Der Geist von Lucy Gallows

Erschienen: September 2020

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Marcel Scharrenbroich
Es ist nur ein Spiel, es ist nur ein Spiel, es ist nur ein…

Buch-Rezension von Marcel Scharrenbroich Jul 2021

Kleinstädte und ihre düsteren Legenden

Es scheint, dass mit jeder kleinen Stadt in den Staaten eine gewisse lokale Legende einhergeht. Die einen haben ihren maskierten Messermann, der turnusmäßig in der Nacht vor Allerheiligen nicht nur Kürbisse ausporkelt, die anderen ihre eigene Eishockey-Berühmtheit, die den Schläger gegen eine schnittige Machete eingetauscht hat. In gewissen Wäldern treiben sich Hexen rum, die aus herumliegendem Geäst gerne kleine Figürchen basteln, während der Süßigkeiten-Mann aufschlägt, so bald man seinen Namen fünfmal gegen einen Spiegel haucht. Allerdings ohne Süßigkeiten… dafür mit einem formschönen Haken, mit dem er das Innere des/der Glücklichen kurzerhand mal nach außen stülpt. Hach, Kleinstadt-Geschichten sind halt was für die ganze Familie…

Eine solche gibt es auch im Städtchen Briar Glen, gelegen im US-Bundesstaat Massachusetts. Hier verschwand von einem Jahr das Mädchen Rebecca Donoghue. Während die Allgemeinheit davon ausgeht, dass Becca sich mit einem Jungen aus dem Staub machte, ist ihre Schwester Sara noch immer davon überzeugt, dass Lucy Gallows mit ihrem Verschwinden in Zusammenhang steht. Jenes Mädchen, dass 1953 im Alter von fünfzehn Jahren im angrenzenden Wald spurlos verschwand. Niemand kann sagen, was sich damals genau abspielte, doch Lucys Bruder beteuerte, dass sich mitten im Wald eine Straße auftat, an deren Ende der Junge seine Schwester in Begleitung eines Unbekannten sah. Seither hält sich die Legende, dass sich einmal im Jahr die Möglichkeit auftut, diese Straße mit Hilfe eines Rituals herbeizurufen. Und Sara ist nicht von der Idee abzubringen, dass dort, wo Lucy Gallows vermutet wird, auch ihre Schwester Becca zu finden ist.

Eines Nachts bekommen alle Schüler der Briar Glen-Highschool eine Nachricht, in der sie aufgefordert werden, „das Spiel“ zu spielen. Die mysteriöse Straße aus dem Nichts zu beschwören. Es ist wieder diese Zeit des Jahres… und Beccas Verschwinden jährt sich in dieser Nacht zum ersten Mal. Zufall? Keineswegs, davon ist Sara überzeugt. Zusammen mit einer Gruppe, bestehend aus Mitschülern, flüchtigen Bekannten und ehemaligen Freunden, die der Vorfall mit Becca regelrecht zersprengte, geht Sara das Wagnis ein. Manche der Teenager sind einfach nur neugierig und abenteuerlustig, nur die wenigsten wollen Sara ernsthaft bei ihrem Vorhaben unterstützen und glauben, dass die Straße tatsächlich erscheinen wird. Daran, dass die Nacht den Weg zu Lucy Gallows – und somit zu Becca Donoghue - weisen wird, glaubt wohl nur Sara mit voller Überzeugung. Zumindest hofft sie es.

Zur allgemeinen Überraschung finden die Jugendlichen sich tatsächlich bald auf der unheilvollen Straße, die sie nur für einen modernen Mythos hielten, wieder. Doch einfach drauflos stürmen und nach dem vermissten Mädchen suchen wäre zu einfach. Es gibt Regeln, die beachtet werden müssen. Und da fängt das Chaos in der gegensätzlichen Gruppe schon an. Doch für die Aufgaben, die vor ihnen liegen, sollten sie besser an einem Strang ziehen. Aus der Reihe tanzen kann hier nämlich schnell tödlich enden…

Künstlich erschwert

„Der Geist von Lucy Gallows“ steht sich selbst im Weg, wenn es um einen konstanten Level an Atmosphäre geht. Diese bricht nämlich immer abrupt ab, da Sara - die Erzählerin der Geschehnisse - gefühlt alle drei Seiten unterbrochen wird. Es werden Videobeweise, Textnachrichten, Chat-Verläufe, diverse Anlagen, Ergänzungen und vor allem Interview-Schnipsel eingefügt, in denen meist Sara dem zunächst undurchsichtigen Dr. Ashford Rede und Antwort zu den Ereignissen in der schicksalhaften Nacht im Nirgendwo steht. Diese Einschübe lichten zwar Stück für Stück den Nebel um das zuvor Erlebte, machen es den Leserinnen und Lesern aber unnötig schwer. Man fühlt sich in etwa so, als würde man einen spannenden Horror-Thriller und parallel die passende Doku dazu schauen, während man alle zwei Minuten den Film pausiert.

Zweites Problem: Die Charaktere. Nach dem klassischen Baukasten-System zusammengesetzt, finden wir im Buch jeden Typ, den man aus x-beliebigen Horror-Storys mit Teenagern kennt. An sich nicht das größte Problem, wenn diese Figuren nicht so entsetzlich blass und teils unsympathisch blieben, dass es einem nach wenigen Kapiteln schon herzlich egal ist, wer von ihnen als nächstes ins Gras beißt. Dass es so kommt, muss nicht extra betont werden…, denn zu welchem Zweck sollten wir sonst schon zu Beginn mit einer regelrechten Namensflut überschwemmt werden. Die generische Truppe stolpert zudem über alle erdenklichen Genre-Fallen, was beim Ableben einiger höchstens für ein gleichgültig hinnehmendes Schulterzucken sorgt. Machte mir jetzt nicht sooo viel aus, da mindestens die Hälfte der Charaktere in meiner Vorstellung identisch aussah. Wenn ein Autor oder eine Autorin (in diesem Falle Autorin) nicht hinbekommt, dass mir – bis auf ein paar oberflächliche Beschreibungen – eine Figur nahgebracht wird, soll es mich auch wenig jucken wann und wie diese über den Jordan geht.

Es gibt aber auch positives zu vermelden, denn obwohl der Handlungsraum - eine Straße - sehr überschaubar ist, gelingt es Kate Alice Marshall, einiges an Abwechslung reinzubringen. Wir haben viele übernatürliche Elemente, ekelig detailliert beschriebene Monster, eine düstere Kleinstadt-Legende, Spuk und Passagen, die mit den Lesern spielen und immer wieder das zuvor Beschriebene in Frage stellen. Das wirkt zwar manchmal holprig und streng genommen wie ein Best-of-Mix bekannter Horrorfilme, -romane und -serien, hält aber streckenweise bei Laune.

Mainstream-Horror

Da der Roman sich schwer einem Genre zuordnen lässt und innerhalb seines Rahmens gleich auf mehreren Hochzeiten tanzt, fällt es schwer, eine genaue Zielgruppe zu benennen. „Horror für die breite Masse“ trifft es da wohl am ehesten. Literweise Blut sollte nicht erwartet werden, denn „Der Geist von Lucy Gallows“ setzt mehr auf psychologischen Grusel. So ist das Buch auch in der ALL AGE-Sparte des FESTA Verlags erschienen, wo es meiner Meinung nach gut aufgehoben ist. Für reine Gorehounds bietet das FESTA-Programm da andere Titel der saftigeren Sorte. Ich fühlte mich beim Lesen gelegentlich an ein Videospiel erinnert, welches mich Level für Level Richtung Ziel führt. So erscheinen die Aufgaben, die auf Sara und ihre Begleiter warten. Ein bisschen Teenie-Slasher, dann Monster-Horror und immer wieder hakenschlagender und Fragen aufwerfender Mystery-Thrill. Anhand der Thematik sollte man „All Age“ allerdings nicht ZU wörtlich nehmen.

Das Hardcover kommt dabei in gehobener Qualität und sticht allein haptisch aus der Menge heraus. Die Lederoptik des Buches setzt das gelungene Cover-Motiv noch besser in Szene und dank der der angerauten Struktur liegt der Wälzer gut in der Hand. Passend dazu verfügt der Roman über ein grünes Lesebändchen.

Fazit:

Wen teils nervige Dialoge - von durch den Klischee-Sumpf gezogenen Teenagern - nicht stören und erschwert-wirren Erzählweisen im „Found Footage“-Stil nicht abgeneigt ist, könnte glücklich mit „Der Geist von Lucy Gallows“ werden. Ein Mix aus diversen Horror-Genres, der zwar keine dieser Sparten neu erfindet bzw. definiert, dafür aber überraschend abwechslungsreich daherkommt. Ein Roman mit Schwächen… aber auch mit starken, spannenden Momenten, die überraschende Wendungen offenlegen.

Der Geist von Lucy Gallows

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