Das Ding vom Mars

Erschienen: Januar 1981

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Michael Drewniok
Entschlossener Mensch zwischen verzweifelten Invasoren

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2021

Kermit Langley genießt in der Wildnis des US-Staates Arizona die Einsamkeit, als über seiner Farm ein Meteorit niedergeht. Neugierig macht er sich am nächsten Morgen auf den Weg zur Aufschlagstelle. Dort findet er zu seiner Verblüffung keinen Stein aus dem Weltall, sondern das Wrack eines notgelandeten außerirdischen Raumschiffs - und in seinem Inneren den schwerverletzten Piloten.

Langley rettet ihn aus den Trümmern, aber dies wird ihm schlecht gedankt: Der im Sterben liegende Reisende brennt ihm eine Geheimbotschaft in den Armknochen, die der Erdmensch zum Stützpunkt der Fremden überbringen soll. Diese liegt allerdings auf dem Planeten Pluto, was fatal für Langley ist, hat doch der Mensch als Raumfahrer nicht einmal den Mond erreicht.

Doch ihm bleibt keine Wahl, denn sollte er nicht binnen einer bestimmten Frist sein Ziel erreichen, wird ein tödliches Gift ihn umbringen. Immerhin muss er ‚nur‘ die Rückseite des Mondes erreichen; dort wartet ein Kurierboot der Außerirdischen, das ihn aufnehmen und weitertransportieren soll.

Wider Erwarten erreicht Langley den Rendezvouspunkt, aber dort beginnt alles schiefzulaufen. Eine zweite Gruppe invasionslüsterner Außerirdischer tummelt sich im Sonnensystem. Langleys Schiff wird verfolgt und abgeschossen. Auf dem Mars abgestürzt, kämpft er sich ins All zurück, wo er prompt erneut ins Visier genommen wird. Dieses Mal trudelt sein antriebsloses Schiff hinab auf den Gasplaneten Jupiter. Langley schließt mit dem Leben ab, doch seine Mission ist keineswegs zu Ende, sondern erfährt eine in ihrer Reichweite zunächst nicht erkannte Wende, als sich eine dritte ET-Fraktion einmischt …

Atemlose Jagd durch das Sonnensystem

Lassen wir uns zunächst nicht durch eine Hauptfigur irritieren, die den Vornamen „Kermit“ trägt. Als Donald A. Wollheim 1959 „Das Ding vom Mars“ veröffentlichte, gab es den berühmten Frosch zwar schon - aber erst seit vier Jahren, sodass jene Gedankenassoziation, die sich heute einstellt, noch in der Ferne lag. „Kermit“ ist ein uralter Name gälischen Ursprungs (US-Präsident Theodore Roosevelt gab ihn 1889 seinem zweiten Sohn), den der Frosch ohnehin nicht völlig für sich beanspruchen kann.

‚Unser‘ Kermit ist ein typischer Selfmade-Man, der vom Schicksal auserkoren wird, die Erde zu retten. Zwar wird davon nie jemand erfahren, weshalb ein erfolgreicher Kermit für sein Tun keinen Dank erwarten kann, aber selbstverständlich hält ihn dies nicht ab, seine patriotische Pflicht zu erfüllen. Somit ist er der Idealkandidat für eine eigentlich unmögliche Mission, denn die offenbar genetisch fixierten Pioniertugenden des ‚richtigen‘ US-Amerikaners sorgen dafür, dass Langley nicht durch Nachdenken, sondern Ausprobieren jedes Problem löst, so unwahrscheinlich uns Lesern dies vorkommen mag.

Dass ihm dies gelingt, ist primär der Entstehungszeit dieses Garns geschuldet. Wollheim schrieb es unter dem Pseudonym „David Grinnell“, um zu verbergen, wie stark er in den 1950er Jahren auf dem SF-Buchmarkt vertreten war. Masse ist bekanntlich keine Klasse, und „Das Ding vom Markt“ bestätigt diese Binsenweisheit. Wie so oft ist Nostalgie der im Ursprungskonzept nicht vorgesehene Faktor, der das formal schlichte und inhaltlich wüste Garn über die Jahrzehnte gebracht hat. „Past Future“ nennt man jene Science Fiction, die sowohl naturwissenschaftlich-technisch als auch soziokulturell von der Zeit ein- bzw. überholt wurde. Heute wirken wuchtige Fehlschläge, die sich auch Grinnell-Wollheim bei seinem Blick in die Zukunft leistet, unterhaltsam und erheiternd.

Kommt uns das nicht bekannt vor?

Wie Kermit Langley unfreiwillig zum Hüter der Menschheit avanciert, wirkt heutigen Lesern recht vertraut: Wurde so nicht auch Hal Jordan zur (zweiten) „Grünen Laterne“? Siehe da, Jordan erblickte das Licht der Comic-Welt ebenfalls 1959 (im Comic-Magazin „Showcase“, Nr. 22), als ihn der Außerirdische Abin-Sur zwangsrekrutierte!

Ließ sich Wollheim ‚inspirieren‘, oder ist die Ähnlichkeit zufällig? Die Antwort auf diese Frage ist viele Jahre später sicherlich unwichtig, zumal sich Wollheim rasch von der Ausgangsidee löst und erzählerisch einen eigenen Kurs einschlägt. Der steht unter dem Motto „Tempo, Tempo!“. Heutige Autoren würden Langleys Abenteuer sicherlich in epischer Breite über mehrere Bände strecken, aber 1959 war solches Seitenschinden noch nicht die Regel. Tatsächlich schlug das Pendel eher zur anderen Seite aus, was dazu führt, dass die Ereignisse sich förmlich überschlagen: Kermit muss u. a. eine sowjetische Rakete stehlen, damit zum Mond fliegen, eine Notlandung auf dem Mars sowie den Absturz über dem Jupiter überleben, die dortigen Bewohner kennenlernen und schließlich auf dem Pluto gleich zwei Invasoren-Heere gegeneinander ausspielen.

Wollheim ist sich bewusst, dass selbst ein findiger Amerikaner ein solches Pensum nicht ohne Tricks bewältigen kann, weshalb ihm der sterbende ET nicht nur eine Art Zeitbombe implantiert, um ihn zur Eile anzuspornen, sondern auch die Gabe der „Unbemerkbarkeit“ verleiht, die Kermit zwar nicht unsichtbar macht, aber immerhin die Blicke von Menschen (und feindlichen Außerirdischen) von seiner Person abgleiten lässt.

Das Sonnensystem als Spielplatz

1959 waren die Planeten jenseits der Erdumlaufbahn noch weit entfernt, weshalb Autoren nur vage Kenntnisse ignorieren bzw. durch eigene Einfälle ersetzen durften. Wollheim wagte sich dennoch eher mutig als faktengestützt vor, als er einen Mars schuf, der zumindest in seinen Tälern Leben trägt und eine dünne, aber atembare Atmosphäre besitzt, oder dem Jupiter unter einer dicken Wolkenschicht eine feste Oberfläche andichtete. Er machte solche anti-astronomischen (aber charmant in Szene gesetzten) Purzelbäume wett, indem er den Pluto erstaunlich glaubwürdig in Szene setzte. (Dass man diesen 2006 zum Zwergplaneten herabstufen würde, konnte Wollheim natürlich nicht wissen.)

Ungeachtet der permanenten ‚Action‘ nimmt sich der Verfasser Zeit für ‚echte‘ SF-Momente. Kermit Langley lernt, dass es im Kosmos zwei unterschiedliche Lebensformen gibt: Sauerstoff- und Methanatmer, wobei letztere als die Philosophen des Alls auftreten. Er muss darüber hinaus einen moralischen Konflikt ausfechten: Die Erd-Invasoren sind verzweifelt, da ihre Heimatplaneten dem Untergang geweiht sind. Dass Langley sich für die Menschheit entscheidet, aber das erwartete Final-Gemetzel trotzdem ausbleibt, spricht für Wollheim, der dies durch einen geschickten Kniff plausibel wirken lässt, bevor er Kermits Abenteuer mit einem Schlussgag ausklingen lässt.

Fazit:

Rasantes SF-Abenteuer vor der Kulisse eines einfallsreich ‚umgestalteten‘ Sonnensystems. Die Handlung ist simpel, der Bodycount beträchtlich, doch es bleibt Zeit für ‚kosmische‘ Gedankenspiele: Dieses „Past-Future“-Spektakel ist aufgrund seiner trivialen Erzählfreude (und seines Alters) über Kritik weitgehend erhaben.

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