Tote Titanen, erwacht!

Erschienen: November 2020

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Michael Drewniok
Mörderische Wiederkehr gleichgültiger ‚Götter‘

Buch-Rezension von Michael Drewniok Aug 2021

Sein Leben hat Carter E. Graham, Professor für Archäologie und Anthropologie am renommierten Ludbury College, der Suche nach Belegen für jene Vorzeit geweiht, die nur vage durch Reliktfunde, Bildnisse oder Schriften belegt und von der Forschung skeptisch betrachtet wird. Oft hat Graham gefährliche Expeditionen in entlegene Winkel der Erde unternommen, um seinen Verdacht bestätigt zu sehen, dass unser Planet lange vor den Menschen von Wesen bewohnt war, die ihn an Intelligenz und Macht weit übertrafen und ursprünglich aus dem Weltall kamen.

Den Menschen waren diese Kreaturen nicht freundlich gesonnen - und so ist es geblieben, denn Graham ist fest davon überzeugt, dass sie die Erde nie verlassen haben, sondern in geheimen Schlupfwinkeln weiterhin ihr Unwesen treiben. Allerdings hat er nicht damit gerechnet, sie ausgerechnet im heimischen England erstmals persönlich zu treffen. Isling ist ein vergessenes Dorf im Südwesten der Insel und liegt nur wenige Kilometer von der urzeitlichen Kultstätte Stonehenge entfernt, was zunächst ein Zufall zu sein scheint. Etwas außerhalb liegt der von den Einwohnern gefürchtete „Teufelsfriedhof“. Dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht, entnimmt Graham der Presse, die aufgeregt über mysteriöse und grässliche Vorfälle in Isling berichtet. Neugierig untersucht der Wissenschaftler den „Teufelsfriedhof“ - und stößt nicht nur auf eine unheimliche Statuette, sondern auch den Zugang in ein unterirdisches Höhlensystem enormen Ausmaßes!

Der Fund weckt nicht nur Grahams Interesse, sondern auch die „Titanen“, die unter Isling und Stonehenge einen ihrer ‚Stützpunkte‘ angelegt haben. Sie planen ihre Rückkehr auf die Erde. Verzweifelt versucht Graham, die bösen Geister zurück in ihre Flasche zu zwingen. Seine Irrfahrt führt ihn u. a. auf die Osterinsel. Dort schließt sich buchstäblich der Kreis zwischen dieser Welt und jener fernen Sphäre, in der sich die „Titanen“ bereithalten, die Menschheit zu vernichten …

Junges Genie oder Sternschnuppe?

Nachdem er über Jahrzehnte weitgehend ignoriert wurde, ist Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) als Schriftsteller-Größe der Phantastik heute uneingeschränkt anerkannt. Er spielt in einer Liga mit Edgar Allan Poe und anderen Großmeistern des Genres, und er hat Generationen jüngerer Autoren mit seinen Ideen inspiriert.

Dass er bekam, was er (ungeachtet der Tatsache, ein arger Rassist gewesen zu sein) verdient, verdankt Lovecraft zwei Männern, die nach seinem frühen Tod das Vergessen seines Werkes nicht dulden mochten. Als sie die etablierten Verlagshäuser nicht für Lovecraft begeistern konnte, gründeten August Derleth (1909-1971) und Donald Wandrei (1908-1987) selbst einen bzw. den legendären Arkham-Verlag, der eine prominente Stellung in der Geschichte des Horrors einnimmt.

Sowohl Derleth als auch Wandrei schrieben selbst, wobei ihnen Lovecraft als Vorbild galt. Während Derleth unzählige Storys im Stil des Meisters verfasste, blieb Wandreis Werk überaus schmal. „Tote Titanen, erwacht!“ ist sein einziger Genre-Roman, und er war eine literarische ‚Notgeburt‘: Geschrieben bereits 1931/32, wollte kein Verlag die Geschichte drucken. Erst 1948 konnte Wandrei sie im Arkham-Verlag veröffentlichen. Er hatte sie zuvor überarbeitet, doch die hier vorgestellte Version basiert auf der Urfassung - das Werk eines sehr jungen Mannes, der vor Ideen platzte, während er stilistisch schwächelte, was aber durch das Höllentempo einer Handlung wettgemacht wird, die weder den Raum noch die Zeit als Grenzen akzeptiert.

Das Universum als unheimlicher Ort

„Tote Titanen, erwacht!“ ist Wandreis Auslegung einer komplexen Idee, die Lovecraft in den 1920er Jahren zu entwickeln begonnen hatte. Sie basiert auf der Annahme, dass die Erde bereits vor dem Menschen von intelligenten Wesen bevölkert war, die zum Teil von fremden Planeten oder sogar aus unbekannten Dimensionen auf unseren Planeten gekommen waren. Dort gründeten sie Hochzivilisationen, bekämpften einander und führten über Jahrhundertmillionen eine Existenz, die in der modernen Gegenwart unbekannt ist. Nur Rudimente uralter Bauwerke oder Fragmente erdfremder Bücher erhielten sich, die primär von obskuren Kulten gehütet und gelesen wurden.

Die Spannung dieser lose miteinander verbundenen Geschichte/n bestand u. a. darin, dass diese ferne Vergangenheit eben doch nicht tot ist: Der Kosmos ist weiterhin ein Ort, der vor Leben wimmelt, und die Erde immer noch Teil dieser ‚parallelen‘ Historie. Immer wieder ließ Lovecraft neugierige Wissenschaftler, Künstler oder einfach nur Reisende einen Zipfel dieses Geheimnisses erhaschen. Die Nachforschung weckte zuverlässig das Grauen, denn die Wesen aus Raum und Zeit waren niemals freundlich. Sie nutzten die Menschen als Opfer, Sklaven oder Söldner aus und hassten jegliche Aufmerksamkeit.

Auf diesen Zug sprang Wandrei auf. Die Exotik jener alten Statuen, die auf der Osterinsel stehen, war auch Lovecraft nicht entgangen. Er hatte sich auf die üblichen Andeutungen beschränkt, denen Wandrei nunmehr detailliert Leben einhauchte. Die Giganten aus Stein wertete er als Abbilder einer (weiteren) außerirdischen Macht, die er nach dem Vorbild angeblicher Zeugnisse „Titanen“ nannte. Wandrei schuf ihnen eine ‚Biografie‘, die es zumindest in Sachen Einfallsreichtum mit den Schöpfungen Lovecrafts aufnehmen konnte.

Science Fiction mit Horror und Tempo, aber ohne Klasse

Ebenfalls Lovecraft (aber nicht nur ihm) folgend, kommt ein weltfremder, vergeistigt in seinen Studien versunkener Forscher den „Titanen“ auf die Spur. Zwar bemüht sich Wandrei, diesem Carter E. Graham eine Persönlichkeit zu schaffen, aber weit kommt er dabei nicht; es ist auch nicht notwendig, denn Graham ist primär ein ‚Transportmittel‘, das durch das Geschehen führt und es kommentiert.

„Tote Titanen, erwacht!“ ist ein Produkt der „Pulp“-Ära, in der die Phantastik nicht subtil sein durfte, weil sie in marktschreierisch bunten, billig produzierten Magazinen veröffentlicht wurde. Auch Lovecraft erschien hier, wobei er mit seinen sinntiefen, intensiv geschriebenen Erzählungen ein Außenseiter blieb. Wandrei hatte keine Probleme mit dem Pulp, und wie er mit „Tote Titanen, erwacht!“ zeigt, ist es durchaus möglich, Lovecrafts komplexes Kosmos-Modell in einfacher Sprache darzustellen.

Eigentlich ist dies kein ‚echter‘ Romanen, sondern eine Folge von Episoden, die sich oft eher schlecht als recht an einem roten Faden orientieren. Lange Geschichten wurden in den Magazinen oft in Fortsetzungen präsentiert, wozu Wandreis Werk sich angeboten hätte. Gerade die heutigen Leser dürften insgesamt oder in Teilen ihre Probleme haben: Dem Werk fehlt jede formale Raffinesse, die es über die Jahrzehnte lektürefrisch erhalten hätte. Wandrei hat etwas zu erzählen, aber er sprudelt damit heraus, statt seinem Garn Struktur und Stil zu geben. Manchmal ahmt er Lovecraft allzu sehr nach, und seine schon einst nicht gerade originellen Gruseleffekte sollen einen Horror bringen, der seine Wirkung eingebüßt hat.

Die Erde als Versuchslabor

Es ist dennoch die wirre, wüste Unordnung der Ereignisse, die der Geschichte für die Gegenwart rettet. Wandrei gelingen zudem trotz seiner jugendlichen Unerfahrenheit packende Szenen; zu nennen sind vor allem jene Passagen, die in Isling oder auf der Osterinsel spielen. Hinzu kommen ‚kosmische Visionen‘, in denen Graham erfährt, wer die „Titanen“ tatsächlich sind und was sie auf der Erde wollen. Hier geht es überaus spektakulär mit Wandrei durch, der sich als Weltenschöpfer à la H. G. Wells oder Olaf Stapledon (auf Edward-E.-„Doc“-Smith-Niveau) beweisen kann. Raum und Zeit werden unter seiner Feder zu Bausteinen, aus denen er ein Weltbild errichtet, das die Menschheit als ‚Feldversuch‘ der „Titanen“ beschreibt. Das ist - erst recht im Feld grundsätzlich ähnlicher SF-Pulp - wiederum nicht originell, lebt aber vom puren Fabulierdrang.

Im Wissen darum ist es schade, dass Wandrei seine vielversprechende Laufbahn als Autor schon früh beendete und sich auf seine Tätigkeiten für den Arkham-Verlag konzentrierte. Aus dem informativen Nachwort geht hervor, dass Wandrei eine schwierige Persönlichkeit war. Mit fortschreitendem Alter wurde er immer streitsüchtiger und verbitterter, während sich sein Talent und seine Lust zu schreiben verflüchtigten.

In der Geschichte der populären Kultur bleibt „Tote Titanen, erwacht!“ eine Fußnote. Wer dieses Garn nicht kennt, muss keine eine elementare Wissenslücke beklagen. Wer sich für ‚historische‘ Phantastik interessiert, denkt freilich anders. Insofern ist diese deutsche Übersetzung durchaus erfreulich. Aufgrund der überschaubaren Zahl potenzieller Leser ist die Auflage nicht nur gering; darüber hinaus ist leider mit einer Nachauflage (erst einmal?) nicht zu rechnen. Solche ‚Exklusivität‘ lockt offensichtlich Sammler; das Konzept sollte dennoch überdacht werden, denn welchen Sinn machen eine (sorgfältige) Übersetzung, ein pulp-hübsches Layout und ein kundiges Nachwort, wenn das Werk doch wieder im Nirgendwo verschwindet?

Fazit:

Obwohl eng an H. P. Lovecraft angelehnt, findet Autor Wandrei seine eigene Stimme. Das Werk funkelt vor bizarren, kuriosen und spektakulären Einfällen, legt ein unglaubliches Tempo vor, kümmert sich nicht um Genregrenzen und macht dadurch seine formalen Schwächen wett: Wer sich für ‚historische‘ Phantastik interessiert, wird dieses Buch schätzen.

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