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Marcel Scharrenbroich
Horror aus dem Leben oder Leck‘ mich fett und schimpf‘ mich Satan

Buch-Rezension von Marcel Scharrenbroich Sep 2021

Waltrops dunkler Ritter

Er ist auf den Bühnen der Welt zuhause… na ja, zumindest auf jenen, von denen die deutsche Sprache verständlich ins Publikum geworfen werden kann. Von seinen angerauten Stimmbändern geraunzt, wird diese nämlich zum messerscharfen Werkzeug, mit dem er nicht nur treffsichere Pointen anspitzt, sondern gerne mal derart geschmeidig abschweift, dass es einem bei spontan eingeschobenen Pillemann-Witzen und schwer abenteuerlichen Alltagsbeschreibungen den Tränenkanal überflutet und man sich bis zum Zerbersten auf die Kniescheiben trommelt. Zumindest geht es mir so, seit ich Torsten Sträter vor einigen Jahren in Ina Müllers Trink… Verzeihung, Talk-Show „Inas Nacht“ in der mitgebrachten Hausapotheke wühlen sah. Unnötig zu erwähnen, dass meine Knie mittlerweile komplett im Arsch sind…

Im Herzen mit dem Ruhrgebiet treu verbunden, ist der Poetry-Slammer, Kabarettist, Buchautor und Gute-Laune-Garant längst kein Geheimtipp mehr. Als Gastgeber eigener TV-Sendungen und gern gesehener Gast in zahlreichen Shows und Formaten, ist er einem über-überregionalen Publikum bestens bekannt. Zusätzlich lädt Sträter zusammen mit seinen Freunden - dem Comedian Hennes Bender und dem Hörspiel- und Drehbuchautoren Gerry Streberg - jeden Monat zum Audio- bzw. Video-Podcast „Sträter Bender Streberg“ ein. Dort plaudern die drei Herren frei von den Lebern weg über Filme, Games, Bücher, Hörspiele und den ganzen anderen geilen Nerd-Scheiß, für den ich mir wöchentlich einen Lotto-Gewinn herbeiwünsche. Vielleicht sollte ich mal anfangen zu spielen…

Außerdem ist der gelernte Herrenausstatter mit der Vorliebe für Schwarz ein begeisterter Batman-Fan (Ihr wisst schon: reich geerbt, Abneigung gegen Clowns und mehr coolen Krempel im ausgebauten Keller als den gesamten Ausgaben der „YPS-Hefte“ beilagen). Er stellt sogar eigenhändig Masken und ganze Kostüme her. Ob er damit tatsächlich nachts über die Dächer turnt, nachdem Dortmunds Bürgermeister zum schwarz-gelben Telefon greift und das Strät-Signal über der Stadt erleuchtet, ist bislang nicht überliefert. Tja, jeder braucht ein Hobby. Ich baue auf meinem Dachboden die Weltwunder im Maßstab 1:1 aus Zwiebelmett und Suppengemüse nach und andere machen eben… sowas.

Er kann nicht nur lustig…

Jemand, der so vielen Leuten Freude schenkt und ein Lächeln (bis hin zum ausgewachsenen Lachen) in die Gesichter zaubert, sollte doch eigentlich der glücklichste Mensch der Welt sein… möchte man meinen. Aber wie so oft - und damit tritt er in die Fußstapfen großer nationaler und internationaler Kollegen - hatte Torsten Sträter in seinem bisherigen Leben ebenfalls mit Dämonen zu kämpfen, die ihn laut eigener Aussage alle paar Jahre mal wieder von der Seite anwehen und aus der Ferne grüßen. Die Rede ist von Depressionen. Und Torsten Sträter macht das einzig Richtige: er spricht darüber. Der gebürtige Dortmunder ist Schirmherr der „Deutschen DepressionsLiga e.V.“ und wird nicht müde, Betroffenen eine starke Stütze zu sein, indem er darüber berichtet und auffordert, doch bitte professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wo es nur geht. Schließlich ist eine Depression kein Zeichen von Schwäche, da diese heimtückische Krankheit jeden jederzeit treffen kann. Und das ist kein Zuckerschlecken… da spreche ich aus eigener Erfahrung und als jemand, der selber vor ein paar Jahren dankend und ohne Scham Hilfe in Anspruch nahm. Wer da von Schwäche spricht, hat noch nie eine Panikattacke in der Einkaufsschlange oder der U-Bahn erlebt, noch nie einen sonnigen Sommertag in verwaschen-grauem Dunst absaufen sehen und noch nie die Last gleich mehrerer Welten auf seinen verkrampften Schultern gefühlt. Überforderung bei banalsten Dingen im Alltag. Traurigkeit in Glücksmomenten. Leere, wo keine ist. Kein Spaß. Wirklich nicht.

Und so gehörte die Folge der Sendung „Chez Krömer“, in der Sträter zu Gast war (online zu finden!), zu den wohl besten dreißig Fernseh-Minuten, die man im Jahr 2021 - und darüber hinaus - sehen durfte. Gast und Gastgeber machten sich redensartig nackig und zwischen Torsten Sträter und Kurt Krömer entwickelte sich ein tiefgehendes Gespräch, das Mut machte. Krömer warf kurzerhand seine Kunstfigur über Bord und öffnete sich, wie man sich vermutlich sonst nur einem Therapeuten gegenüber öffnen wurde. Und Sträter hörte ihm zu. War einfach nur da und machte jedem, der vor dem Bildschirm saß, klar, dass wir in dieser halben Stunde alle gemeinsam an einem Tisch saßen. Da kann man nur den Hut, die Mütze oder sonstige Kopfbedeckung ziehen… ganz groß.

- „Deutsche Depressionshilfe“ Info-Telefon: 0800 / 33 44 533
- „Telefonseelsorge“: 0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222
- „Nummer gegen Kummer“ Kinder- und Jugendtelefon: 11 6 111
- „Nummer gegen Kummer“ Elterntelefon: 0800 / 111 0 550

…sondern auch phantastisch!

Stellen wir den realen Horror nun mal etwas beiseite und widmen uns etwas Erfreulicherem: dem fiktiven Horror! Torsten Sträter schreibt nämlich nicht nur humorvolle Texte mit wortgewandter Lach-Garantie, nein, er schreibt auch phantastische Kurzgeschichten, mit denen er sich vor seinem literarischen Vorbild Stephen King keineswegs zu verstecken braucht. Diese entstanden hauptsächlich zu der Zeit, in der er noch in der Spedition seiner Mutter arbeitete und sich die Zeit damit vertrieb, kreativ in die Tasten zu klöppeln. Diese gruseligen, übernatürlichen Frühwerke sprühen vor frischen Ideen und einer gepfefferten Prise Fantasie. Und das schöne ist, dass man beim Lesen konstant Sträters markante und brummig-beruhigende Stimme im Ohr hat. Ernsthaft, er könnte mir den Beipackzettel von Paracetamol auf aramäisch mit Dialekt vorlesen, ich würde gebannt und trotzdem tiefenentspannt zuhören.

Seine „Gutenachtgeschichten“ decken dabei ein breites Spektrum ab. Sträter schlabunst sich quer durch alle Genres, wobei meist alltägliche Situationen den Phantastik-Stein langsam aber strätig… äh, stetig ins Rollen bringen. Direkt die erste Geschichte, „Jägerlatein“, hat es in sich und setzt eine erste pointierte Marke, die Lust auf die folgenden Erzählungen macht. Erzählt wird von einem verzweifelten Mann, der in seinem Wahn sein städtisches Umfeld mit der Savanne Afrikas zu verschmelzen scheint. Mitmenschen nimmt er als gierig sabbernde Bestien wahr. Darauf brennend, ihre Reißer in seinem sedierten Fleisch zu versenken. Die volle Palette an Psychopharmaka, bei deren Menge jedem Pharmareferenten der Titel „Mitarbeiter des Monats“ winken würde, und harte Drogen, die jeden Dealer freudig den Vorruhestand einläuten ließen, sind des armen Mannes täglich Brot. Von Sträter derart detailliert beschrieben, dass den Lesenden nach wenigen Seiten der kalte Entzugs-Schweiß auf der Stirn steht. Da darf ein böser Twist am Ende natürlich nicht fehlen.

In „Der Geruch von Blau“, der mit rund zweiundzwanzig Seiten ersten längeren Erzählung des Buches, geht es um den Bewohner einer Seniorenresidenz, welcher einen Boten von Flüssignahrung und Pflegeutensilien in ein Gespräch verwickelt. Mehr noch, vor diesem Boten eine Lebensbeichte ablegt. Er erzählt von der Zeit, als er zur See gefahren war. Davon, was er Unglaubliches erlebte. Was seine Sicht auf die Dinge veränderte. Gänzlich. In allen Belangen. Und von der Tat, die seit etlichen Jahren auf seinen gealterten Schultern lastet. Der Bote ist ganz Ohr und hängt gebannt an den Lippen des Bewohners von Station Blau. Zumindest bis zu einem bestimmten Punkt…

„Der Mitbewohner“ ermahnt uns dann, dass wir vielleicht ein sorgfältiges Auswahlverfahren erstellen sollten, bevor wir eine Annonce für ein zu vergebendes Zimmer in die Zeitung packen. Gut, den meisten Leuten kann man nur vor den Kopf schauen, aber Mieter, die gerade bei Vollmond auf Tour kommen, sollten per se mit Vorsicht und einer gehörigen Portion Skepsis betrachtet werden. Ein Kammerspiel der haarigen Art.

Mit „Eine Frage der Form oder Vatertag in der Halle der Dilettanten“ läuft Torsten Sträter dann selber vollends zu Topform auf. Auf fünfundvierzig den Puls hochtreibenden Seiten läutet er die Apokalypse ein. Der Höllenfürst höchstpersönlich betritt das Parkett, herbeigerufen von einer mysteriösen Bruderschaft und einem zweitausend Jahre altem Relikt… in den Dortmunder Westfalenhallen. Wenn sich schon die Pforte zur ewigen Verdammnis öffnet, hätte ich eher auf die Veltins-Arena getippt, aber man steckt halt nicht drin. Jedenfalls steigert sich die Spannung von Seite zu Seite, je näher die Stunde null rückt.

Ein weiteres Weltuntergangs-Szenario findet sich in „Heiliger Krieg: Einer muss es ja machen“. Darin hat der Papst in einer beunruhigenden Vision eine Dämonen-Invasion prophezeit, die sich zum großen Erstaunen sämtlicher Gläubigen, Ungläubigen und dem sich irgendwo dazwischen befindenden Rest der Menschheit nur ein Jahr später bewahrheitet. Arschkarte! Der Vatikan rekrutiert seitdem zu Hunderttausenden fähige Männer, die sich - ob gewollt oder nicht - den finsteren Dämonen entgegenstellen müssen. Auf einem Schlachtfeld in Düsseldorf (wo sonst?) kracht es dann auch an allen Ecken und Enden.

Gebündeltes Grauen

Insgesamt siebenundzwanzig schmackhafte Storys serviert Connaisseur Sträter den hungrigen Horror-, Mystery- und Phantastik-Feinschmeckern. Und nennenswerte Geschmacksverirrungen leistet sich keine einzige von ihnen. „Sträters Gutenachtgeschichten“ sind dank des ULLSTEIN Verlags nun erstmals in gesammelter Form verfügbar. Zwischen 2004 und 2006 erschienen die drei Bücher der „Jacks Gutenachtgeschichten“-Reihe - bestehend aus „Hämoglobin“, „Postkarten aus der Dunkelheit“ und „Hit the Road, Jack!“ - im auf düstere Literatur spezialisierten ELDUR Verlag. Zum Teil nur noch antiquarisch erhältlich, kommt man nun kompakt und am Stück in den Genuss. Und einmal angefangen, legt man den Schmöker auch nicht mehr so schnell aus der Hand… ganz nach dem Motto „Ach komm, eine Story geht noch…“.

Für die Neuausgabe der (rein zeitlich gesehen) nicht mehr ganz taufrischen Geschichten hat Torsten Sträter seine Texte überarbeitet, ergänzt und angepasst. Im launigen Vorwort erklärt er zudem, wie es überhaupt zu seinen Horror-Ausflügen kam und warum gerade 2020 die Idee für eine erneute Veröffentlichung aufkeimte. Kurz gesagt: scheiß Corona hat doch nicht nur Mist hervorgebracht.

Fazit:

Die schaurigen Bösenachtgeschichten von Torsten Sträter unterhalten abwechslungsreich und grätschen nicht selten dorthin, wo es wehtut. Obwohl es Frühwerke sind, lässt sich deutlich der Stil des Kabarettisten und Satirikers erkennen. Sogar, wenn der markante Humor nur in wenigen Momenten durchblitzt. Ein Buch, welches man dank Sträters Wortgewandtheit gerne öfter für eine kleine Grusel-Session aus dem Regal zupft. Egal, ob Zombies, Vampire, Geister oder Untote… zwischen diesen Buchdeckeln findet jedes zwielichtige Kroppzeug eine kurzzeitige Bleibe.

Sträters Gutenachtgeschichten: Die gesammelten Horror-Storys

Sträters Gutenachtgeschichten: Die gesammelten Horror-Storys

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