Game of Thrones. 100 Seiten

Erschienen: September 2019

Couch-Wertung:

88°
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Marcel Scharrenbroich
Das Feuer brennt wieder!

Rezension von Marcel Scharrenbroich Jan 2022

Nach dem Winter ist vor dem Winter…

Nachdem die Gemüter sich nach dem umstrittenen Finale von „Game of Thrones“ langsam wieder beruhigt haben dürften, dauert die Suche nach einer langfristigen Fantasy-Alternative noch an. Zwar hat „Witcher“ Geralt mittlerweile seine zweite NETFLIX-Season am Start und AMAZON PRIME dreht „Das Rad der Zeit“, doch so richtig packen konnte mich bislang kein Format. „Shadow and Bone“, die Umsetzung von Leigh Bardugos „Grisha“-Saga, ließ mich schnell erschreckend kalt und die grottenschlechte Umsetzung von „Cursed - Die Auserwählte“ gab sich mit der ersten Staffel gleich selbst den Todesstoß. Also heißt es weiterhin Warten. Entweder auf AMAZONs ambitionierte „Herr der Ringe“-Serie, die allein schon vom Budget neue Maßstäbe setzt, oder eben auf den heißersehnten „Game of Thrones“-Nachfolger „House of the Dragon“. HBO widmet sich darin dem Hause Targaryen und wirft uns 200 Jahre vor die uns bereits bekannten Ereignisse. Während AMAZON voraussichtlich im September 2022 für Luftsprünge bei Tolkien-Fans sorgen wird, steht ein genauer Starttermin für „House of the Dragon“ noch aus. Läuft alles nach Plan, steht uns ein heißer Fantasy-Herbst, -Winter oder -was-auch-immer ins Haus… aber was läuft in diesen wilden Zeiten schon planmäßig? Jedenfalls überbrücke ich die Wartezeit mit einem erneuten „Game of Thrones“-Durchlauf. Zum einen aus Mangel an Alternativen (never change a winning team!), aber auch, weil ich über ein kleines Büchlein gestolpert bin, das die Sehnsucht nach Eis und Feuer wieder geweckt hat:

Zugegeben, es gibt viele Bücher auf dem Markt, die sich der ausufernden und komplexen Welt von George R. R. Martin widmen und sich den Geflechten aus Liebe, Lust, Inzest, Intrigen, Macht und Krieg aus allen erdenklichen Blickwinkeln nähern. Manche sind so dick, dass Martin selbst es wohl nie geschafft hätte, sie selber zu Papier zu bringen. Klar, es gibt zwischen Essos, Westeros und Königsmund allerlei aufzudröseln und die unüberschaubare Schar an Charakteren will auch erstmal sortiert und unter einen Hut gebracht werden, aber es geht auch knapper. Elke Brüns, habilitierte Literaturwissenschaftlerin und Dozentin an der NYU Berlin, hat sich für die „100 Seiten“-Reihe von RECLAM ins Schlachtgetümmel gestürzt und fasst das Spiel um den eisernen Thron zusammen.

Passt…, wie ein Pfeil zwischen Tywins Rippen

So steigt die Autorin auch gleich mit dem Kapitel Cold Open in die mit diesem Begriff übersetzte „Eröffnungssequenz“ der allerersten Episode ein. Schnell wird klargemacht, welchen Stellenwert das Werk von George R. R. Martin in der Literatur-Welt eingenommen hat und in welche Höhen es seinen Schöpfer katapultierte. Selbstverständlich auch, wie es dazu kam, dass Interesse an einer TV-Adaption aufkam. Bei dem immensen Erfolg der literarischen Vorlage wenig verwunderlich. Eher verwunderlich, dass den unerfahrenen Showrunnern ein derartiger Vertrauensvorschuss gewährt wurde, dass man ihnen gleich noch ein üppiges Budget zur Verfügung stellte. Dennoch mussten die Macher reichlich an allen Ecken und enden kämpfen, um den finanziellen Rahmen nicht vollends zu sprengen. Gleichzeitig hatte Fantasy im TV per se einen schweren Stand, da dieses Genre als nicht massentauglich angesehen wurde und dementsprechend für lange Zeit sträflich vernachlässigt wurde. Diese Zeiten sind nun dank „Game of Thrones“ vorbei, wobei noch lange nicht alles goldig glänzt, was da im Fahrwasser an Land gespült wird…

Das Kapitel Das Spiel – Macht, Krieg und Utopie beleuchtet anschließend zuerst die wichtigsten Figuren auf dem Macht-Tableau. Wer die Serie geschaut hat, wird zustimmen, dass die Flut an Charakteren besonders zu Beginn erschlagend sein kann. Es folgt ein interessanter Vergleich mit historischen Persönlichkeiten. Spannende Einblicke, wenn man realisiert, dass Fakt und Fiktion gar nicht so weit auseinanderliegen.

In Die Figuren – Genealogien und Geschlechter wird der Blick auf die Bewohner der Fantasy-Welt fortgesetzt und noch vertieft. Rollenbilder, Verwandtschaftsverhältnisse, Hierarchien und sozialer Stand. Wo manch anderes Buch sich schnell mal in den unzähligen Handlungssträngen verliert, hangelt sich Elke Brüns an einem roten Faden entlang, der sowohl der Serienhandlung folgt und gleichzeitig analytisch hinter die Fassaden blicken lässt.

Sexpositions – Lust und Gewalt sollte selbsterklärend sein. Dass bei „Game of Thrones“ wie am Fließband gerattert und gemeuchelt wird, ist kein Geheimnis. Ebenso wenig, dass dem Schöpfer Martin keine seiner Figuren heilig zu sein scheint. Einmal geblinzelt, sind drei bis vier liebgewonnene Charaktere (Margaeryyyy!!!!!) spektakulär über die Klinge gesprungen. Hier geht die Autorin dann noch intensiv auf das Frauenbild ein, welches die Serie bewusst oder unbewusst(?) vermittelt. Besonders interessant sind die wissenschaftlichen Aspekte, welche nicht staubtrocken oder unnötig kompliziert dargelegt werden.

Damit ist aber noch lange nicht Schluss, denn es folgen noch weitere randvoll gefüllte Kapitel. Ich war und bin schwer angetan von der Informations-Dichte, die komprimiert in nur 100 Seiten steckt. Leicht verständlich, nie am Thema vorbei und für Kenner der Serie eine sich lohnende Bereicherung.

Fazit:

So, jetzt bin ich wieder heiß! Die kurzweilige und höchst informative Lektüre hat es geschafft, dass ich erneut die Koffer packe und mich zur nördlichen Grenze der Sieben Königslande aufmache, um die nächsten drei bis sechs Monate Dienst an der Mauer zu schieben. Schickt mir keine Raben, ich schicke Euch welche…

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