Zeit-Bombe

Erschienen: Januar 1975

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Michael Drewniok
Der Tod von heute kommt aus der Zukunft

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2021

In den USA streben die „Söhne Amerikas“, eine konservative, rechtsgerichtete Gruppe, nach der Macht. Ihr ebenso charismatischer wie skrupelloser Einpeitscher Ben kann auf die Unterstützung (einfluss-) reicher Kreise rechnen. Für die nächste Wahl steht ein Strohmann als Präsidentenkandidat bereit, dem Ben sagen wird, was er zu tun hat.

Der Widerstand gegen die „Söhne“ beschränkt sich nicht auf die legale Opposition. Seit Monaten jagt ein Attentäter die „Söhne“: Bei bisher sechs Sprengstoffanschlägen starben wichtige Mitglieder. Polizei und Geheimdienst stehen unter Druck, denn trotz intensiver Ermittlungen finden sich keinerlei Indizien, die den Täter entlarven könnten.

Leutnant Danforth von der Sicherheitspolizei des US-Staates Illinois rückt nach dem Tod seines Vorgesetzten in Springfield, der Stadt des letzten Anschlags, an die Spitze des Ermittlerteams. Auch er steckt bald in einer Sackgasse und verliert sogar seinen Job, macht aber undercover weiter, denn er ist auf eine Fährte gestoßen, die den Schluss nahelegt, dass der Attentäter seine Opfer durch die Zeit angreift. Diese These ist nicht gänzlich unrealistisch, denn in dieser Zukunft haben Zeit-Forscher beachtliche Fortschritte erzielt. Zumindest ‚Blicke‘ in die Vergangenheit sind bereits möglich. Hat jemand den Durchbruch geschafft und vermag selbst durch die Zeit zu reisen?

Danforth kann auf die Hilfe des Telepathen Mr. Ramsey setzen. Auch das mysteriöse Ehepaar Nash weiß mehr, als es aufzudecken bereit ist. In einer dritten Informationsquelle meint Danforth ausgerechnet den Attentäter zu erkennen, der anscheinend bemüht ist, ihn gezielt auf sich aufmerksam zu machen …

Der perfekte = unmögliche Mord: eine SF-Variante

Seit Jahrzehnten fließen Unmengen Hirnschmalz und Schweiß, wenn sich die Erzähler von Kriminalgeschichten die Köpfe über den perfekten Mord zerbrechen - jene Tat, die so gut geplant und ausgeführt ist, dass entweder keine Indizien am Ort des Verbrechens zurückbleiben und der Ermittler - selbst wenn er das Kaliber eines Sherlock Holmes aufweist - ergebnislos aufgeben muss.

In der Regel findet sich eben doch ein winziges Detail, das den kunstvollen Überbau letztlich zum Einsturz bringt. Dies ist die Bestätigung jener Erkenntnis, dass kein Plan makellos ist und keine Umsetzung fehlerfrei gelingt. Der Mensch ist nicht perfekt; es schleichen sich Fehler ein, und für den Rest sorgt die berüchtigte Tücke des Objekts: Der Zufall ist ein mächtiger Feind, zumal man ihn nicht kommen sieht!

Natürlich gibt es faktisch unlautere, weil in der Realität den Naturgesetzen widersprechende Mordmethoden, die sich jedoch auf das Reich der Fantasie beschränken. Mischt sich der Krimi mit der Science Fiction, gibt es mehrere Möglichkeiten, dem Ermittler Schnippchen zu schlagen. Die Zeitreise ist eine naheliegende Wahl. Wie lässt sich jemand aufhalten, der nicht nur genau weiß, wo, sondern vor allem wann er sein Opfer hilf- und seine Verfolger ratlos antrifft? Auch die Verfolgung des Täters durch die Zeit/en ist alles andere als ein Kinderspiel.

Motiv und Möglichkeit

Wilson Tucker lässt seine Geschichte in einer zum Zeitpunkt ihrer Entstehung nahen Zukunft spielen (die im heutigen Rückblick eine nie realisierte Vergangenheit darstellt). Es gibt kaum Anzeichen für einen SF-typischen und vor allem deutlichen Fortschritt. Die „Zeitkamera“, mit deren Hilfe man eine halbe Stunde ‚zurückblicken‘ und diese Vergangenheit aufzeichnen kann, ist das deutlichste Indiz, und es wirkt wie ein Fremdkörper.

Erstaunlich ist der alltägliche Einsatz von Telepathen. Sie werden vom Staat angeheuert, um kriminelle (oder einfach regierungsmissliebige) Elemente zu erkennen und auszuspähen. Tucker bleibt hart an der Realität, wenn er davon ausgeht, dass es nur wenige Telepathen gibt. Sie sind ein wichtiges, aber nicht allmächtiges Instrument, weshalb sich der Attentäter in relativer Sicherheit vor Mr. Ramsey wiegen kann.

Wie geht der Mörder vor? Tucker verwendet genretypisch viel Zeit auf entsprechende Untersuchungen und Vermutungen. Seine ‚Lösung‘ hat Kritiker und Leser nur bedingt überzeugt. Sie ist allzu umständlich, weshalb es selbst dem technobabbel-geprüften SF-Leser schwerfällt nachzuvollziehen, wie er sich diese Zeit-Bombe vorstellen soll.

Die Nadel im temporalen Heuhaufen

Auch sonst wird die ohnehin komplizierte Ermittlung durch Abschweifungen aufgehalten. So gibt es einen Erzählstrang, der Danforth auf einen zwar ‚menschlichen‘, aber bereits viele Jahrtausende alten Außerirdischen treffen lässt. Dies weist darauf hin, dass Tucker eventuell eine Serie plante, denn die Geschichte dieses Methusalems und seiner Gefährten hatte er bereits zwei Jahre zuvor im Roman „The Time Masters“ (1953; dt. „Die Letzten der Unsterblichen“) erzählt. Für das Geschehen in „Zeit-Bombe“ ist dieser Auftritt ohne echte Relevanz. Ähnlich flüchtig ist die Begegnung mit dem an sich interessanten Mr. Ramsey. Tucker reißt die Probleme, die der Umgang ‚normaler‘ Menschen mit gedankenlesenden Zeitgenossen mit sich bringt, einerseits nur an, während er andererseits das Thema unnötig vertieft.

Der Plot wurde vor allem nachträglich oft kritisiert, womit man Tucker Unrecht tut. Die Vorstellung, dass die USA - bekanntlich/angeblich eine Wiege der Demokratie - in faschistoide Hände fallen könnte, ist heute ein alter Hut. 1955 war das anders - und relevanter: Der Zweite Weltkrieg lag erst ein Jahrzehnt zurück. Man wusste um die Gräueltaten skrupelloser Diktatoren in Nazideutschland, Japan und der Sowjetunion. Zu allem Überfluss erlebten die USA in den frühen 1950er Jahren die Ära McCarthy, dessen Spießgesellen zur Jagd auf ‚Kommunisten‘ bliesen. Wer ihnen in die Hände fiel, wurde beruflich und privat vernichtet, wanderte ins Gefängnis oder wurde auf „schwarze Listen“ gesetzt und ausgegrenzt.

Tucker steht am Anfang einer Reihe von Autoren, die machtgierige, kriminelle Psychopathen in hohe Ämter hievten, um ihrem Publikum die Konsequenten auszumalen. In seine Fußstapfen - und das erstaunlich deckungsgleich - trat z. B. sehr erfolgreich Stephen King mit seinem Roman „Dead Zone“ (1979; dt. „Das Attentat“). Dennoch trifft zu, dass Wilson Tucker ‚Besseres‘ geschrieben hat. Das ändert nichts am zwar moderaten, aber ehrlichen Vergnügen, das dieser Roman zu wecken mag. Eine Lektion für moderne Autoren ist inbegriffen: Man kann eine Geschichte auf unter 200 Seiten erzählen. Dass sie nicht totgeritten wird, steigert ihren Unterhaltungswert zuverlässig!

Fazit:

Heiligt der (gute) Zweck alle Mittel? Autor Tucker spielt diese Frage vor allem spannend, aber durchaus auch moralisch sowie konsequent durch, wobei der Text dem Inhalt nicht immer gewachsen ist, d. h. Abschweifungen und Logiklöcher aufweist: dennoch interessant (und angenehm kurz).

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