Gespenstergeschichten aus London

Erschienen: Juli 1979

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Michael Drewniok
Neun hässliche Seiten des Großstadtlebens

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2021

Neun Geschichten erzählen von den buchstäblichen Schattenseiten des Großstadtlebens in London:

- Jacquelyne Visick: Einleitung (Introduction), S. 7

- William Sansom: Und führe uns nicht in Versuchung (Various Temptations; 1947), S.  11-28: Dank ihrer Unscheinbarkeit konnte sie den Serienmörder für sich gewinnen, doch als sie sich für ihn schönmacht, lernt sie seine dunkle Seite kennen.

- Algernon Blackwood: Ein Bekenntnis (Confession; 1921), S. 31-50: Im dichten Londoner Nebel verirrt er sich und wird in ein Morddrama verwickelt, das schon vor vielen Jahren stattgefunden hat, aber für (und durch?) ihn auflebt.

- John Keir Cross: Geburtstagsgeschenk für Alix („Happy Birthday, Dear Alexa“; 1965), S. 53-71: Diese Gabe wird keine Freude wecken, denn die Empfängerin ist das Geschenk.

- Graham Greene: Ein kleines Kino (A Little Place Off the Edgware Road; 1939), S. 74-80: Hat er einen flüchtigen Mörder getroffen, oder ist er eines seiner Opfer geworden, ohne es bemerkt zu haben?

- Brian W. Aldiss: Geteilte Freude (A Pleasure Shared; 1962), S. 83-96: Der zurückgezogen lebende Serienkiller möchte seine Ruhe haben, die ihm seine aufdringlichen Mietmieter nicht gönnen.

- Holloway Horn: Der Alte (The Old Man; 1931), S. 99-105: Diese sehr spezielle Zeitung präsentiert ihm nicht nur die Wettergebnisse des nächsten Tages, sondern enthüllt auch eine private, sehr unerfreuliche Information.

- W. F. Harvey: Hundstage (August Heat; 1910), S. 110-115: Wer seinen eigenen Grabstein entdeckt, sollte dieses Rätsel nicht ausgerechnet mit dem Steinmetz lüften.

- Elizabeth Bowen: Der Wiedergänger (The Demon Lover; 1941), S.  120-127: Sie erklärte ihm einst ihre ewige Liebe, und er besteht - obwohl inzwischen tot - auf die Einhaltung dieses Versprechens.

- Rosemary Timperley: Harry (Harry; 1955), S. 132-141: Er liebte sein Schwesterchen (zu) sehr und gedenkt auch nach seinem Tod nicht von ihr zu lassen.

Viel Raum für düstere Zwischenfälle

Die Stadt ist ein Ort, der für Spuk keine rechten Existenznischen zu bieten scheint. Zu dicht leben die Menschen neben- und miteinander, um den Geschöpfen der Finsternis noch Platz zu lassen. Bekanntlich ist dies ein kapitaler Irrtum: Wie die Wanderratte erkannte auch das Gespenst die Stadt als neue Heimat. Gerade die Anonymität der urbanen Gesellschaft ermöglicht beiden ein Untertauchen dort, wo das Leben rund um die Uhr aktiv ist.

Zum Spuk gesellt sich der Wahnsinn. Der hat erst recht keine Berührungsprobleme, sondern blüht in der Stadt erst richtig auf! Erneut lässt sich auf die Ratte verweisen: Steigt die Population einer Gruppe zu stark an, kommt mörderischer Stress auf, dem so viele Exemplare zum Opfer fallen, bis der Druck nachlässt.

Spuk und Mord werden im Angelsächsischen unter dem Begriff „terror“ vereinen, wobei die Definitionsfrage heiß diskutiert wird, schenkt man Jacquelyn Visick, Herausgeberin der hier vorstellten Sammlung, der in ihrem Vorwort geäußerten Meinung Glauben, obwohl sie anschließend diese Differenzierung als unnötige Komplikation ablehnt. Deshalb sind die in der deutschen Übersetzung so betitelten „Gespenstergeschichten aus London“ nicht selten spukfrei: Visick präsentierte ursprünglich „Tales of Terror“, wobei sie deutlich macht, dass Gespenster keinesfalls erforderlich ist, um Leser zu erschrecken: Der Mensch weiß sehr selbst viel besser, wie man seinesgleichen die Hölle auf Erden bereitet.

Klassische Erzählkunst und triviale Unterhaltung

Visick hat für diese Sammlung in erster Linie auf jene Terror-Storys zurückgegriffen, die von renommierten Autoren in fest gebundenen Buchbänden gesammelt wurden und nicht in den brutal-trivialen „Pulps“, sondern vor dem Zweiten Weltkrieg in den ‚besseren‘ Magazinen erschienen waren. Obwohl diese Geschichten auf die Jahre zwischen 1910 und 1965 datieren, ist nicht das Alter qualitäts- bzw. unterhaltungsrelevant. Ungeachtet des veränderten historischen Umfelds liefern die ‚alten‘ Autoren auch heute noch vorzüglichen Terror.

Selbstverständlich ‚muss‘der britische Grusel-Großmeister Algernon Blackwood (1869-1951) vertreten sein. „Ein Bekenntnis“ ist allerdings keine seiner besseren Erzählungen. Die Handlung beginnt umständlich auszufasern, nachdem dem Verfasser einige dichte Szenen gelungen sind, in denen er die menschliche Angst meisterlich in Worte fasst. Wie man dies dem Plot angemessen schildert, demonstriert William Fryer Harvey (1885-1937) - ebenfalls ein prominenter Autor der angelsächsischen Phantastik - in seiner deutlich kürzeren Geschichte, die auf ‚echten‘ Spuk verzichtet, sondern die ergiebigste Quelle schrecklicher Ereignisse anzapft: das menschliche Gehirn.

Wie sich Diesseits und Jenseits gruselig ausgewogen ins Gleichgewicht bringen lassen, belegen Elizabeth Bowen (1899-1973) und Rosemary Timperley (1920-1988), was John Keir Cross (1914-1967) zusätzlich mit einem (aus heutiger Sicht freilich recht gemächlich vorbereiteten) Final-Gag der rabenschwarzen Art krönt. Konsequenter bricht sich der ‚reale‘ Horror bei William Sansom (1912-1976) Bahn: Hier ist es die unbarmherzige Konsequenz, die den Leser fesselt, der früher als die weibliche Hauptfigur ahnt, wie dieses krude Drama ausgehen wird. Auf dieser Schiene fährt auch Brian W. Aldiss (1925-2017), der dem berühmt-berüchtigten „britischen“ Humor den Vorrang vor Sansoms Bierernst gibt.

Quasi zwei möglichst weit voneinander entfernte  Waagschalen der phantastischen Literatur repräsentieren Graham Greene (1904-1991) und Holloway Horn (1886-1967). Der eine gilt als einer der größten Dramatiker und Romanciers der britischen Literatur, der andere war ein Gelegenheitsautor mit striktem Blick auf die finale Überraschung, die einer bedingt fesselnden Geschichte ihren eigentlichen Sinn verschafft. Wie sich (nicht zum ersten Mal) zeigt, ist inhaltliche Schwere nicht zwangsläufig ‚besser‘ als die pure Unterhaltung. „Ein kleines Kino“ wirkt sehr bedeutungsschwer und ist überaus effektvoll in Worte gefasst, was den letztlich bedingt überraschenden Plot nicht wirklich ausgleichen kann.

Die deutsche Ausgabe - ein Trauerspiel

Wieder einmal ist die deutsche Ausgabe - obwohl gut übersetzt - das Opfer einer Unsitte: Jahrzehntelang wurden vor allem „triviale“ Werke seitennormiert. Nicht der Umfang des Originals bestimmte den Umfang der Ausgabe, sondern eine vorab kalkulierte Seitenzahl, was dem Buchhalter, der das Papier für das geplante Buch bestellte, die Kostenkalkulation erleichterte.

In unserem Fall gab der Verlag 144 Seiten vor. Dass dabei Storys einfach entfielen, fiel in einer internetfreien Ära kaum auf. Dieses Mal wurden folgende sechs (!) Erzählungen unterschlagen:

- Joan Fleming: Gone is Gone (1953)

- John Metcalfe: Time-Fuse (1931)

- Eleanor Farjeon: Spooner (1952)

- Stephen Grendon [d. i. August Derleth]: Mrs. Manifold (1949)

- L. P. Hartley: Someone in the Lift (1955)

- Charles A. Collins u. Charles Dickens: The Trial for Murder (1865/1946)

Als ‚Ersatz‘ fügte ein ungenannter Autor sechs kurze Essays über „Londoner Spukhäuser“ bzw. sieben „Londoner Mordfälle“ ein. Knapp werden alte, mehr oder weniger bekannte Legenden oder Tatsachen dargestellt. Berühmte Spukorte sind demnach der Tower von London, das Drury-Lane-Theater oder diverse Paläste, die in der Vergangenheit zu Schauplätzen ungesühnter Bluttaten wurden. Ansonsten wird an die Mordfälle Dr. Crippen, John Christie und selbstverständlich Jack the Ripper erinnert, wobei die Informationslage sich inzwischen deutlich verbessert bzw. verändert hat, wobei zusätzlich auffällt, dass seinerzeit gar zu grausige bzw. ‚unanständige‘ Aspekte dem Verfasser entweder nicht bekannt waren oder unterschlagen wurden.

Fazit:

Diese Sammlung durchaus hochwertiger Geschichten um Spuk, Wahnsinn und Mord wurde für die deutsche Ausgabe einerseits um sechs Storys erleichtert, andererseits um eher informationsflache ‚Tatsachenberichte‘ ergänzt. Geblieben ist ein Büchlein, das sich trotz solcher Eigenmächtigkeiten spannend liest.

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