sogar auch gelingt), sondern vielmehr einen Meta-Kommentar über das Geschichtenerzählen zu verfassen. Schon früh führt sie eine zweite Handlungsebene ein, welche die Geschichte um Howard, Danny und den Bergfried in einen neuen Kontext rahmt: nämlich als Beitrag innerhalb eines Schreibkurses für Gefängnisinsassen. Auf dieser Handlungsebene steht die besondere Beziehung des Verfassers Ray und der Kursleiterin Holly im Mittelpunkt. Diese beiden Ebenen stehen auf gänzlich originelle Art in Beziehung zueinander, und wie sie in Austausch treten, überrascht beim Lesen stetig aufs Neue.

„DU denkst es dir aus, DU erzählst die Geschichte, und dann bist du frei“

Dies schlägt sich auch im Stil nieder: So wechselt je nach Handlungsebene die Erzählperspektive, und die Entscheidung, wörtliche Rede nicht in Anführungszeichen zu setzen, sondern sie eher im Stil eines Drehbuchs oder Theaterstücks zu verwenden, schafft eine spannende intellektuelle Distanz, welche bewusst auf die Fiktion als Fiktion aufmerksam macht und sie gegenüber konkret erlebter Realität positioniert. Tatsächlich hätte der Stilbruch zwischen den beiden Ebenen durchaus noch größer sein dürfen, doch je mehr sich einem das Geschehen erschließt, desto weniger fällt dieses Manko ins Gewicht. Egan versteht ihr Handwerk: Der Roman hat eine klare Intention und ist routiniert und solide komponiert. Die Autorin besitzt ein besonderes Talent dafür, zum Einen alltägliche Beobachtungen durch die Art der Beschreibung ins Sublime zu erheben, andererseits aber auch im vermeintlich Übernatürlichen und Jenseitigen das Prosaische zu finden. Fast hätte man sich am Ende noch etwas mehr epische Breite gewünscht, doch hat man die letzte Seite erst einmal beendet, wird klar, dass gerade die knackige Kürze einer Hommage an den typischen Schauerroman gerecht wird. So gelingt Jennifer Egan ein verschachteltes, soghaft faszinierendes und zuletzt auch noch überraschend emotionales Buch über Lebensfallen, die einem unheimlichen Burgverlies gleichen können, über Befreiung – und über die pure Macht menschlicher Vorstellungskraft.

Fazit:

Im Bann ist eine hochliterarische – und hochintelligente – Dekonstruktion des „Gothic“, das sich zwar nicht unbedingt für Gruselpuristen eignet, aber alle, die sich für das Spiel mit Genres begeistern können, schnell in seinen ureigenen Bann ziehen wird.

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