Science-Fiction. 100 Seiten

Erschienen: Juli 2021

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Lisa Reim-Benke
Ein holpriger Streifzug durch die Science-Fiction

Buch-Rezension von Lisa Reim-Benke Sep 2021

100 Seiten – das ist das Motto der gleichnamigen Reclam-Reihe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, auf wenigen Seiten spannende und mitunter auch ungewöhnliche Themen kompakt zu beleuchten. Nach Bänden wie „Langeweile“, „Rammstein“, „Deutsche Sprache“ oder „Astrophysik“ widmet sich das neueste Werk erstmals einem literarischen Genre: der Science-Fiction!

Science-Fiction ist … ZU VIEL!

Science-Fiction-Experte Sascha Mamczak, seines Zeichens Lektor des Heyne-Verlags und Autor einer Menge Bücher zum Thema, hat sich eine ganz schöne Mammutaufgabe zugemutet: Ein so umfangreiches Genre auf nur 100 Seiten runterzubrechen, ist wahnsinnig schwierig. Schon am Anfang kommt der Autor deshalb ins Schwitzen, wenn es darum geht, das Genre zu definieren: Space Operas, Dystopien, Zeitreisen, künstliche Intelligenz … die Liste der Themen, mit denen sich die Science-Fiction beschäftigt, ist lang. Das betont auch Mamczak sehr ausführlich, ohne am Ende ein zufriedenstellendes Ergebnis präsentieren zu können. Stattdessen kommt er zu dem Schluss, dass Science-Fiction aufgrund der vielen Themenfelder gar kein richtiges Genre sei, im Gegensatz zum Krimi, der immer daraus bestünde, dass es ein Verbrechen und einen Ermittler gäbe. Science-Fiction ließe sich dagegen nicht so einfach auf den Punkt bringen. Damit macht man es sich natürlich sehr einfach – und überhöht gleichzeitig ein Genre (ja, ein Genre!), welches der Autor ohne jeden Zweifel, ganz offensichtlich, unbestreitbar verehrt. Das ist schön und gut, doch mit mehr Objektivität und weniger Lobpreisung hätte man nicht nur kostbare Seiten einsparen, sondern die ganze Materie besser komprimieren können.

Nach den einleitenden Bemühungen folgt der interessanteste Teil des Buches: ein Abriss über die Geschichte und Entwicklung der Science-Fiction, von den literarischen Anfängen, dem Einfluss von Film und Fernsehen und (das kommt leider etwas kurz) anderen Medien, wie Spielen oder Musik. Mamczek konzentriert sich dabei auf die augenscheinliche Paradedisziplin der Science-Fiction, nämlich Space Operas. Andere Subgenres werden oft außen vor gelassen, genauso wie die Bedeutung von Autorinnen auf das meist als männlich geltende Genre oder gesellschaftliche Einflüsse und Auswirkungen. Natürlich, 100 Seiten sind für eine ausführliche Betrachtung viel zu knapp – aber dafür hätte man ja an anderer Stelle sparen können.

Ist das SF oder kann das weg?

Leider sind Mamczaks Darstellungen oft unstrukturiert, nicht konsequent und definitiv nicht präzise. Bestes Beispiel hierfür ist die Betrachtung der Begriffe „Sci-Fi“ und „SF“, denn dahinter verbergen sich nicht synonyme Abkürzungen für Science-Fiction, sondern ein – für Kenner sogar gravierender – Unterschied. Der Begriff Sci-Fi wurde oft abwertend genutzt, nicht selten von Kritikern, die sich nicht ernsthaft mit dem Genre auseinandersetzen wollten. Laut Mamczak handele es sich jedoch um eine von der Community geprägte Unterkategorie der Science-Fiction, die den ganzen „Unsinn“ zusammenfasse, bei dem es keine „nachvollziehbaren Charaktere“ oder „plausiblen Handlungen“ gäbe. Das mag eine treffende Definition für den ganzen Trash sein, den die Science-Fiction schon hervorgebracht hat, doch der Autor steckt kurzerhand Werke wie „Zurück in die Zukunft“, „Guardians of the Galaxy“ und „Men in Black“ in diese Schublade. Doch sind humorvolle Umsetzungen und Komödien eines Genres gleich mit „Unsinn“ oder gar mit Trash gleichzusetzen? Wohl kaum. Später wirft Mamczak beide Begriffe dann wieder wild durcheinander: Sind die Pulp-Magazine tatsächlich anspruchsvolle SF und nicht eher, nach seiner eigenen Auslegung, „unsinnige“ Sci-Fi? Welcher Definition folgen wir jetzt plötzlich? Solcherlei nervige Ungenauigkeiten finden sich leider zu häufig.

Ein schönes Extra der 100-Seiten-Reihe sind die originellen Infografiken. In diesem Fall jedoch sind sie etwas enttäuschend und wirken, als ob den Machern nichts Besseres eingefallen wäre, als Buch- und Film-Cover abzubilden. Vergeblich sucht man interessante Statistiken oder grafische Aufarbeitungen, stattdessen bekommt man gezeigt, was im Text oft schon erklärt wurde. Hinzu kommt, dass die vier Hauptüberschriften „Zugänge“, „Abgründe“, „Brücken“ und „Turbulenzen“ absolut nichtssagend sind. Orientierung auf den ersten Blick (wie man es von einem Sachbuch erwarten würde) darf man also nicht voraussetzen.

Die ganzen Probleme schlagen sich auch in dem Schreibstil nieder, der oft unnötig philosophisch vor sich hinplätschert. Beispielsweise bemüht Mamczak immer wieder eine „Origami-Analogie“, um zu zeigen, wie Science-Fiction das Hier und Jetzt mit einem Punkt in der Zukunft verbindet, gleich einem Blatt Papier, das gefaltet wird. Na ja, wer’s braucht …

Fazit:

Selbstverständlich ist es schwierig, die Betrachtung der Science-Fiction auf 100 Seiten zu pressen. Als Fan des Genres oder gar als Literaturwissenschaftler wird man aber nicht umhinkommen, beim Lesen immer wieder ein „Ja, aber …“ zu unterdrücken. Als Diskussionsgrundlage ist dieses Büchlein sicherlich nützlich.

Science-Fiction. 100 Seiten

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