Das Experiment des Grauens

Erschienen: Januar 1956

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Michael Drewniok
Genial-Bosheit mit Logik-Aussetzern

Buch-Rezension von Michael Drewniok Sep 2021

Jelly Roos ist der typische „rasende Reporter“, der stets einem Knüller hinterherjagt, während der Chef ihn mit unzufriedenem Gebrüll anspornt. Aktuell kommt Roos allerdings allzu buchstäblich in den Brennpunkt erregender Ereignisse: Für ihn endet die Recherche im Krankenhaus.

Kollege Donovan, ein Foto-Journalist hatte auf einer Brücke das Foto eines Mannes geschossen, der offensichtlich mit bloßen Händen einen Lastwagen in die Höhe stemmt. Der Chef hatte ihn ausgelacht; Donovan kündigte zornig neue Fotos an. Stattdessen landete er im Leichenschauhaus: Man fand ihn unter den tonnenschweren Trümmern eines zerstörten Denkmals.

Roos stieg in den Fall ein - und kam „Otto“ auf die Spur, jenem herkulesstarken Kerl, der noch für weiteren Flurschaden sorgt. Selbst als ihm die Polizei dank Roos auf die Schliche kommt, kann man ihn kaum ausschalten. Roos wird schwer verletzt und entstellt; er muss eine Gesichtsmaske tragen, wird schwermütig und trennt sich von Gattin Cora.

Dennoch bleibt Roos als Reporter auf der Spur. Sie führt zu einem mysteriösen „Dr. Fang“, der nicht nur den einen „Otto“ erschaffen hat. Junge Frauen und Männer werden entführt; nicht nur Roos ahnt einen schrecklichen Zusammenhang. Er weiß bald mehr, als ihm lieb ist, denn er hat das Interesse seines Gegners erregt. Erst entführt dieser Cora, dann lockt er Roos selbst in seinen Schlupfwinkel. Dort findet sich Roos unter den Entführten wieder, wird von Dr. Fang begrüßt - und in dessen haarsträubenden Plan zur ‚Verbesserung‘ der Menschheit eingeweiht …

Das Verbrechen als eigentlicher Nutznießer des Fortschritts

Dem französischen Autor Jean David (1924-2013) war ein langes Leben vergönnt, in dem er als Literaturkritiker sehr aktiv war und zahlreiche Bücher veröffentlichte. Sein Romanwerk blieb schmal, und nach Deutschland hat es ausgerechnet das hier vorgestellte Werk geschafft, mit dem der Pabel-Verlag 1956 versuchte, die erfolgreichen „Utopia“-Klein- und Großbände durch eine weitere SF-Reihe zu erweitern.

Science Fiction mit Krimi-Elementen sollte hier präsentiert werden, womit der Verlag zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen hätte: Beide Genres waren bei den Lesern beliebt, weshalb eine entsprechend ausgerichtete Heft-Serie durchaus erfolgversprechend schien. Womöglich wäre die Rechnung aufgegangen, hätte man redaktionsseitig die angekündigte Linie eingehalten. Stattdessen faserte die Reihe thematisch immer stärker aus und brachte schließlich die gleichen Weltraum-Abenteuer wie die Utopia-Großbände, sodass mit Band Nr. 27 Schluss mit den ‚SF-Kriminal-Geschichten‘ war.

„Experiment des Grauens“ verdeutlicht, was den Herausgebern vorgeschwebt haben mag. Die Handlung ist in der Gegenwart (der 1950er Jahre) angesiedelt und bleibt auf der Erde. Es werden SF-Elemente bemüht, die in der ‚gegenwärtigen‘ Technik bzw. deren rasanten Entwicklung wurzeln: Kybernetik, Computer, Genetik und Atomphysik waren Bücher mit sieben Siegeln für die Mehrheit der Leser, die in den Medien über die wachsende Bedeutung dieser Wissenschaften informiert bzw. in Angst versetzt wurden.

Wenn dich die Muse würgt …

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg hatte der „mad scientist“ als genialer, aber krimineller, moralisch gleichgültiger und unberechenbare Forscher das Labor verlassen, um in der Regel die Weltherrschaft anzustreben. Allerlei selbstentwickelte, unheimliche Hightech unterstützte ihn; bald erweiterten biochemische Schrecken diese Palette. Steigern ließ sich die Spannung, indem man die irre Genialität dort ortete, wo ohnehin das Böse nistete. In unserem Fall transportiert ein - heute selbstverständlich politisch absolut unkorrekter - Dauerbrenner den Plot: Getückt wird von einem Asiaten, der scheinheilig lächelnd, aber umso hinterhältiger agiert, wobei reale Historie ein altes Feindbild aktualisierte: Nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch in China brüteten Kommunisten-Teufel seit 1945 über ihren Plänen zur Unterwerfung des „Freien Westens“!

Aus heutiger Sicht mag man kaum glauben, dass man mit solchem Unfug, wie ihn Autor David verzapft, tatsächlich Leser locken konnte! Die angebliche Genialität des uns vorgestellten ‚Superhirns‘ beschränkt sich auf die Erschaffung überstarker, ameisenhaft gehorsamer Krieger, während die Kaschierung dieses Projekts eindeutig tölpelhaft angegangen wird: Wer über Super-Wissen verfügt, sollte in der Umsetzung nicht so schlampen sowie sich ein besseres Versteck suchen!

Wie so oft ist es ein „rasender Reporter“, der das Geheimnis lüften kann, während die Polizei angestrengt in die falsche Richtung starrt bzw. nur taugt, um Verdächtige einzukesseln oder abzuknallen; das Verb trifft es auf den Punkt. Über Jelly Roos steht à la J. Jonah Jameson der generisch bärbeißige Redakteur, der nach Schlagzeilenfutter schreit, woraufhin sich die privaten ‚Ermittlungen‘ - die den Zufall auf harte Proben stellen - über gesetzliche Einschränkungen erheben.

Tumb-Tücke trifft auf Tragik-Tatmensch

Sechs Jahre, bevor Stan Lee und Jack Kirby in den USA den „Unglaublichen Hulk“ für Flur- und Sachschaden sorgen ließen, lässt David Jean einen geistig kastrierten ‚Supermann‘ durch eine US-Großstadt toben. Er ist (beinahe) unverwundbar, was David nutzt und in Szenen schwelgt, in denen großkalibrige Waffen abgefeuert werden, was mit dem Wurf schwerer Lastwagen oder Denkmalfundamente quittiert wird.

Später lässt das Tempo nach. Der unter Einsatz weiterer Klischees zum ‚einsamen Wolf‘ mutierte Roos will der schönen Cora seine hässliche Fratze ersparen und verlässt sie; selbst hat sie in dieser Frage nicht mitzureden. Selbstverständlich schwelt die Liebe weiter, weshalb Roos - und David - sämtliche Vorbehalte vergessen, sobald Cora entführt wurde.

Wieso Dr. Fang, der bisher menschliche Versuchskaninchen rudelweise einfangen ließ, ausgerechnet Jelly Roos in sein Versteck schaffen lässt, geht - wie so vieles - aus der Handlung nicht hervor. Offenkundig benötigte der Autor jemand, dem Fang seinen ‚genialen‘ Plan erzählen kann. Dieser beinhaltet die ‚Aufwertung‘ der menschlichen Rasse, was den Lesern kaum ein Jahrzehnt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg als reales Verbrechen im Gedächtnis geblieben sein dürfte.

Mit gleichgültiger Hand und stumpfer Schere

Während das Geschehen im Finalteil zügig auf den Höhepunkt zustrebt, steigt Autor David plötzlich aus: ‚Held‘ Roos verliert das Bewusstsein, kommt erst im Krankenhaus zu sich und muss sich nachträglich berichten lassen, was sich dramatisch in Fangs Stützpunkt ereignet hat: ein überaus dämlicher ‚Einfall‘, der freilich auf die Eindeutschung geschoben werden könnte.

„Utopia-Kriminal“-Hefte durften 96 Seiten stark sein. War die Vorlage zu ausführlich, wurde gekürzt - meist mehr, selten weniger rigoros, weil deutsche (SF-) Leser in dieser internetfreien Ära kaum eine Möglichkeit besaßen, sich über die ihnen vorgesetzten Titel zu informieren. Sie wussten also nicht, wie grob und gleichgültig man sie abfertigte, sondern waren mangels Alternativen zufrieden oder sogar begeistert.

Das Finale wirkt wie mit der Heckenschere malträtiert. Wo im Original der Autor die schlappe Story womöglich wenigstens turbulent aufgelöst hatte, blieb nur ein Action-Stakkato, das höchstens durch den ebenfalls heute so nicht mehr möglichen Einsatz von Flammenwerfern im Gedächtnis bleibt: Dr. Fang und seine Supermänner werden gebraten, Jelly und Cora finden wieder zueinander: Happy-End à la 1956 …

Fazit:

Schnellschuss-Mystery der 1950er Jahre; effektorientiert, aber grobstrukturiert, wozu blasse Klischee-Charaktere passen. Der Plot ist generisch und wirkt wie ein zeitgenössischer Comic-Strip, der nacherzählt an unterhaltender Wirkung zu wünschen übrig lässt: Phantastik für Leser, die den Bodensatz des Genres nicht scheuen.

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