Die neue Wildnis

  • Heyne
  • Erschienen: Mai 2022
Die neue Wildnis
Die neue Wildnis
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Julian Hübecker
83°

Phantastik-Couch Rezension von Julian Hübecker Jun 2022

Back to the roots!

Bea kann nur das Leben ihrer kranken Tochter Agnes retten, wenn sie die überfüllte Stadt verlässt und sich in die Neue Wildnis wagt. Mit insgesamt 20 Pionieren macht sie den Schritt und bereut es nicht: Agnes wird wieder gesund. Doch das Leben in der Natur ist hart, und schließlich sind es vor allem die Menschen selbst, die zur gefährlichen Herausforderung werden …

„Es gab nur weniges, was Bea sich in diesen Tagen zu bedauern gestattete, diesen unberechenbaren Tagen, ausgefüllt mit so schlichtem und brutalem Überlebenskampf.“

Die Menschheit hat‘s verkackt: Klima- und andere Umweltkatastrophen haben die Menschen vor eine schwierige Entscheidung geführt. Die Natur braucht wieder mehr Platz, weshalb diese – streng abgegrenzt von den Städten – sich selbst überlassen wird. Nun sind die Menschen eingepfercht auf engstem Raum, die Städte zu verlassen ist strengstens untersagt. Durch diesen Ballungsraum nimmt jedoch die Luftverschmutzung zu, die Lebensqualität sinkt stetig. Auch Bea bekommt dies zu spüren: Ihre Tochter Agnes wird lungenkrank; die schlechte Luft wird unweigerlich zu ihrem Tod führen. Daher beschließt Bea, an einem Pilotprojekt teilzunehmen: Insgesamt 20 Pioniere dürfen in die Neue Wildnis und dort fern von der Zivilisation leben. Doch ihr Leben wird dennoch reglementiert: Zahlreiche Vorschriften müssen sie befolgen. So dürfen sie nicht längere Zeit an einem Ort bleiben, müssen stets ihren Mikromüll beseitigen, und Tiere domestizieren ist ebenfalls untersagt. Bewacht werden sie von Rangern, bei denen sie sich regelmäßig melden müssen.

Dass die Natur erbarmungslos ist, war allen klar. Daher ist es für keinen eine große Überraschung, dass nach und nach Mitglieder der Gruppe sterben – ob durch Tierangriffe, Unfälle oder Krankheiten. Stets wird wieder zum täglichen Tagesgeschäft übergegangen, schließlich bedeutet Überleben harte Arbeit. Die größte Schwierigkeit bedeuten aber die Menschen selbst: Agnes und ihr Partner Glen haben das Projekt ins Leben gerufen, weshalb sie auch die heimlichen Anführer der Gruppe sind, obwohl Entscheidungen durch gemeinsamen Konsens getroffen werden. Carl und Val schmeckt das wenig, weil sie am liebsten anführen würden. Agnes dagegen beobachtet alles ganz genau. Sie ist 10 oder 11 – so richtig weiß sie das nicht –, fühlt sich aber ebenfalls erwachsen. Sie imitiert alles, was ihre Mutter tut, auch wenn sie nicht vieles gutheißen mag. Dann passiert aber etwas, das Agnes schneller erwachsen werden lässt, als gut für sie ist. Denn die Gruppendynamik wird gehörig auf den Kopf gestellt ...

Ein dystopischer Pageturner

An Diane Cooks Die neue Welle kommt man zurzeit nicht dran vorbei, denn die Leserstimmen sind größtenteils positiv. Dementsprechend skeptisch habe ich das Buch zur Hand genommen, und der Start fiel auch ernüchternd aus: Die Geschichte beginnt bereits einige Jahre, nachdem die Pioniere in die Neue Wildnis entlassen wurden. Die Gruppe ist mittlerweile auf die Hälfte geschrumpft und man hat das Gefühl, dass man einiger spannender Momente beraubt wurde. Die Pioniere sind inzwischen ein eingespieltes Team und die Wildnis ist zu einem neuen, wenn auch erbarmungslosen Zuhause geworden.

Dann jedoch erwischt man sich dabei, wie man Seite um Seite einfach nicht genug bekommen kann. Erzählt wird im ersten Drittel aus Beas Sicht, anschließend aus der von Agnes. Beide sind schwer fassbar, vor allem Bea wirkt sehr ambivalent. Ihre Mutterliebe zu ihrer Tochter ist greifbar, wirkt aber nicht sehr ausgewogen. Anfangs kann man dennoch ihre Entscheidungen nachvollziehen und ihre Gedankengänge sind rational. Dann kommt irgendwann ein Bruch und aus Bea wird eine ganz andere Persönlichkeit, die zusätzlich den Lesedruck erhöht.

Allgemein schafft Diane Cook es, die Umgebung bildhaft, wild und zügellos zu beschreiben. Die Natur ist alles, was den Pionieren bleibt, und steht im krassen Kontrast zur Stadt. Man ahnt zwar, dass die neue Ordnung nicht perfekt ist, nimmt sie aber unweigerlich an, weil die Autorin einem keine andere Wahl lässt. Wie die Pioniere gezwungen sind, einfach weiterzumachen, bleibt auch der Lesende an den Seiten kleben. Dabei passiert nicht viel: Es gibt Meinungsverschiedenheiten, es wird geboren und gestorben, manches wirkt sehr primitiv und naturnah – dann wieder wird einem klar, dass die Pioniere einst normale, zivilisierte Menschen waren.

Ein besonderer Kniff ist, dass die Pioniere neben Agnes und Bea nicht omnipräsent sind. Man weiß zwar, dass sie da und Teil der Gruppe sind, aber es kann durchaus passieren, dass manche über viele Seiten nicht erwähnt werden; dann wiederum haben sie ihre Momente. Das schafft eine unglaubliche Dynamik, die nicht in jeder Geschichte funktioniert hätte. Erstaunlicherweise reicht es auch aus, um die Protagonisten sich entwickeln zu lassen. Das ist auch nötig – denn wer sich in der Wildnis nicht entwickeln kann, wird gnadenlos aussortiert!

Fazit:

Geradezu zügellos ist diese Dystopie der Newcomerin Diane Cook. Man stapft mit den Pionieren durch die Wildnis und ist einfach gefangen von ihrem neuen Leben. Allzu viel darf nicht verraten werden – es muss einfach erlebt werden.

Die neue Wildnis

Diane Cook, Heyne

Die neue Wildnis

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