Die unheimliche Erbschaft

Erschienen: Januar 2020

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Michael Drewniok
Nachlass mit ausgeprägtem Pferdefuß

Buch-Rezension von Michael Drewniok Aug 2021

Im London des Jahres 1900 gehört Mary Blyth zur geknechteten Unterschicht. Als Verkäuferin in einem Warenhaus wird sie ausgebeutet, schlecht behandelt und schließlich unter fadenscheinigen Gründen an die Luft gesetzt. Kein soziales Netz, das diese Bezeichnung verdient, wird sie auffangen; stattdessen droht das keineswegs grundlos gefürchtete Armenhaus.

Scheinbar gewährt das Schicksal der verzweifelten Frau seine Gunst. Anwalt Frank Paine meldet sich bei ihr: Onkel Benjamin Batters hat ihr sein Vermögen und ein Haus in London überlassen! Mary ist skeptisch, denn Benjamin war nicht nur das tiefschwarze Schaf der Familie, sondern nachweislich ein Betrüger, Lump und Widerling, der irgendwann verschwand und totgeschwiegen wurde.

Offenbar ist Benjamin vermögend auf einer kaum bekannten, irgendwo in der Südsee gelegenen Insel gestorben. Sein Testament ist bizarr: Sollte Mary es antreten, muss sie das genannte Haus, in das sie nie jemanden einladen darf, zeitlebens bewohnen. Außerdem wird sie kryptisch vor schauerlichen Gefahren gewarnt.

In ihrer Not lässt sich Mary auf die Bedingungen ein. Mit ihrer Freundin Emily Purvis zieht sie in das Haus ein, das sich als Bruchbude entpuppt. Dort gibt es geheime Räume und Gänge, in denen sich nicht nur die Ratten unheimlich rühren. Außerhalb wird Mary von gruseligen Männern verfolgt; aus gutem Grund hatte Benjamin das Haus in eine Festung verwandelt. Zwar enthüllt sich allmählich das Geheimnis, doch die Auflösung bringt Mary und Emily in die Fänge eines schaurigen Kultes, der schon Onkel Benjamin das Fürchten lehrte …

Unterhaltung als zeitlose Pflicht

Seit sich die Menschen Geschichten erzählen, sollen diese unterhaltsam sein, wobei „unterhaltsam“ keineswegs identisch mit dem hehren Urteil „literarisch wertvoll“ sein muss. Dass „Die unheimliche Erbschaft“ bereits 1901 angetreten und als ‚Verbrauchslektüre‘ konzipiert wurde, ändert jedenfalls nicht am Schwung einer kuriosen, temporeichen und mit bizarren Details gespickten Handlung, die auch heute noch Vergnügen bereitet, zumal dafür Sorge getragen wurde, dass trotz zahlreicher Klischees und Wiederholungen das Alter den Spaß nicht mindern konnte.

Der Plot ist reine Kolportage, die Umsetzung dementsprechend, aber dem gewachsen, denn „Kolportage“ ist keineswegs ein zwingend negativ besetzter Begriff. Ist ein Autor talentiert und gewillt, möglichst gute Arbeit abzuliefern, kann Kolportage sogar unsterblich werden.

„Arbeit“ stellt in diesem Zusammenhang ein wichtiges Stichwort dar. „Die unheimliche Erbschaft“ erschien ursprünglich nicht als Buch, sondern zwischen Oktober 1900 und Februar 1901 als Fortsetzungsroman in der Zeitung „Manchester Times“. Dort musste Autor Marsh mit den täglichen Nachrichten um sein Publikum konkurrieren. Als Profi wusste er um die dafür erforderlichen Kniffe: Bloß keine Langeweile aufkommen lassen, hieß die Devise! „Die unheimliche Erbschaft“ ist (beinahe) über die gesamte Distanz das gelungene Ergebnis.

Erfolgreich gemeisterte Herausforderung

Die (Hoch-) Literatur war stets - gewollt oder ungewollt - ein Spiegelbild ihrer Zeit. Politische, aber vor allem soziale und kulturelle Gegenwarten flossen in die Darstellungen ein. Die „triviale“ oder besser „populäre“ Literatur stellte keine Ausnahme dar. Was oft fehlte - und keineswegs vermisst wurde -, war die intensive Beschäftigung mit den entsprechenden Werten, die auch bzw. ganz besonders seitens der Kritik oft wichtiger als die Handlung genommen wurde.

Diesen ‚Vorwurf‘ kann man Marsh nicht machen! Er schrieb wie am Fließband möglichst spannende Geschichten und hatte in der Regel gar keine Zeit, diese reflexiv zu ‚veredeln‘. Man merkt dies seinem Werk und somit auch der „Unheimlichen Erbschaft“ an, was aber keineswegs heißt, dass die Ereignisse vor einem non-historischen Hintergrund spielen. Die ‚Realität‘ spielt mit, wenn Marsh beispielsweise den drastischen Arbeitsalltag der Mary Blyth schildert, der eher einer Leibeigenschaft gleicht.

Marsh arbeitet mit Methoden, die nicht alt, sondern klassisch und bewährt sind. Er entwirft ein Rätsel, das final nicht unbedingt originell, aber turbulent aufgelöst wird. Wichtiger ist der Weg dorthin, denn er ist identisch mit einem an Zwischenfällen reichen Geschehen. Dieses lässt eine echte innere Logik zwar vermissen, folgt jedoch eigenen, d. h. auf diese Ereignisse zugeschnittenen Regeln, auf die man sich gern einlässt, weil der Autor sein Garn zu spinnen weiß.

Fremd = verdächtig, aber in diesem Fall spannend

Die deutsche (Erst-) Ausgabe wird mit einem informativen Vorwort eingeleitet. Es gibt Auskunft über „Richard Marsh“, dessen interessante Doppel-Identität gelüftet wird. Außerdem stellt Erik Hauser - der für den „Blitz“-Verlag die Reihe „Meisterwerke der dunklen Phantastik“ herausgibt und betreut - den Roman in seinen zeitgenössischen Rahmen. Dieses Wissen ist für den Genuss der erzählten Geschichte zwar nicht erforderlich, doch wer einen Sinn für solche Hintergrundinfos besitzt, wird dankbar dafür sein.

So weist die scheinbar ‚nur‘ vom Effekt regierte Handlung durchaus einen Subtext auf. Marsh folgte dem kulturellen Empfinden seines britischen Publikums - und das war mehrheitlich von seinem Recht und seiner Pflicht überzeugt, die ‚Wilden‘ dieser Erde zu ‚zivilisieren‘, zu ‚züchtigen‘ und buchstäblich zu beherrschen! Damit einher ging ein Gefühl der Überlegenheit, dem - natürlich - die Geringschätzung des und der Fremden gegenüberstand.

Marsh trieb dies auf die Spitze: Der Schurke im Hintergrund ist nicht das Erzböse à la Dr. Fu Manchu, d. h. die schlangengleiche, rücksichtslose, grausame Intelligenz aus dem fernen Osten, sondern ein Brite, der sich mit den „Wilden“ zusammentat und damit ‚seine‘ „Rasse“ verriet! Dies sorgte für einen Schock, der die Leser einst ungleich härter traf, als das heutige Publikum ahnt, weshalb eine Erläuterung definitiv hilfreich ist.

Im Mahlstrom des Schicksals

Dass dieses mehr als einhundert Jahre alte Garn weiterhin fesselt, liegt nicht allein an der unbekümmert komplizierten, auf Mystery-Effekte gebürsteten Handlung. Auch die der Story zweckmäßig unterworfene, d. h. nie komplexe Figurenzeichnung trägt ihren Teil bei. Um ein wenig ‚Klasse‘ zu demonstrieren, zerlegte Marsh wie schon in seinem 1897 veröffentlichten Bestseller „The Beetle“ (dt. „Der Isiskäfer“/„Der Skarabäus“) die Geschichte in (dieses Mal vier) Teile, in denen er jeweils eine der Hauptfiguren - hier Mary Blyth, Emily Purvis, Frank Paine und den Seemann Max Lander - zu Wort kommen lässt.

Diese Kapitel unterscheiden sich durch ihren ‚Tonfall‘, denn Marsh bemüht sich, den von ihm eingeführten Personen charaktertreu die Zungen zu führen. Gleichzeitig löst er ein praktisches Problem: Für seine Werke wurde Marsh nach Worten honoriert. Das ‚Umschalten‘ auf eine neue Hauptfigur ermöglichte ihm die wortreiche Wiederholung bereits geschilderter Ereignisse, die nun aus anderer Sicht ein weiteres Mal zur Sprache kamen. Das Erscheinen in Fortsetzungen begründete dies sogar, aber Marsh kürzte diese Passagen auch für die Romanfassung nicht.

Für den heutigen Leser ist wie schon angedeutet die Übersetzung von Vorteil. Sie bewahrt zwar den ‚altmodischen‘ Tenor der Vorlage, ohne diesen jedoch triumphieren zu lassen. Übersetzer Schiffmann ‚modernisiert‘; meist behutsam und nützlich, nur selten übertrieben, wenn er auf allzu anachronistische Eindeutschungen setzt. Dies nimmt man als Leser, der ‚alte‘, aber trotzdem ‚gute‘ Phantastik schätzt, in Kauf bzw. freut sich über diese nicht nur spannende und gut übersetzte, sondern auch schön gestaltete und kostengünstige Ausgabe.

Fazit:

Diese altmodische, aber flotte Abenteuergeschichte mit unheimlichem Unterton folgt klassischen Spannungselementen. Bewahrt wird dies durch eine behutsam modernisierende Übersetzung. Der Band ist zudem schön layoutet und preisgünstig: Unterhaltung von „gestern“, die auch heute überzeugt.

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