Das letzte Haus in der Needless Street

  • Festa
  • Erschienen: Dezember 2021
Das letzte Haus in der Needless Street
Das letzte Haus in der Needless Street
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Michael Drewniok
90°

Phantastik-Couch Rezension vonDez 2021

Flucht in den letzten möglichen Winkel

Seit ihre jüngere Schwester Lulu während eines Familienausflugs spurlos verschwand, ist Dees Leben aus dem Lot. Die Eltern trennten sich, der Vater starb vor seiner Zeit, und Dee versucht unbedingt zu klären, was damals geschah. Sie beschäftigt Privatdetektive, verfolgt immer abwegigere ‚Spuren‘ und wurde bereits polizeiauffällig, weil sie ‚Verdächtige‘ unter Druck setzte.

Aktuell konzentriert sich Dee auf Ted Bannerman. Er leidet unter einer geistigen Störung, gilt als Sonderling und wird von den Nachbarn argwöhnisch beobachtet. Im Fall Lulu galt Ted zunächst als Verdächtiger, doch die Polizei schloss ihn aufgrund seines Alibis als Täter aus. Die längst jenseits jeglicher Vernunft agierende Dee will dies nicht akzeptieren. Sie quartiert sich als Nachbarin in der Needless Street ein und sucht den Kontakt zu Ted, um sein Vertrauen zu gewinnen und ihn als Lulus Mörder oder Kidnapper zu entlarven.

Teds Schuld steht für Dee fest. Allerdings hat sie keine Ahnung, mit wem sie es wirklich zu tun hat. Bannerman lebt zurückgezogen mit seiner Katze und seiner Tochter Lauren. So empfindet er es, der die Realität nur durch den Filter seines labilen Hirns kennt. Was tatsächlich im letzten Haus in der Needless Street vorgeht, sorgt nicht nur für eine Überraschung, sondern für eine Tragödie in mehreren Akten …

Die Kunst des unterhaltsamen Irrtums

Wenn man älter wird bzw. schon viele Bücher gelesen hat, die der Phantastik zuzuordnen sind, fällt es schwer neue Titel zu finden, die den alten Zauber beleben können. Gemeint ist diese besondere Freude, die sich einstellt, wenn man kunstreich in die Irre geleitet wird, obwohl man glaubte zu wissen, in welche Richtung die Story laufen würde.

Aus dieser Einleitung geht hervor, dass Catriona Ward dieser Coup mit ihrem dritten Roman - dem ersten, der hierzulande veröffentlicht wird - gelungen ist. „Das letzte Haus in der Needless Street“ ist eine 450-seitige Tour-de-Force, eine Pandora-Büchse voller böser Überraschungen für die Protagonisten, während wir Leser fasziniert einem Garn folgen, dass sich wie ein wütender Wurm windet und immer neue Richtungen einschlägt.

Autorin Ward hat die scheinbar viel zu oft erzählte Story vom entweder harmlosen, zu Unrecht gepiesackten oder eben doch gefährlichen Außenseiter aufgegriffen, um sie tüchtig gegen den Strich zu bürsten; eine Analogie, die nahe liegt, werden die Geschehnisse doch immer wieder von einer Katze erzählt … Was erst einmal irritiert, fügt sich in eine Kette von Rätseln ein, die Ward kundig Glied um Glied verlängert, während sie uns Erklärungen verweigert. Dass sie uns geschickt auf eine falsche Spur geführt hat, wird uns bewusst, wenn sie damit beginnt zu erklären, was tatsächlich in der Needless Street vorgeht.

Drei Quellen, aber keine Klarheit

Das Haus von Ted Bannerman wird als wahre Höhle des Schreckens beschrieben. Fenster und Türen sind verriegelt bzw. mit Holzplatten verrammelt, um die Außenwelt fernzuhalten. Innen ist es noch schlimmer; im Keller und auf dem Dachboden hausen Geschöpfe, denen selbst der Hausherr auf keinen Fall begegnen will. Ted Bannerman hat genug mit sich und seinen Problemen zu tun: Er ist ein Eigenbrötler, hat ein Alkoholproblem, kommt mit seiner Tochter nicht zurecht und kämpft gegen seine Erinnerungen, die ihm enthüllen möchten, was er so angestrengt verborgen hält, dass sich sein ganzes Leben darum dreht.

Wards Kunst besteht in der dichten Darstellung eines Soziopathen, der anscheinend dem Gesetz durch die Maschen schlüpfen und im Windschatten der Gesellschaft sein Unwesen treiben kann. Diese Deutung spiegelt sich in der Figur einer Verfolgerin wider, die Teds Tarnung vermeintlich durchschaut hat. Tatsächlich ist Dee ebenso gestört wie Ted. Wie er verdrängt auch sie sehr sorgfältig die Erinnerung an eine prägende Phase ihres Lebens. Die fanatische Suche nach ihrer Schwester ist ein Ausfluss von Angst bzw. Schuld, der sich Dee nicht stellen will oder kann.

Für Irritation sorgt Katze Olivia. Wie passt ein Tier, das über ‚menschliche‘ Intelligenz verfügt, in diese Geschichte? Olivias Kommentare ergänzen das Bild, das uns Ward über Ted und Dee vermittelt, ohne jedoch für Klarheit zu sorgen. Ganz offensichtlich enthält uns die Autorin verständniselementare Hintergrundinformationen vor. Da sich die Handlung dessen ungeachtet weiterentwickelt, wachsen Unsicherheit und Neugier, zumal Ward immer wieder für Irritationen sorgt, die den Zweifel am vorgeblichen Geschehen schüren.

Die wahre Quelle von Ungeheuern

Es ist eine Herausforderung, der sich letztlich zu viele Autoren stellen: Wie ‚drehe‘ ich eine Handlung, sodass sie eine Deutung sowohl plausibel als auch unterhaltsam Lügen straft, die sich über viele Seiten gebildet und verfestigt hat? Die Gefahr eines Misslingens ist groß, denn womöglich hat sich der nur scheinbar rote Faden eine so tiefe Furche gegraben, dass er diese nicht mehr verlassen kann. Ward traut sich besonders weit aus der Deckung, denn sie wirft das Steuer erst nach mehreren hundert Seiten herum.

Selbstverständlich soll an dieser Stelle nicht verraten werden, welcher Twist uns erwartet. Die ‚Vorgeschichte‘ fesselt, und die Auflösung sorgt für einen weiteren Spannungsschub. Ward weiß, was sie uns erzählen will, und sie verfügt über die Fähigkeit, den Kurs zwischen Einleitung und Höhepunkt/Finale zu halten. Dass ein recht seitenstarkes Buch so konsequent den Plot bedient, sorgt für jenen Effekt, den die Werbung gern beschreit, ohne ihn dadurch herbeizaubern zu können: „Das letzte Haus …“ ist ein „Pageturner“, den man nicht beiseitelegen kann (und mag), bis (buchstäblich) die Katze aus dem Sack ist!

Der Titel reiht sich in ein „Festa“-Programm ein, dass wieder dem Gesamtspektrum des Horrors ein Forum bietet. Die Blut-&-Sperma-Stammler treten in den Hintergrund. Stattdessen findet die Phantastik in ihren mannigfaltigen Erscheinungsformen statt. „Das letzte Haus …“ kommt ohne Schlachtbank-Effekte aus, was dem Geschehen jedoch nie den Schrecken nimmt. Ward weiß, wo das wahre Grauen zu Haus ist, und sie vermag es anzufachen, ohne in jene Lächerlichkeit durch Übertreibung zu verfallen, für die der Brutal-Horror berüchtigt ist.

Fazit:

Dieser Roman an der Schnittstelle zwischen Horror und Psycho-Thriller kann über die gesamte Distanz fesseln. Glaubhaft-erschreckende Figuren und sorgfältig entwickelte Rätsel bereiten einen gelungenen Twist vor, der das Geschehen radikal auf den Kopf stellt (und neugierig auf weitere Werke der Autorin macht).

Das letzte Haus in der Needless Street

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