Popsy ...und 25 weitere Geschichten nach Mitternacht

Erschienen: Oktober 2001

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Michael Drewniok
26 neugierige Blicke in tödlich falsche Richtungen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Sep 2021

26 phantastische Storys erzählen von den Schrecken moderner Zeiten - und vom klassischen Horror, der sich seine Wege in die Gegenwart gebahnt hat:

- J. N. Williamson: Einführung (Introduction), S. 5-8

- Stephen King: Popsy(Popsy): 9-24: Das seltsam bleiche Kind hätte Drecksack und Kidnapper Sheridan besser nicht entführt, denn nun sitzt ihm der Opa buchstäblich im Nacken.

- Ramsey Campbell: Der zweite Blick(Second Sight), 25-32: Die Schrecken des Krieges hat er nie wirklich überwunden, und viele Jahre später holen sie ihn ein.

- William F. Nolan: Der Autofriedhof(The Yard), S. 33-42: Der alte Latting räumt die Straßen nach Unfällen vom Schrott; er vergisst auch die Insassen nicht.

- Robert Bloch: Die neue Saison(The New Season), S. 43-53: Letztlich erfährt der prominente TV-Moderator, welches Publikum er inzwischen unterhält.

- Richard Matheson: In Kürze verstorben(The Near Departed), S. 54-56: Schon vor dem Tod der nichtsahnenden Gattin sorgt er für ein würdevolles Begräbnis.

- David B. Silva: Eisskulpturen(Ice Sculptures), S. 57-70: Er legt Körper und Geist der Modelle in seine Werke, was verhängnisvoll ist, sobald die Temperatur über den Gefrierpunkt steigt.

- G. Wayne Miller: Ausgelöscht(Wiping the Slate Clean), S. 71-80: Sie tötet ihre Opfer nicht, doch sie löscht deren Vorleben aus, was sie gern wiederholt, bis jemand den Schwachpunkt ihrer Taktik entdeckt.

- James Kisner: Der Wurf(The Litter), S. 81-96: Was hier geboren wird, ist sicher nicht von dieser Welt.

- Douglas E. Winter: Blutdurst(Splatter: A Cautionary Tale), S. 97-109: Im Moral-Kampf gegen die Sittenlosigkeit des modernen Horrors ist die Kur schlimmer als die angebliche Krankheit.

- Richard Christian Matheson: Auf dem Totenbett(Deathbed), S. 110-112: In ihrer Vitrine erinnert sich die nicht wirklich tote Mumie an das ‚Ende‘ ihres Lebens.

- Ray Russell: Eine amerikanische Schauergeschichte(American Gothic): S. 113-132: Zwar ist sie ein Vampir, aber hübsch und willig, weshalb einige geile Hinterwäldler die Nebenwirkungen ihrer Zuwendung in Kauf nehmen.

- Stanley Wiater: Feuchte Träume(Moist Dreams), S. 133-136: Er träumt von blutigem Mord, irrt sich aber, was seine Rolle dabei betrifft.

- Joe R. Lansdale: Hund, Katze und Baby(Dog, Cat, and Baby), S. 137/38: Nur einer wird den Konkurrenzkampf um das gemeinsame Heim überleben.

- Katherine Ramsland: Von nichts kommt nichts(Nothing from Nothing Comes), S. 139-149: Zwar kommt er der seltsamen Frau und ihrer bösen Mission auf die Spur - und muss feststellen, wieso es unmöglich ist sie aufzuhalten.

- Mort Castle: Nimm meine Hand, mein Sohn(If You Take My Hand, My Son), S. 150-161: Daddy war ein Drecksack - und das hat sich nach seinem Tod nicht geändert.

- James Herbert: Maurice und Mog(Maurice and Mog), S. 162-172: Maurice erlebt (nicht lange), wie sich sein Bunker vom sicheren Zufluchtsort in eine Todesfalle verwandelt.

- Dennis Hamilton: Anglerlatein(Fish Story), S. 173-187: Nicht im tiefen See, sondern am strandnahen Friedhof lauert die eigentliche Gefahr.

- Charles R. Saunders: Fetchits Meister(Outsteppin' Fetchit), S. 188-194: Der alte Mann fürchtet seine Kinder, die ihn für ihre Probleme verantwortlich machen.

- Ardath Mayhar: In Gewahrsam(In the Tank), S. 195-202: Der alte Landstreicher kehrt in jenen Panzer zurück, in dem er einst gegen die Nazis in den Krieg gezogen ist.

- Steve Rasnic Tem: Das Versteck(Hidey Hole), S. 203-209: Jennifer hat ernste Probleme, die sie in an einem Ort verbirgt, der unglücklicherweise auch anderen Menschen zugänglich ist.

- Thomas F. Monteleone: Wenn die Nacht erfriert(The Night Is Freezing Fast), S. 210-220: Mit dem Tod lässt sich handeln, doch er geht nie mit leeren Händen.

- Richard Matheson: Verborgene Kräfte(Buried Talents), S. 221-228: Wieder einmal demonstriert der Teufel, dass man sich nicht mit ihm anlegen sollte.

- John Robert Bensink: Hochsommer am George-See(Lake George in High August), S. 229-233: Diese Wahrheit ist so schlimm, dass selbst eingebildeter Tod Trost bringt.

- J. N. Williamson: Wordsong(Wordsong), S. 234-242: Manche Geschichte ist so stark, dass sie sich quasi selbst schreibt.

- Thomas Sullivan: Der Mann, der Welpen ertränkte(The Man Who Drowned Puppies), S. 243-249: Er holt krepiertes Vieh ab, arbeitet nebenberuflich als Henker und entsorgt, was nach der Geburt als ‚nicht normal‘ gilt.

- Alan Rodgers: Der Junge, der von den Toten auferstand(The Boy Who Came Back from the Dead), S. 250-285: Nach einem Jahr im Grab kehrt Walt zurück, doch die Freude seiner trauernden Familie, Freunde und Schullehrer hält sich in Grenzen.

- Quellen- und Übersetzungsnachweise, S. 286/87

„Horror“ und „Literatur“: eigentlich kein Widerspruch

In den 1980er Jahren wies der Horror als literarisches Genre bereits ein stolzes Alter auf. Edgar Allan Poe (1809-1849) und Nathaniel Hawthorne (1804-1864) gehörten zu denen, die ihn als Spiegel des Lebens entdeckten und entwickelten: Zwischen Diesseits und Jenseits existieren demnach Verbindungen, die auch der Tod nicht auslöschen kann. Ungelöste Konflikte schwelen weiter und können besonders hässlich aufflammen, wenn sich eine Partei nicht an bekannte Naturgesetze halten muss.

Nichtsdestotrotz beklagten jene, die sich Ende des 20. Jahrhundert kritisch mit dem Genre beschäftigten, dessen Gefangenschaft in einem Getto, wobei der literarische Olymp dafür sorgte, dass Phantastik-Autoren innerhalb ihrer Mauern verharrten. Der Erfolg ‚neuer‘ Schriftsteller wie Stephen King oder Dean Koontz, die ihre Werke ganz im Hier und Jetzt verankerten, brachte den Durchbruch: Bestseller-Verkaufszahlen und Hollywood-Filme sorgten für jenes Selbstbewusstsein, das den Ausbruch aus besagtem Getto unterstützte.

Zu denen, die in diese Kerbe hauten, gehörte J. N. Williamson (d. i. Gerald Neal Williamson, 1932-2005). Bereits 1984 hatte er unter dem Titel „Masques“ eine erste Sammlung moderner Gruselgeschichten herausgegeben; bis zu seinem Tod folgten vier Fortsetzungen. Williamsons wollte die Qualität eines Horrors demonstrieren, der seinen Unterhaltungswert nicht einbüßte. Mehr als zwei Dutzend Autoren unterstützten ihn und deckten dabei eine thematisch eindrucksvoll breite Palette ab.

Der Tod ist außerordentlich lebenstauglich

Die Mehrheit der von Williamson angefragten Autoren war Ende der 1980er Jahre zwar etabliert, aber noch jung und ‚wild‘, ohne zu den Prominenten des aktuell modernen „Splatterpunks“ zu gehören. In „Popsy“ geht es durchaus blutig zu, doch Schnetzel-Porno bleibt außen vor, was mit ein Grund dafür sein dürfte, dass diese Stories mehrheitlich gereift statt gealtert sind.

Stephen King (*1947) legt die Latte bereits hoch mit seinem wie so oft trügerischen Garn um einen beinahe sympathischen Kidnapper, den die Not (und seine Charakterschwäche) kapitalkriminell werden ließen, wofür er - einerseits klassisch, andererseits innovativ - bestraft wird: King beweist, dass der Vampir gegenwartstauglich ist. George Wayne Miller (*1954) und Ray Russell (1924-1999) unterstützen dies, wobei letzterer schwarzen, politisch schon damals nicht mehr korrekten, aber ungemein funktionstüchtigen Humor ins Spiel bringt.

Horror und Komik sind einander erstaunlich nahe, was auch Mort Castle (*1946) und vor allem Joe R. Lansdale (*1951) im Rahmen einer bitterbösen, knochentrocken präsentierten Kurzgeschichte verdeutlicht. Douglas E. Winter (*1950) thematisiert den ewigen Kampf zwischen den Wächtern angeblicher sozialer Tugenden und den Vertretern eines manchmal rohen Spaßes. In 26 Kapiteln, die dem Alphabet folgen und in der Überschrift jeweils einen berühmten Horrorfilm nennen, schildert er ironisch einen Moralisten-Feldzug, der seine Opfer vom Horror ‚heilt‘, indem man sie buchstäblich in Zombies verwandelt.

Ganz nüchtern bzw. besonders schauerlich

Der Schrecken schlägt besonders heftig durch, wenn er quasi ‚nebenbei‘ enthüllt wird. Thomas Sullivan (*1940) scheint uns einen Soziopathen vorzustellen, bis er final enthüllt, dass der Totengräber/Abdecker/Henker perfekt zu den die moralisch auf ein Abseits-Gleis gesprungenen Mitmenschen passt. Alan Rodgers (1959-2015) beeindruckt mit einer Zombie-Story, die einen absolut menschlichen Untoten in den Mittelpunkt stellt: Die ‚Bösen‘ sind hier die von der Situation überforderten Mitbürger und Familienmitglieder.

Der Schock im letzten Satz ist ein bewährtes Mittel, auf das weitere Autoren dieser Sammlung zurückgreifen; dies erfolgreich wie Richard Matheson (1926-2013), James Kisner (1947-2008), Mort Castle (*1946) und Thomas F. Monteleone (*1946), wenigstens in der Auflösung tauglich wie  Ramsey Campbell (*1946), William F. Nolan (1928-2021), David B. Silva (1950-2013), James Herbert (1943-2013), Dennis Hamilton (*1948) und Herausgeber J. N. Williamson mit einer eigenen Story und glücklicherweise selten banal wie Robert Bloch (1917-1994), Richard Christian Matheson (*1953), Stanley Wiater (*1953), Katherine Ramsland (*1953), Charles R. Saunders (1946-2020), Ardath Mayhar (1930-2012), Steve Rasnic Tem (*1950) und John Robert Bensink (*1948), weil der Schlussgag nicht (mehr) zündet, wobei das letzte Urteil der oder dem Leser/in überlassen bleibt; es ist auch abhängig von der Frage, ob man „Emotion“ als „Gefühl“ (Rodgers) oder „Gefühlsdusel“ (Mayhar) definiert: Behauptete Tragik schlägt leicht in Fremdschämen um!

Ungeachtet des Stephen-King-zentrierten deutschen Titels gehört „Popsy“ zu den besseren Storysammlungen, die hierzulande ‚modernen‘ Horror präsentieren. Gerade der schon angesprochene Verzicht auf aktuelle, jedoch kurzlebige Moden ließ selbst die weniger eindrucksvollen Erzählungen nicht gar zu ungünstig altern oder gar zur unfreiwilligen Parodie degenerieren.

Fazit:

Mehr als zwei Dutzend Erzählungen decken ein breites Spektrum klassischer und moderner Schrecken ab. Nicht alles ist gelungen, aber mehrheitlich enthält diese Sammlung oberes Mittelmaß und einige echte Genre-Highlights.

Popsy ...und 25 weitere Geschichten nach Mitternacht

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