Die Bestie aus dem Weltenraum

Erschienen: Oktober 1957

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Michael Drewniok
Das ratlose Ding von der Venus

Buch-Rezension von Michael Drewniok Okt 2021

Die USA planen eine Weltraum-Expedition zur Venus. Dort werden Mineralvorkommen vermutet, die so wertvoll sind, dass sich der Abbau trotz der gewaltigen Entfernung und der lebensfeindlichen Venus-Atmosphäre lohnen würde. Für „Projekt XY“ verantwortlich ist General McIntosh von der „Global Air Force“. Er überwacht nicht nur den Bau des Raumschiffs „XY 21“, sondern wählt auch die 17 Insassen aus.

Oberst Robert Calder hat an Bord der „XY 21“ das Sagen. Die Reise zur Venus ist lang, das Reiseziel ein gefährlicher Ort, der die Hälfte der Besatzung durch seltsame Krankheiten oder Wahnsinn umbringt. Trotzdem gibt es auf der Venus Leben: Eine gewaltige, reptilienhafte Kreatur verendet im Elektro-Schutzzaun um das Expeditions-Camp. Sie trägt in ihrem Inneren ein Ei, das zur Erde mitgenommen wird.

Das Pech bleibt der „XY 21“ treu. Kurz vor der Landung wird das Schiff von einem Meteor getroffen und stürzt vor der Küste der Insel Sizilien ab. Nur Calder überlebt das Unglück, während das Ei von der Venus an den Strand geschwemmt wird und über Umwege an den Zoologen Dr. Leonardo gerät, der mit seiner Enkelin Marisa eine Sizilien-Reise unternimmt.

Bald schlüpft das Venus-Wesen, wächst mit rasender Geschwindigkeit heran, bricht aus und bahnt sich den Weg in die (vermeintliche) Freiheit. Die Leonardos tun sich mit General McIntosh und Calder zusammen, um die Kreatur zu fangen. Zwar gelingt dies, woraufhin sie in ein Labor in der Nähe Roms geschafft wird, doch ein Zufall lässt die „Bestie aus dem Weltenraum“ erneut entkommen. Sie macht sich auf den Weg in die Großstadt Rom. Gegen Waffengewalt scheint das Wesen gefeit zu sein, weshalb es Panik verbreitet und für Zerstörung sorgt, während es unaufhaltsam voranstapft …

Sensations-SF reinsten Wassers

1957 war „Science Fiction“ vor allem in Film und Fernsehen ein Synonym für abenteuerlichen Unfug, was indes nur jene Kritiker störte, die sich ohnehin an einem Genre stießen, das ihnen aufgrund seines enormen Unterhaltungsfaktors so verdächtig vorkam wie alles, das ihren beschränkten Horizont überstieg. Tatsächlich wurde die Wirklichkeit durchaus aufgegriffen; dies jedoch zwar spielerisch, aber manchmal mit dem Blick auf existierende Ungereimtheiten in Politik und Gesellschaft, was den Tugendwächtern natürlich ebenfalls missfiel.

„20 Million Miles to Earth“ bot in dieser Hinsicht keinen Anlass zur Klage. Hier regiert der pure Blödsinn - dies allerdings im positiven Sinn: Die Ereignisse ergeben im Kontext einer einerseits überspitzten, andererseits auf den Effekt konzentrierten Handlung durchaus einen Sinn. Erzählt wird die alte bzw. bewährte Geschichte vom Kampf gegen das Böse. Es nimmt hier die Gestalt einer echsenähnlichen Kreatur von der Venus an, erfüllt aber im gewählten Rahmen seine traditionelle Rolle und verbreitet Angst & Schrecken. Ihm in den Weg stellen sich körperlich unterlegene, aber geistig (und moralisch) der Herausforderung gewachsene Männer (plus immerhin eine Frau), die dabei Tugenden unter Beweis stellen, mit denen der Hörer/Leser/Zuschauer sich identifizieren soll.

Produktion und Verleih setzten große Hoffnungen in den Film, weshalb nicht nur die üblichen Werbemaßnahmen in Gang gebracht wurden: Zusätzlich entstand ein Roman zum Film, was zu dieser Zeit nicht so selbstverständlich war wie heute. Eines hat sich allerdings nicht geändert: Damals wie heute heuerte man entweder junge oder alte bzw. ausgebrannte Autoren an, denn die „tie-ins“ besaßen ein Verfallsdatum: Sobald der Film aus den Kinos war, interessierte sich kaum jemand mehr für den Roman dazu; so jedenfalls die Kalkulation der Auftraggeber.

Triumph des Bildes über den Inhalt

Den Auftrag übernahm ein junger Werbetexter, der seit zwei Jahren Kurzgeschichten aller Genres veröffentlichte. 1957 war Henry Slesar (1925-2004) ein kaum beschriebenes Blatt. Niemand ahnte, dass er rasch zu einem der prominentesten Autoren oft verfilmter Kriminal- und Thriller-Stories aufsteigen würde; zu seinem imposanten Gesamtwerk zählen etwa 50 Drehbücher, die er für TV-Serien wie „Alfred Hitchcock Presents“, „Batman“ und mehrere Endlos-Seifenopern verfasste.

Für den wendigen Jung-Verfasser war dieser Filmroman ein schneller Job, den er routiniert hinter sich brachte. Er dürfte gewusst haben, dass er keine Literatur, sondern  ‚Verbrauchslektüre‘ produzierte. In diesem Fall traf dies erst recht zu, denn „Die Bestie aus dem Weltenraum“ - so der deutsche Titel - war ein Film, der Spannung primär durch seine Spezialeffekte generierte.

„Die Bestie …“ wurde zwar von Nathan Juran inszeniert, aber für die Schauwerte sorgte Ray Harryhausen (1920-2013), der bereits für seine „Stop-Motion“-Tricks berühmt war. Mit genialer Meisterschaft ließ er Monster aller Art ‚lebendig‘ werden. Heute fällt es schwer zu begreifen, wie vor dem Zeitalter digitaler Effekt-Hexerei naive Effekte eine solche Faszination entwickeln konnten. Wer sich einen Sinn für ein Kino bewahrt hat, das sich nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im Kopf des Zuschauers abspielt, begreift dagegen, wieso „Die Bestie …“ zu den Klassiker des phantastischen Film zählt. Harryhausens Monster mögen sich ungelenk bewegen, aber sie besitzen eine ‚Seele‘. Dies trifft auch auf „Ymir“ zu, das (auch im Film so nie genannte) ‚Monster‘ von der Venus, das ohne gefragt zu werden auf die Erde verschleppt wird und dort weniger gewalttätig als verwirrt umhertobt.

Ohne Umweg über die Kamera zu simpel

Slesar unterschlägt Harryhausens Interpretation einer ‚tragischen‘ Bestie (à la King Kong - man denke vor allem an die finale Auseinandersetzung im römischen Kolosseum) nicht, bleibt aber noch stärker als der Film dem Zeitgeist verhaftet: Letztlich bleibt Ymir die „Bestie“, die gefürchtet und zur Strecke gebracht wird, obwohl sie kein (Menschen-) Fleisch, sondern Schwefel frisst und im Grunde nicht weiß, wohin sie flüchten soll. Schon vorher wird die ‚Expedition‘ zur Venus zu einem militärischen Kommando-Unternehmen. Bodenschätze sollen ausgebeutet werden. Die mit zur Erde gebrachte ‚Bestie‘ gilt als Studienobjekt, das betäubt in einem Versuchslabor rabiat ‚untersucht‘ wird, um zu ergründen, wieso es die schadstoffverseuchte Venusluft atmen kann.

Der Flug zur Venus, der Absturz vor der Küste Siziliens, die ‚Geburt‘ der Bestie, ihr Kampf mit einem Elefanten, der Ausbruch aus dem Labor und der Amoklauf durch Rom: Dies sind Spektakel, die nur der Film gebührend präsentieren kann. Der Roman folgt einem Drehbuch, das ohne diese Möglichkeit seine Schwächen erbarmungslos enthüllt. Die Story ist eindimensional, die Figurenzeichnungen sind stereotyp. Harryhausen wählte Italien als Ort des Geschehens, weil er auf Kosten der Produktionsfirma dorthin reisen wollte. Italien und die Italiener werden auf eine Weise dargestellt, die heute als Beleidigung gälte.

Aber auch die aus den USA stammenden Hauptfiguren erfüllen ausschließlich Klischees. Slesar bemüht sich, aber er kann kein Blut aus Steinen pressen: General McIntosh, Oberst Calder, Dr. Leonardo, die schöne Marisa oder die treu-doofen Fischer (und besonders das Penetranz-Kid Pepe) lassen sich eher ertragen, wenn man sehen kann, dass bald wieder das Monster für Kleinholz sorgt!

Ereignis für Deutschland

Die deutsche Übersetzung erschien, als der Film in die hiesigen Kinos kam. Wohl um den Kauf-Reiz zu verstärken, enthielt der „Utopia-Großband“ 58 nicht nur den Roman von Henry Slesar, sondern auch zwei Zeichnungen, die Szenen aus dem Film interpretieren, diverse Filmfotos sowie im Rahmen der redaktionellen Informationskolumne „Meteoriten“ eine Ankündigung der deutschen Kino-Präsentation. (Weil noch einige Seiten frei blieben, durfte Professor Heinz Haber über „Künstliche Erdsatelliten für die geophysikalische Forschung“ berichten und der SF-Unterhaltung als seriöses Feigenblatt dienen.)

Für die zeitgenössischen SF-Fans waren Hintergrundinformationen zu den Filmen, die im Kino gezeigt wurden, rar und wertvoll. Jenseits der herablassenden, meist negativen ‚Wertungen‘ offizieller Rezensionsorgane wurden diese Produktionen in den „Utopia“-Großbänden wohlwollend bis begeistert vorgestellt. Man musste sich nicht wie ein Propellermützen-Depp fühlen, weil man Science Fiction mochte, was die rudimentären, oft unzutreffenden Infos ausglich.

Fazit:

Der Roman zu einem SF-Film, der heute als Genre-Klassiker gilt, ist kein Meisterwerk, wurde aber als Auftragsarbeit von einem talentierten Autor übernommen und so gut umgesetzt, wie es das auf Schauwerte getrimmte Drehbuch ermöglicht.

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