Die zehntausend Türen

  • Festa
  • Erschienen: Juli 2021
Die zehntausend Türen
Die zehntausend Türen
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Marcel Scharrenbroich
90°

Phantastik-Couch Rezension von Marcel Scharrenbroich Sep 2021

Der Duft unzähliger Welten

Wenn eine Tür sich schließt…,

…öffnet sich eine andere. Eine alte Lebensweisheit. Will heißen, dass vertane Chancen, Wege, die in einer Sackgasse enden, und plötzliche, ungeahnte Einschnitte ins Leben, nicht zwangsläufig das Ende bedeuten müssen. Die Reise geht irgendwie weiter, führt an neue Weggabelungen. Auf Wege, an deren Ende neue, noch verschlossene Türen warten. Was sich hinter diesen verbirgt, gilt es zu ergründen. Und sei es nur, um während der Suche nach Antworten auf existenzielle Fragen auf neue, unbetretene Pfade zu gelangen… an deren Ende mit Sicherheit erneut eine noch nicht durchschrittene Tür wartet.

Flucht aus dem goldenen Käfig

January lebt in der Sicherheit eines luxuriösen Herrenhauses. Das Anwesen gehört dem exzentrischen Kunstsammler Mr. Locke. Mit ihrer kupferfarbenen Haut und den ungewöhnlich hellen Augen ist das Mädchen in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts fast selbst schon ein Kuriosum und könnte problemlos als eines von Lockes kostspieligen Exponaten durchgehen. Und so fühlt January sich auch. Streng behütet und ohne nennenswerten Kontakt zur Außenwelt, während ihr Vater im Auftrag von Mr. Locke durch die Welt reist. Oft mehrere Monate am Stück, in denen ihm nur der Briefkontakt zu seiner Tochter bleibt. Stets auf der Jagd nach weiteren Gegenständen, die Lockes Sammlung weiteren Glanz verleihen.

Sich nicht wirklich im Klaren darüber, wo und wie sie in diese Welt passt, sieht January nur selten Möglichkeiten, sich aus dieser heraus zu träumen. Abhilfe schafften bislang höchstens ein paar Schund-Heftchen mit phantastischen Erzählungen, die der Krämerjunge Samuel am strengen Hauspersonal vorbeigeschmuggelt hat. Das ändert sich, als January eines Tages ein mysteriöses Buch in die Hände fällt, welches in einer alten ägyptischen Truhe verborgen liegt. Zuerst glaubt das Mädchen an eine aufmunternde Gefälligkeit ihres Vormunds, doch je tiefer sie in dieses Buch, welches den Duft von tausend Welten versprüht, eintaucht, desto weniger ist sie davon überzeugt, dass der Hausherr seinem Mündel derartige Freiheit zukommen lassen würde. In dem Buch geht es um TÜREN. Ähnlich dieser, die January vor einigen Jahren außerhalb des Anwesens verlassen auf einem Feld vorfand. Sie durchritt diese TÜR und befand sich urplötzlich an einem ihr fremden Ort. In einer anderen Welt? Scheinbar unmöglich… doch eine mitgebrachte Münze erinnert January noch heute daran, dass sie sich dieses merkwürdige Erlebnis in ihrer Kindheit nicht nur eingebildet hat.

Als ihr Vater während einer seiner Expeditionen für Mr. Locke als vermisst gemeldet wird, eröffnet der Hausherr January, dass es kaum noch Hoffnung gibt, dass ihr Vater lebend zurückkehren würde. Trost findet das trauernde Mädchen höchstens in Jane, die von ihrem Vater vor dessen Verschwinden damit beauftragt wurde, sich im Locke-Anwesen um seine Tochter zu kümmern, und Bad, dem eigenwillig-treuen Vierbeiner, den Samuel January als Welpe schenkte. Und im Buch „Die zehntausend Türen“, welches nicht nur von TÜREN in andere Welten erzählt, sondern Fiktion zu Realität werden lässt und Seite für Seite Januarys vorgegebenen Weg in ihr Schicksal offenbart…

In allen Regenbogenfarben

„Die zehntausend Türen“ von Alix E. Harrow schafft es problemlos, Fernweh aufkommen zu lassen. Ihre TÜREN machen neugierig, lassen den Wunsch nach Realitätsflucht von der unbekannten Seite anklopfen. Einladende Landschaften, mysteriöse Welten voll neuer Eindrücke aber auch Gefahren warten dahinter, wecken Sehnsucht. Und die Geschichte von January, die nicht nur einer Geschichte in einem Buch hinterherjagt, sondern selbst Dreh- und Angelpunkt der Story innerhalb der Story ist, lässt die Leserinnen und Leser nur schwer wieder in die Normalität zurückgleiten. Einmal eine Schwelle übertreten, möchte man mehr wissen. Darüber, wie January das Handlungs-Puzzle vervollständigen könnte, darüber, wer sie ist, was sie zu tun im Stande ist… und wie sie ihren TÜREN-jagenden Verfolgern entfliehen kann.

Alix E. Harrows Schreibstil ist dabei durchaus einladend. Ihre Beschreibungen detailliert und nicht selten eine Spur zu blumig. Nicht jeder Ort und Gegenstand muss mir farblich erklärt werden. Von daher schrammen wir in einzelnen Passagen gefährlich nahe am Kitsch, was durch die phantastisch-interessante Story mit ihren zahlreichen Wendungen jedoch zum Großteil austariert wird. An einigen Stellen habe ich zwar auf Grund der klebrigen Süße die Augen verdreht, aber das möchte ich der Autorin nicht zu dick ankreiden. Dafür konnte ich viel zu oft träumerisch die Seele einfach baumeln lassen, was in der heutigen Zeit wahrlich nicht jedes Buch zu schaffen vermag. Sich mit Vorfreude abends ein bis zwei Stunden verschachtelte (jedoch nicht zu komplexe) Phantastik-Lektüre der leicht-angenehmen Art ohne Horror-News und medialer Keif-Beschallung zu gönnen, hat schon was Erholendes…

Fazit:

Mit gesellschaftlich durchaus relevanten Themen und jeder Menge Drama, driftet „Die zehntausend Türen“ immer tiefer in phantastische Sphären ab, die zum Mitreisen einladen. Sympathische Hauptfiguren, gutes Worldbuilding und Storytelling erledigen den Rest, um gerne mit January immer tiefer in den Kaninchenbau zu kriechen. Der auch für Horror der härteren Art bekannte FESTA Verlag öffnet mit seinen Genre-übergreifenden Veröffentlichungen in der ALL AGE-Sparte immer neue TÜREN, die es sich für Fantasy-Liebhaber durchaus zu durchschreiten lohnt.

Die zehntausend Türen

Alix E. Harrow, Festa

Die zehntausend Türen

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