Schnee im September

Erschienen: Januar 2001

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Michael Drewniok
Polar-Gespenster belagern Kleinstadt-Bürger

Buch-Rezension von Michael Drewniok Sep 2021

Bastion Falls, ein Städtchen mit 613 Einwohnern, liegt in Nordkanada unweit des Polarkreises. Zehn Monate liegt hier Schnee. Als Bürger muss man zu einem besonderen Menschenschlag gehören, um hier ausharren zu können. Vom rauen Klima geprägt, sind sie notgedrungen naturverbunden, dabei eigensinnig, gottesfürchtig und ihrer Heimat verbunden.

Sogar in Bastion Falls ist es ungewöhnlich, dass der erste Schnee bereits im September fällt. Binnen weniger Stunden braust ein Sturm, der den Ort von der Außenwelt abschneidet. Dort wird die Lage schnell heikel, denn der Kälteeinbruch kam völlig überraschend. Die Schule und das große Einkaufszentrum werden zu Häfen für jene, die den Weg nach Hause nicht mehr schafften.

In dem Durcheinander bleibt lange unbemerkt, dass nicht nur Schnee und Kälte die Bewohner von Bastion Falls bedrohen. Menschen verschwinden spurlos, nachdem sie im Schnee die Geister längst verstorbener Verwandte und Freunde zu sehen glaubten.

Die 15-jährige Schülerin Shannon Wilson weiß mehr als ihr lieb ist über die „Schatten“, die Bastion Falls bedrohen. Das Mädchen verfügt über seherische Fähigkeiten, und nur sie kann zunächst die formlosen, schwarzen Wesen sehen, die aus der Wildnis in die Stadt schweben, in die Körper ahnungsloser Menschen schlüpfen und diese von innen auszehren, bevor sie ihr nächstes Opfer suchen.

Shannon findet heraus, dass die Schatten aus dem alten, jenseits der Stadtgrenze gelegenen Fort kommen. Es gab Bastion Falls seinen Namen gab, aber von den Bewohnern seit jeher gemieden. In den Tagen der ersten Siedler diente es als Straflager. Schreckliches soll sich innerhalb der dicken Mauern abgespielt haben, und bis heute blieb der Ort verrufen. Während die Schatten über Bastion Falls herfallen und nun Schule und Einkaufszentrum belagern, macht sich Shannon zum alten Fort auf, um die Quelle allen Übels buchstäblich auszubrennen ...

Rücken zur Wand, die Stirn dem Bösen zugewandt

„Schnee im September“ ist der Debutroman der Journalistin Susan Moloney, die tatsächlich im hohen Norden Kanadas geboren wurde. Die Erfahrungen, die sie mit Land und Leuten in diesem unwirtlichen Teil der Welt machen konnte, fließen direkt in die Handlung ein und verleihen ihr eine Überzeugungskraft, die erheblich zur Glaubwürdigkeit beiträgt.

Das große Vorbild der Autorin ist rasch ausgemacht. „Schnee im September“ folgt jenen Mustern, die Stephen King nicht erfunden, aber entwickelt und perfektioniert hat. Eine kleine Gruppe durch Herkunfts- und Charakterunterschiede geprägter Menschen wird zusammengewürfelt und muss versuchen, sich einerseits gegen eine Bedrohung von außen zu wehren und andererseits miteinander auszukommen, wobei dies oft zur eigentlichen Herausforderung wird. Die Leser des Meisters fällt sofort eine Geschichte ein, die seine ‚Schülerin‘ inspiriert haben könnte: „The Mist“ (1985; dt. „Der Nebel‘ spielt in einem Supermarkt, der ebenfalls von feindseliger Witterung eingehüllt wird, aus dem sich allerlei Ungeheuer auf die Kunden stürzen.

Nicht nur im Horror-Genre gibt es offenbar keine wirklich neuen Ideen mehr. Die gelungene Variation des Bewährten sorgt für unterhaltsamen Ersatz. Während der Lektüre von „Schnee im September“ stellt sich Freude über eine klassische und stimmungsvolle Gruselgeschichte ein. Vertierte Serienkiller, Genmatsch-Monster, schleimig-außerirdische Relikte aus der Urzeit: Das stereotype Böse des modernen Splatter-Horrors bleibt außen vor.

Im Schnee umherirrender Plot

Während Milieu und Figurenzeichnung jederzeit vollauf überzeugen können, trifft dies auf die Geschichte leider mit ihrem Fortschreiten nur noch bedingt zu. Nachdem Moloney die Bühne für ihr Drama vorbereitet hat, geht ihr im großen Finale die Luft aus. In Bastion Falls versuchen die Menschen mit der Situation und der Belagerung fertig zu werden, doch die Mehrheit ahnt nicht einmal etwas von der wahren Bedrohung. Dies ist der Spannung wenig förderlich.

Das alte Fort kann Moloney nie als Hort des Grauens darstellen. Was sind das für Gespenster, die dort umgehen? Die Autorin möchte den Schrecken namenlos lassen und ihn dadurch umso nachdrücklicher beschwören, ließe sich einwenden, doch das stimmt nicht. Moloney hat ganz offensichtlich wirklich keine Idee, wie sie ihre Geschichte auflösen konnte. Der Schlussakt lässt daher nicht nur witterungsbedingt recht kalt (vom definitiv blödsinnigen Einfall, ein Fort aus Kalkstein und meterdicken Holzbohlen inmitten heftigen Schneetreibens mit Feuerzeugbenzin in Brand zu stecken, ganz abgesehen ...).

So kann die Autorin die anfänglichen Versprechungen im letzten Drittel nicht wirklich einlösen. Unterm Strich bleiben aber Spannung und Stimmung hoch genug, um die Lektüre zu lohnen. Unberücksichtigt bleibt in der deutschen Übersetzung übrigens das hübsche Wortspiel des Originals: „Bastion Falls“ bezeichnet nicht nur den Ort der Handlung, sondern beschreibt auch jenen Moment, in dem die Grenze zwischen der Realität und dem Übernatürlichen zusammenbricht.

Fazit:

Stimmungsstark startende Gruselgeschichte, der nach allmählicher Entfaltung der Höhepunkt fehlt, weshalb gut gezeichnete Figuren nicht nur aufgrund des ständigen Schneegestöbers ratlos durch ein Geschehen tappen, das die Autorin insgesamt nicht in die Länge zieht.

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