Der Zeitfaktor

Erschienen: Januar 1966

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Michael Drewniok
Elefant tappt durch zukünftigen Porzellanladen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Sep 2021

Das „Protonen-Synchrotron“, entwickelt und gebaut von findigen Forschern im Versuchslabor der Universität Lake Valley, US-Staat Tennessee, entpuppt sich als funktionstüchtige Zeitmaschine. Weil die Vereinigten Staaten in dieser Romanwelt die Erde noch mit sowjetischen und chinesischen = heimtückischen Kommunisten-Teufeln teilen müssen und Wissenschaftler notorisch naiv sowie schwatzhaft sind, übernimmt umgehend das Militär die Anlage, wo nun strenge Geheimhaltung herrscht.

Bisher wurde nur eine Kamera etwa ein Jahrhundert in die Zukunft geschickt. Der Zeitpunkt lässt sich ebenso wenig verändern wie der Bildausschnitt: Man sieht ein völlig zerstörtes Labor, in dem sogar ein Skelett liegt. Die aufgerissenen Wände enthüllen eine schroffe Bergkette, die in der Gegenwart nicht existiert. Offensichtlich hat sich eine gewaltige, womöglich globale Katastrophe ereignet, und dies nicht erst in weiter Zukunft, sondern bereits in einigen Monaten!

Major Howard Judgen soll in die Zukunft reisen und nach dem Auslöser der Zerstörung fahnden. Doch hat sich nicht definitiv ereignet, was der Blick ins Morgen zeigt? Oder lassen sich in der Gegenwart Veränderungen vornehmen, die sich auf die Zukunft auswirken? In welche Welt oder Wahrscheinlichkeit stößt Judgen eigentlich vor?

Die Expedition findet statt. Judgen erreicht sein Ziel und beginnt sich in der Zukunft umzuschauen. Es dauert nicht lange, bis man ihn dort bemerkt, denn immer noch gibt es Menschen. Sie haben sich nach der Apokalypse aufgrund radioaktiv bedingter Mutationen in diverse ‚Rassen‘ unterteilt. Ein diktatorisches Regime versucht einen ‚neuen‘ Menschen zu züchten und die ‚Abarten‘ auszurotten. Judgen fällt ihnen in die Hände. Die Zeitreise glaubt man ihm nicht. Stattdessen will man ihn ins Zuchtprogramm eingliedern. Judgen flüchtet in die Wildnis, wo man ihn allerdings ebenfalls unfreundlich empfängt …

Die Henne & das Ei

Bevor die Physik in Bereiche der Naturgesetze vorstieß, wo diese gegen alles zu verstoßen scheinen, was bisher ein Fundament aus (scheinbar) gesichertem Wissen besaß, blieb es den Science-Fiction-Autoren überlassen, Konstruktion und Mechanismen des Universums spielerisch bzw. unterhaltsam in Frage zu stellen. Vor allem während des „Golden Age“ vor dem Zweiten Weltkrieg geschah dies trotz behaupteter Wahrung naturwissenschaftlicher Vorgaben in Unkenntnis oder unter fröhlicher Ignorierung derselben, was vielen ansonsten hoffnungslos veralteten Storys und Romanen Unsterblichkeit bescherte: Sie lassen sich auch heute und gerade wegen ihrer Irrtümer und Absurditäten ausgezeichnet lesen.

Nach dem Weltkrieg wurde die ‚harte‘ SF aufgeweicht; der Mensch und sein Verhalten rückten in den Mittelpunkt. Natürlich ging die naturwissenschaftlich bewegte SF nicht unter; alte Fragen blieben akut, neue tauchten auf: Mit den Fortschritten in Astronomie und Raumfahrt oder durch die Etablierung der Quantenmechanik als Wissenschaft blies immer wieder ein frischer Wind durch das Genre.

„Rex Gordon“ (= Stanley Bennett Hough, 1917-1998) knüpfte 1962 an Aktuelles an. Kurioserweise wirkt „Der Zeitfaktor“ gerade deshalb heute doppelt veraltet. Es liegt zum einen die Darstellung einer Gegenwart, die - obwohl nie datiert - wohl nur einige Jahre in einer Zukunft spielt, die gänzlich überholt ist: Weiterhin ist die Erde in jene Sphären unterteilt, die bis in die 1990er Jahre als „Freier Westen“ und „Ostblock“ bekannt waren. Die USA und ihre Verbündeten starrten über den Eisernen Vorhang auf die Sowjetunion und ihre Satelliten, zu denen sich vage, aber bedrohlich China gesellte.

Eine gänzlich analoge Zukunft

Völlig selbstverständlich übernimmt das US-Militär eine Forschungsanlage: Was dort herausgefunden wurde, eignet sich theoretisch als Waffe, deren Wirkmächtigkeit untersucht und vor dem stets lauernden, hinterhältigen ‚Feind‘ geheimgehalten werden muss. Nicht einmal die vor Ort tätigen Wissenschaftler sträuben sich; der globale Atomkrieg ist eine Drohung, die auch sie verinnerlicht haben. Widerstand zeigen sie höchstens im Umgang mit hohen Militärs, denen sie den erwarteten Respekt verweigern, weil sie mit ihren Eierköpfen in den Wolken stecken. Umso wichtiger ist es, sie wie allzu arglose Kinder unter Aufsicht zu stellen!

Das „Synchrotron“ wird unter beachtlichem Einsatz von „Technobabble“ ‚logisch‘ erklärt. Selbst der Laie erkennt heute die Lachhaftigkeit dieser ‚Erläuterungen‘. Viele Jahre nach der Veröffentlichung des Romans ist allgemein klar, dass sich die Zeit ganz sicher nicht mit einer Maschine überlisten lässt, die rein mechanisch arbeitet und per Hand ‚gesteuert‘ werden muss.

Natürlich geht es nicht um das Synchrotron. Es ist nur ein Transportmittel, das der Hauptfigur die Reise in die Zukunft ermöglicht. Autor Gordon meint es seinem Publikum schuldig zu sein, die Funktionsweise ‚wissenschaftlich‘ zu unterfüttern. Über die Souveränität, Major Judgen einfach ins Morgen zu schicken, ohne sich in wackligen Details zu verlieren, verfügt er nicht: Schon dies ist ein Indiz dafür, dass „Der Zeitfaktor“ nicht zu den klassischen Meisterwerken der Science Fiction zählt.

Die Zukunft ist wild (und ein wenig peinlich)

„Die Bombe“ war eine Drohung, die vor allem seit den späten 1950er Jahren immer tiefer und düsterer über den Köpfen der Erdmenschen hing. Heute haben andere Untergangsszenarien die Angst vor dem atomaren Grauen ersetzt oder zumindest verdrängt. Rex Gordon konnte dagegen sicher sein, dass sein Publikum die sparsamen Andeutungen im Text zu entschlüsseln wusste.

Dabei blieb der Autor ideologisch auf Kurs: Als die Ursache für die zukünftige Katastrophe endlich entdeckt wird, stecken „die Russen“ dahinter. Sie haben - allerdings dieses Mal ebenso ahnungs- und rücksichtslos wie die Amerikaner - mit Kräften experimentiert, die sich, erst einmal entfesselt, selbstständig gemacht haben.

Die Schilderung der postapokalyptischen Zukunft ist reine Trivial-SF ohne den Faktor „Mahnung, Warnung und ein wenig Vorbereitung auf die Umwälzungen, mit denen die Menschheit zu rechnen hat“, wie es die deutsche Verlagswerbung auf dem rückwertigen Cover ebenso selbstbewusst wie dreist verkündet. Gordon mixt gängige Klischees, wobei er sich vor allem der Angst vor einer Radioaktivität bedient, die das Erbgut mutieren lässt. Ein wenig zeitgenössische Frivolität fließt ein, wenn Gordon ungelenk andeutet, dass die ‚Rassereinheit‘ der zukünftigen Menschen durch gezielte Zuchtwahl garantiert werden soll, wofür eine Einrichtung à la „Lebensborn“ gegründet wurde.

Das Wesen der Zeit

Recht altbacken, aber Anfang der 1960er Jahre womöglich aktueller muten Gordons Ausführungen über das Wesen der Zeit an. Sie dienen ihm als ‚intellektueller‘ Aufhänger, den er mit konventioneller Abenteuer-SF anreichert, um gar zu trockenes Theoretisieren zu vermeiden.

Entsprechende Gedanken hatten sich schon früher viele (nicht immer) kluge Köpfe gemacht. Zwei zentrale Konzepte hatten sich durchgesetzt: Die Zeitlinie ist entweder stabil, sodass Veränderungen nicht möglich sind, oder sie lässt sich manipulieren, indem man in Vergangenheit oder Gegenwart bestimmte Faktoren eliminiert, die zu der festgestellten Zukunft geführt haben. Die Konsequenzen erörtert Gordon recht umständlich, bis er sich entscheidet.

Der kreißende Fragen-Berg gebiert ein Erkenntnis-Mäuslein. Immerhin geht der Autor nicht so weit, die exakten Folgen des daraus resultierenden Handelns haarklein zu schildern. Die Zukunft bleibt offen, das „Synchrotron“ stößt an seine Grenzen. Was dies bedeutet, sei potenziellen Lesern verschwiegen. Selbst der sporadische SF-Leser dürfte freilich kaum überrascht reagieren. Andererseits bleibt Schuster Gordon bei seinen Leisten: Die Auflösung funktioniert.

Figuren mit (Holz-) Kanten

Dies gilt nur bedingt für Gordons Figurenzeichnungen. Eine gewisse Tiefe gesteht er höchstens der Hauptperson zu. Howard Judgen wird als ‚typischer‘ Soldat‘ = Entscheidungen „von oben“ nicht hinterfragendes Werkzeug eingeführt. Er reift angesichts von Erlebnissen und Erkenntnissen, die ihn seine Ausbildung und Haltung so stark überdenken lassen, dass er nach seiner Rückkehr in die Gegenwart Eigeninitiative hart an der Grenze zur Befehlsverweigerung und des Landesverrats entwickelt, um die Ursache der Katastrophe zu tilgen.

Ansonsten bevölkert Gordon die Handlung mit bärbeißigen Kommisköpfen, deren Finger stets an irgendwelchen Abzügen (Pistole, Atombombe etc.) liegen und denen die uralte militärische Nicht-Weisheit „Befehl ist Befehl“ ins Hartholzhirn eingebrannt ist. Ihnen stehen allzu vergeistigte und idealistische Wissenschaftler gegenüber, die dem Wissen den Vorzug vor dem Nutzen geben, weshalb man sie besonders hart an die Kandare nehmen muss. Schließlich gibt es selbstverständlich eine Frau als „love interest“, die zwar emanzipiert und klug (aber jung und schön) ist, jedoch trotzdem als Ehefrau und Mutter endet.

Fazit:

Zur simplen, aber unterhaltsamen Handlung gesellt sich die Frage, ob und wie die Zeit manipuliert werden kann: interessant altmodische Science Fiction der Mittelklasse.

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