Der Zeitindex

Erschienen: November 2021

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Michael Drewniok
Das Übel ausrotten, bevor es reifen kann

Rezension von Michael Drewniok Dez 2021

Der Große Hadronen-Speicherring am Europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf - verfügt über eine besondere Speichereinheit. Hier werden sämtliche Daten erfasst, die jenseits laufender Forschungsprojekte einlaufen. Als diese ausgewertet werden, stößt man auf einen Datenbestand, der den Namen „Zeitindex“ erhält. Er ist verschlüsselt - und wird als streng geheim eingestuft, da es Hinweise darauf gibt, dass es sich um eine Nachricht aus der Zukunft handelt.

In den USA wird CIA-Analystin Quinn Mitchell auf den Fall des „Elite-Killers“ angesetzt. Mindestens 19 Opfer haben seine Attacken bisher gefordert. Er tötet weltweit und auf geniale Weise; offenbar schützt ihn eine mächtige Organisation, die nicht einmal der CIA bekannt ist. Jede Leiche wird mit einer vierstelligen Zufallszahl ‚markiert‘, die der Killer als ‚Signatur‘ hinterlässt.

Die nicht gerade weltgewandte, aber hochbegabte und hartnäckig recherchierende Mitchell kann die wenigen Spuren, die der „Elite-Killer“ hinterließ, deuten und den Iraner Ranveer als Schuldigen identifizieren. Eine Begegnung gipfelt in Ranveers schockierender Offenbarung, dass Mitchell einst den „Zeitindex“ realisieren und in die Vergangenheit schicken wird. Was hinter dieser Aktion steckt, hat mit den Interessen der CIA nur bedingt zu tun, weshalb Mitchell sich hütet, ihren Arbeitgeber über sämtliche Details aufzuklären. Stattdessen versucht sie herauszufinden, was ihr zukünftiges Ich veranlasst haben könnte, ausgerechnet einen Serienkiller zu beauftragen …

Mehrwissen schützt nicht vor Fehlentscheidung

Die Science Fiction ist ohne Reise durch die Zeit nicht vorstellbar. Was die Naturgesetze (offenbar) nicht gestatten, fasziniert als Vorstellung und kann zumindest per Vorstellungskraft umgesetzt werden. Auf diese Weise öffnet sich ein Füllhorn interessanter Spekulationen, die in ebensolche Geschichten einfließen (können).

Christian Cantrell greift den Gedanken auf, dass sich die zukünftige Gegenwart ‚verbessern‘ lässt, indem man dort zur Ausbreitung kommendes Übel in der Vergangenheit eliminiert. Der Plot ist eine Variation der bekannten Frage, was geschähe, könnte man in die Zeit zurückreisen und zum Beispiel Hitler als Säugling töten. Würde man auf diese Weise die Schrecken der Nazi-Ära vermeiden? Käme es stattdessen zu einer anderen Verirrung, die womöglich noch schlimmere Folgen nach sich zöge?

Solche Spekulationen folgen der Prämisse, dass die nachträgliche ‚Korrektur‘ begangener Taten nie zum angepeilten Ergebnis führen wird, weil der Zeitstrom sich nicht nachträglich bändigen lässt und genau jene Eingriffe, die der Vermeidung geschehenen Leidens dienen, erst recht für einen Schrecken sorgen, den der in sein neues Bett umgeleitete Zeitstrom auslöst.

Verlockung der gelungenen Korrektur

Sehr richtig geht Cantrell davon aus, dass der Mensch sich nie wirklich um die Folgen einer Entdeckung kümmert, die in der Umsetzung die Welt aus den Angeln heben könnte. Dass beispielsweise die Zündung der Wasserstoffbombe womöglich zum nicht löschbaren Brand der Erd-Atmosphäre führen könnte, hielt den atomaren Wettlauf während des Kalten Krieges in keiner Weise auf.

Dieses Mal kann eine kluge Frau, die es deshalb besser wissen müsste, der Verlockung nicht widerstehen. „Der Zeitindex“ spielt in einer nahen Zukunft, in der sich vor allem die digitale Technik so weit entwickelt hat, dass die Realität zur Manipulationsmasse degeneriert ist. Nicht nur Cyber-Kriminelle biegen und brechen sie zu ihrem Nutzen. Auch die Geheimdienste dieser Welt haben den digitalen Äther als ‚Spielfeld‘ entdeckt. Man kann über weite Entfernungen morden, Spuren verwischen oder Falsch-Indizien ‚pflanzen‘.

Cantrell bleibt hart an der Gegenwart, deren Möglichkeiten er geschickt in ‚seine‘ Zukunft extrapoliert. Er weiß genug über moderne Hightech, um deren Potenziale zu erweitern und dies seinen Lesern glaubwürdig zu vermitteln. Science Fiction muss die Zukunft nicht voraussehen; dieses einst behauptete Genre-Merkmal besaß nie echte Relevanz. Stattdessen gilt jene Forderung, nach der eine erzählte Geschichte im gewählten Rahmen plausibel wirken muss. Für „Der Zeitindex“ trifft dies zu, wodurch ein ansonsten konventionelles Garn unterhaltsam unterfüttert wird.

Ansonsten die üblichen Verdächtigen

Die Story setzt sich aus vielfach genutzten Elementen (oder Modulen) zusammen. Während Cantrell dies durch einen auf die Kulissen zielgerichteten Einfallsreichtum übertüncht, betont er es unfreiwillig durch Figuren, die gerade durch das Bemühen, ihnen Tiefe zu verleihen, flach bleiben.

Um für Quinn Mitchell eine offenkundig für notwendig gehaltene ‚tragische‘ Vorgeschichte zu kreieren, lässt Cantrell sie am Tod der geliebten Tochter verzweifeln. Diesem Drama widmet der Verfasser viele (rückblendenselige) Seiten, die sich problemlos überspringen lassen, da sie zur Handlung nichts beitragen. Überhaupt bleibt Mitchell eine vage Figur, deren angebliche analytische Genialität und die finale ‚Neuorientierung‘ sich den Lesern nicht unbedingt mitteilt. Ähnlich diffus bleibt Henrietta Yi, die von der Schicksalsgefährtin und potenziellen Freundin recht abrupt zur Widersacherin mutiert.

Super-Killer Ranveer ist ein typisches Geschöpf der Unterhaltungstrivialität. Stets verfügt er über exakt jene Mittel, die ihm zum ‚unmöglichen‘ Mord, zur ‚unmöglichen‘ Flucht oder zu einer anderweitig ‚unmöglichen‘ Tat befähigen. Dass der Zufall nicht gar zu dreist Gast dieser Vorstellung ist, liegt an Cantrells Talent als Geschichtenerzähler: Manche logische Lücke wird durch eine Beschleunigung der Ereignisse übersprungen.

Ende offen - Fortsetzung folgt?

Im letzten Drittel nimmt die Handlung zügig Fahrt auf und schlägt einen neuen, immerhin unerwarteten Kurs ein. Aus einem Near-Future-Thriller wird ‚echte‘ Science Fiction, denn der Zeit-Aspekt bestimmt nun den Plot. Darunter leidet der erzählerische Rhythmus, doch die Wendung sorgt für ein neuerliches Ansteigen des Interesses, nachdem das Geschehen trotz zahlreicher Ortswechsel lange auf der Stelle trat. Allerdings bricht Cantrell ab, nachdem er die Karten neu gemischt hat, was verdächtig nach einem jener offenen Enden schmeckt, die schon die Fortsetzung oder gar eine Serie vorbereiten.

Grundsätzlich müsste es dazu kommen, denn sonst bliebe die ‚Auflösung‘ eine Enttäuschung. Cantrell hinterlässt nur lose Enden. Ist es wirklich seine Absicht, die nun eigentlich erst einsetzende Story gänzlich der Vorstellung seiner Leser zu überlassen? Dafür hat er mit „Der Zeitindex“ keine zufriedenstellende Basis gelegt. Es muss weitergehen - und angesichts der Mechanismen der modernen Unterhaltungsliteratur wird es das wohl auch.

„Der Zeitindex“ wird solide erzählt. Das letzte Drittel fügt sich nicht harmonisch bzw. plausibel zur Vorgeschichte; hier hätte Cantrell nicht auf den Überraschungseffekt setzen dürfen, sondern die ansonsten durchaus gelungene Wendung besser vorbereiten sowie seinem Roman ein ‚echtes‘ Finale gönnen sollen.

Fazit:

Die Geschichte beeindruckt durch Blicke in eine ‚plausible Zukunft‘ und fußt auf einem nicht originellen, aber tragfähigen Plot, der jedoch durch eine allzu ansatzlose  Wendung, den Verzicht auf ein plausibles Finale und schwach gezeichnete Figuren beeinträchtigt wird. Das Ergebnis ist unterhaltsames SF-Lesefutter, das recht aufdringlich eine Fortsetzung fordert.

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