Panoptikum des Schreckens

Erschienen: März 1974

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Michael Drewniok
Acht zu spät erkannte Gäste aus unheimlichen Gefilden

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2021

In acht gruseligen, aber auch hintergründigen Erzählungen werden ungewöhnliche Schrecken geweckt:

- John Carnell: Einführung (Introduction; 1965), S. 7

- Mervyn Peake: Totentanz (Danse Macabre; 1963), S. 8-18: In der Nacht folgt er seinem Anzug, der sich selbstständig gemacht und den Kleiderschrank verlassen hat.

- Michael Moorcock: An der Grenze zum Chaos (Master of Chaos; 1964), S. 19-34: Graf Aubec will das Hexenschloss am Rand der Welt erobern, doch dessen Bewohnerin spannt ihn geschickt für eigene Pläne ein.

- William Tenn: Mittwochskind (Wednesday's Child; 1956), S. 35-55: Sie hat den zukünftigen Gattin wegen ihrer mysteriösen Herkunft gewarnt, wird aber selbst überrascht, als sich herausstellt, wie anders sie wirklich ist.

- Robert Presslie: Notruf auf „O“ (Dial „O“ for Operator; 1958), S. 56-76: Das schwarze Ding warte vor der Tür auf sie, doch wo - oder wann - steht die Telefonzelle, in die sich die verzweifelt um Hilfe bittende Anruferin flüchten konnte?

- Brian W. Aldiss: Tod einer Hexe (The Flowers of the Forest; 1957), S. 77-89: Wenn man sie um Rat fragt, kann sie nicht lügen, selbst wenn es sie den Kopf kostet, aber auch tot kann sie ihre Zauberkraft einsetzen.

- E. C. Tubb: Der Neue (Fresh Guy; 1958), S. 90-107: Ein Ghul, zwei Vampire und ein Werwolf philosophieren über das hoffentlich baldige Wiederauftauchen der Menschheit nach dem atomaren Weltuntergang.

- Eric C. Williams: Nacht im botanischen Garten (The Garden of Paris; 1965), S. 108-128: Ein längst vergessenes Kraut entwickelt ein erschreckendes Eigenleben - und einen entsprechenden Appetit.

- Theodore Sturgeon: Friedhofslektüre (The Graveyard Reader; 1958), S. 129-144: Nie konnte er einen Draht zur Gattin finden, doch womöglich besteht die Möglichkeit, dies trotz ihres Todes nachzuholen.

Die Angst ist ein perfekter Überraschungsgast

Unter den zahlreichen Reihen, in denen hierzulande Gruselgeschichten präsentiert wurden, genießen die „Vampir“-Taschenbücher einen durchwachsenen Ruf. Die Kritik zielt in erster Linie auf die Romane, denn hier kaufte man primär ein, was billig, aber nicht unbedingt gut war. Interessanter sind die Story-Sammlungen, die jeden zweiten Band der Reihe stellten. Zwar wurde auch hier manches faule Ei ausgegraben, das besser im Mist der Trivialliteratur verrottet wäre, doch immer wieder konnte man auf Gold stoßen - klassischen Schauder und modernen Horror, die schrecklich spannend waren; und dies buchstäblich und nicht nur von der Verlagswerbung behauptet!

Band 6 der „Vampir“-Taschenbücher ist die Übersetzung einer Kollektion, für die 1965 John Carnell (1912-1972) verantwortlich zeichnete. In seinem kurzen Leben profilierte sich Carnell nicht als Autor, sondern als Herausgeber, wobei er sich zwar auf die Phantastik konzentrierte, jedoch eher zeitgenössische Science Fiction zusammenstellte. Er konnte (oder wollte) dies auch im vorliegenden Band nicht verleugnen und nahm deshalb mehrere Autoren auf, die eher durch ihre SF-Werke bekannt wurden (Moorcock, Tenn, Aldiss, Tubb, Sturgeon), aber durchaus auch in anderen Phantastik-Genres standfest waren.

In einem Vorwort erklärt Carnell, dass es ihm nicht um den klassischen Buh!-Schrecken geht, sondern um den Einbruch des Irrealen in die Realität. Wie weit er dies fasst, belegt die Story von Michael Moorcock (*1939). Sie gehört in jenen Kosmos, den Moorcock für seinen tragischen Anti-Helden Elric von Melniboné schuf, und ist eher der Fantasy zuzuordnen. Chaos und Ordnung liegen auch in dieser Story im ewigen Streit, der das Gesamt-Epos prägt. Ohne Vorkenntnis von Elrics Welt bleiben die meisten Anspielungen zwar unverständlich. Dennoch wird deutlich, wieso Moorcock mit Tolkien & Co. kaum etwas verbindet.

Nicht jedes Rätsel kann/soll gelöst werden

Furcht durch Irritation, die aus der Begegnung mit dem nicht nur Unbekannten, sondern zusätzlich Unerklärten resultiert, zeichnet die allegorische Mär vom Totentanz menschenleerer Kleidung aus, den Mervyn Peake (1911-1968) im nächtlichen Wald inszeniert. Peake ging durch seine „Gormenghast“-Trilogie in die Literaturgeschichte ein, die sein auch hier heraufbeschworenes Talent offenbarte, eine ebenso faszinierende wie fremd bleibende Welt zu erschaffen.

Ebenfalls ohne die bekannten Gruselgestalten kommt Theodore Sturgeon (1918-1985) aus. Er thematisiert eine Trauer, die auch aus der Erkenntnis resultiert, dass es irgendwann zu spät ist, eine feste, aber auch festgefahrene Beziehung zu klären und neu zu beleben. Die Möglichkeit, dieses Versäumnis nachholen zu können, aber letztlich nicht zu wollen, weil es eine anderen und besseren Weg zum inneren Frieden gibt, sorgt für ein versöhnliches und friedliches Finale: Horror bedeutet eben nicht nur „Kopf ab“, sondern deckt ein wesentlich breiteres Emotionsspektrum ab, ohne dadurch an Intensität einzubüßen.

Zwar versucht auch Brian W. Aldiss (1925-2017) - einer der Großmeister der Phantastik - abseits allzu oft begangenen Gruselpfade zu wandeln, doch seine konventionelle Mär von der Hexe, die ihrem ‚Gast‘ erst einen Spiegel vorhält, um ihm später ein schauerliches Ende zu bescheren, besticht durch den Schauplatz: Seine Jugend verbrachte Aldiss in Südostasien, und seine persönliche Kenntnis der lokalen Verhältnisse lässt er stimmungsvoll einfließen.

Solider Schrecken, schwarzer Witz und zwei Schüsse in den Ofen

Ganz klassisch will uns Robert Presslie (1920-2000) Angst einjagen. Dies gelingt ihm, indem er das vorhandene Instrumentarium einsetzt, aber final eine unerwartete Volte schlägt. Wieder einmal bestätigt sich, dass solides Handwerk scheinbares Fantasie-Feuerwerk problemlos in den Schatten stellen kann. Dass dies durchaus eine Kunst ist, merkt man erst recht, weil William Tenn (1920-2010) und Eric C. Williams (1918-2010) es ebenfalls versuchen - und scheitern; Tenn mit einem zu lang vorbereiteten und dann nicht zündenden Final-Gag und Williams mit einer unnötig detailreichen, ausgewalzten und letztlich anti-originellen Schauermär.

Edwin Charles Tubb (1919-2010) sorgt mit seiner rasant und schwarzhumorig erzählten und aufgelösten Variation einer typischen „Post-Doomsday“-Situation für ein gewisses Unbehagen - dies wohl eher unfreiwillig aufgrund der für ihn typischen Unbarmherzigkeit: Tubbs Weltbild war pessimistisch, um es vorsichtig auszudrücken. Nur die Starken bzw. Rücksichtslosen überleben, Solidarität gibt es nicht - nach Tubb auch nicht unter Monstern.

Anmerkung: Wieder einmal sorgte die hierzulande einst übliche Seitennormierung dafür, dass nicht das originale Gesamtwerk übersetzt wurde. Es fehlen „Blood Offering“ (1961) von John Kippax (1915-1974) und „Same Time, Same Place“ (1963), eine zweite Story von Mervyn Peake.

Fazit:

Die acht Autoren dieser Sammlung lassen den schlichten Monster-Metzel-Horror aus und sorgen für einfallsreichen Schrecken. Obwohl dies nicht immer wie geplant gelingt, können deshalb auch die weniger gelungenen Storys unterhalten.

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