Das Mädchen

Erschienen: Januar 2000

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Almut Oetjen
Rotkäppchen und Gretel

Buch-Rezension von Almut Oetjen Feb 2006

An einem Morgen Anfang Juni 1998 in Neuengland fährt Quilla Andersen mit ihren Kindern Pete und Trisha McFarland in die Appalachen, um mehrere Stunden auf einem ausgewiesenen Weg zu wandern. Pete hat keine Lust zu der Unternehmung und streitet sich mit seiner Mutter, während Trisha genervt hinter beiden hergeht. Als sie Pinkeln muss, verlässt sie den Wanderweg, ohne etwas zu sagen. Sie kann kurz darauf nicht, wie angenommen, zu Mom und Pete aufschließen, sondern verläuft sich, als sie eine vermeintliche Abkürzung nimmt.

Ausgerüstet mit einem Rucksack, der eine Flasche Wasser, ein gekochtes Ei, zwei Twinkies, ein Thunfischsandwich, eine große Flasche Surge, eine Tüte Kartoffelchips, einen Poncho, einen Game Boy und einen Walkman mit Radioteil enthält, gerät sie immer tiefer in den Wald und in einen Überlebenskampf. Trisha ist neun Jahre alt und Fan der Baseball-Mannschaft Boston Red Sox, besonders des Closers ("Closing Pitcher") Tom Gordon.

Quilla informiert die Polizei, die über mehrere Tage unter Vergrößerung des Suchradius' vergeblich Trisha sucht, die sich anfangs recht schnell bewegt und außerhalb des Suchbereiches gelangt. Erschwerend kommt hinzu, dass nach einer Suchmeldung in den Medien ein Mann die Polizei anruft und sie auf eine falsche Spur bringt: er habe gesehen, wie Trisha von einem pädophilen Mörder entführt worden sei.

Strukturiert wie ein Baseballspiel

"Das Mädchen" folgt in der äußeren Struktur einem Baseballspiel (Vor dem Spiel - Neun Durchgänge - Nach dem Spiel). In der Erzählung gibt es immer wieder Hinweise auf diesen Sport, Spieltaktiken stehen in Beziehung zu Trishas Durchhaltetaktik. Trisha hält an dem Gedanken fest, dass sie gerettet wird, wenn die Red Sox ihre Spiele gewinnen. Manche Ausführungen zu diesem Sport sind etwas speziell und für Leser, die sich mit Baseball nicht auskennen, nicht zu verstehen. Hieraus ergibt sich ein Recherchemotiv. Aber die Erzählung ist auch ohne spezielle Sportkenntnisse gut zu verstehen.

Trisha versucht, auf erlerntes Wissen zuzugreifen, um Probleme in der für sie grundlegend neuen Situation zu lösen. Lebensweisheiten, die ihre getrennt lebenden Eltern ihr vermittelt haben, helfen ihr meist nicht weiter, weniges ist hilfreich. In der Schule hat sie viel gelernt, aber so gut wie nichts darüber, wie es in der Natur aussieht, welche Pflanzen essbar oder giftig sind. Dass Fließgewässer immer zu Menschen führen, erweist sich als falsch: manchmal führen sie in einen Sumpf, ein anderes Mal versickern sie. Trisha geht haushälterisch mit ihren Vorräten um, die am Ende aber doch nicht reichen. So muss sie auf das Angebot der Natur zugreifen. Mitunter hat sie hier Erfolg, in anderen Fällen nicht. Sie isst Scheinbeeren und Bucheckern als "Muesli", schluckt junge Forellen und Kaulquappen. Nachdem sie längere Zeit keine Nahrung finden konnte, verzehrt sie Sumpffarn und trinkt eiskaltes Wasser. Sie bekommt Magenschmerzen, Durchfall und erbricht sich. Sie erholt sich vorübergehend wieder und wird langsam sehr krank, beginnend mit Husten. Trisha wird immer dreckiger und schwächer.

Eine innere Stimme lässt sie ständig wissen, sie werde nicht durchhalten. Aber Trisha baut eine enge Bindung an ihren verehrten Baseballstar Tom Gordon auf (Der Originaltitel lautet: The Girl Who Loved Tom Gordon). Sie hört sich Spiele der Red Sox im Radio an, führt Gespräche mit dem eingebildeten Tom Gordon und zieht daraus einen Großteil ihrer Kraft und ihres Überlebenswillens.

Das Böse im Wald

Von Stephen King wäre vielleicht zu erwarten gewesen, dass beispielsweise Monster oder ein Psychopath im Wald auf das Mädchen warten. Schon früh wissen wir, dass der mögliche Kindermörder keine Rolle spielt und über diese Spur die Polizei nur in die Irre geführt wird. Bleiben die Monster. Trisha spürt bald, dass ein unbestimmtes Wesen sie begleitet. Dieses baut King subtil zu einer Bedrohung auf, die er schlussendlich interessant auflöst, wobei er sich wieder auf Baseball bezieht. Die Bedrohung von Kindern im Wald ist ein alter Topos im Märchen. Wie Gretel verläuft sie sich im Wald, wie Rotkäppchen wird sie belauert.

Trisha sieht sich einer Vielzahl von Plagen ausgesetzt: Schlangen, großen und kleinen Mücken, Wespen, Fliegen, Tieren, gegen die sie sich mit Schlamm zu schützen versucht, nachdem sie ihr enorm zugesetzt haben. Sie findet einen zerfetzten Hirschkadaver, der Kopf des "Monsters" wird von Insekten umkreist. Es gibt Beschreibungen zu lesen, die an William Goldings "Herr der Fliegen" erinnern, an Algernon Blackwoods "Der Wendigo" und "Die Weiden". "Das Mädchen" ist durchsetzt mit naturphilosophischen und religiösen Motiven und Überlegungen. Im Verlaufe ihres Leidensweges setzt sich Trisha auch mit Gott auseinander. Ihr Vater hat ihr einen anderen Gottesbegriff vermittelt als die Schule. Für Trisha ist es ein kurzer Weg, das Denken über Gott mit dem Denken über die Natur und ihre Gefahren in Einklang zu bringen.

Beim Lesen begleitet uns die Frage, ob Trisha es schaffen wird, aus dem Wald herauszukommen, und wenn ja, in welchem Zustand. Wir wissen auch, dass Trisha sich dem "Monster" irgendwann stellen muss... Stephen Kings Hauptfiguren werden oft beschädigt und überleben nicht immer.

Stephen King, dessen literarisches Personal häufig standardisiert oder auch klischiert ist, hat mit "Das Mädchen" einen Roman geschrieben, der technisch eher eine Novelle ist und in seinem Werk eine der besten Charakterentwicklungen enthält. Das Leseinteresse dürfte dadurch zu einem großen Teil erhalten bleiben, dass wir dieser Entwicklung minutiös beiwohnen. Der deutsche Verlag vermarktet die Neuausgabe des Romans als Buch für Kinder ab zwölf Jahren. In seinem Nachwort adressiert King eindeutig Erwachsene.

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