Die Schattensammlerin - Dichter und Dämonen

  • Heyne
  • Erschienen: Juni 2022
Die Schattensammlerin - Dichter und Dämonen
Die Schattensammlerin - Dichter und Dämonen
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Marcel Scharrenbroich
90°

Phantastik-Couch Rezension vonAug 2022

Milli Wohl und die Jagd nach dem Dichter-Schädel

„Die Schwierigkeiten wachsen, je näher man dem Ziele kommt.“
-Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Helau, Alaaf, Ahoi und was sonst noch… die Ausrufe zur Karnevalszeit unterscheiden sich regional. Doch überall wird mit bunten Kostümen und mächtig guter Laune gefeiert. So auch in Frankfurt am Main. Die „tollen Tage“ in Hessens größter Metropole fallen in die winterliche Jahreszeit. Ein Winter im Jahr 1830.

Während kostümierte Närrinnen und Narren durch die verschneiten Straßen ziehen, hockt die junge Millicent Wohl an ihrem Arbeitsplatz. Das imposante Senckenberg Museum hat zur Fastnacht zu einem rauschenden Ball geladen, zu dem alle wichtigen Würdenträger der Stadt eingeladen sind. Die zwanzigjährige Milli, die erst kürzlich aus der Provinz nach Frankfurt kam, geht eigentlich eher dem Präparator Josef zur Hand, hat heute aber alle Hände voll zu tun, um es dem Kurator Anton Hollweg rechtzumachen. Ein Kotzbrocken vor dem Herrn… und dazu noch Millis direkter Vorgesetzter. Um sich bei einer angesehenen russischen Komtess einzuschleimen, soll nur der beste Champagner auf den Tisch. Natürlich fällt es in Millis Aufgabenbereich, das prickelnde Gesöff umgehend ans Tageslicht zu befördern. Wortwörtlich, denn der gute Tropfen lagert in den unterirdischen Kellerräumen des Museums. Dort, wo sich sicher verstaut unzählige Ausstellungsstücke verstecken, wertvolle Devotionalien darauf warten, Besuchern ein Staunen in die Augen zu zaubern, und wo Josef Buchner an seltenen und mindestens ebenso obskuren Einzelstücken herumdoktert. Als wären die finsteren, nur spärlich ausgeleuchteten Kellerräume nicht schon unheimlich genug, geht es heute besonders gruselig zu. Noch ehe Milli den Schrecken über laute Geräusche aus Josefs Labor richtig einordnen kann, wird sie von einer Gestalt überrannt. Sie kann dem Mann gerade noch in die leeren Augen sehen, bevor dieser die Flucht ergreift. Nachdem die junge Frau sich vergewissert hat, dass Josef weitestgehend wohlauf ist, nimmt sie die Verfolgung auf.

Die Frage, ob dies so klug ist, stellt sie sich in diesem Moment noch nicht. Sie kämpft sich durch grölende Menschenmassen, die ausgelassen feiern und umherziehen und kann schließlich beobachten, wie der Flüchtige in einer dunklen Gasse verschwindet. Eine Sackgasse… doch von dem Fremden fehlt jede Spur. Es hockt lediglich ein Obdachloser auf dem verschneiten Boden, den Milli bereits auf den ersten Blick ausschließen kann. Ein kleinwüchsiger Mann, der am Eingang der Gasse eigentlich gesehen haben müsste, wie der Einbrecher dort einbog, erweist sich ebenfalls nicht als große Hilfe, verschwindet dieser doch lieber in der Menge, anstatt Milli eine hilfreiche Auskunft zu geben. Verdammt… alles für die Katz.

Die Polizei ist in dem Fall keine große Hilfe, wurde in ihren Augen doch kein Gegenstand von immensem Wert gestohlen. Es fehlt lediglich… ein Schädel. Ein menschlicher Schädel. Doch nicht irgendeiner, gehörte der entwendete Schädel doch einst auf die Schultern des anerkannten Dichters und Historikers Friedrich Schiller. Kurator Hollweg ist ungehalten, muss er sich doch demjenigen gegenüber erklären, der das gute Stück dem Museum zur Verfügung gestellt hatte. Und der ist niemand geringeres als Johann Wolfgang von Goethe höchstpersönlich. Goethe ist ein großzügiger Unterstützer des Senckenberg-Hauses, verlässt seine Heimat Weimar aber angeblich seit Jahren nicht mehr. Deshalb ist sein Adlatus Abaris vor Ort. Ein mysteriöser Mann von ansehnlicher Erscheinung, der im Auftrag seines Dienstherren Goethe jeder Spur nachgehen muss. Und da Milli nun mal die einzige verlässliche Zeugin ist, die den Dieb identifizieren kann, soll sie ihn bei seinen Ermittlungen unterstützen. Zu ihrer großen Verwunderung hält Johann Wolfgang von Goethe sich tatsächlich in Frankfurt auf, was aber unbedingt geheim bleiben soll. Gemeinsam tüftelt das frisch formierte Trio Infernale an einem Weg, um Schillers Schädel wiederzubeschaffen. Wer weiß, was der Dieb damit alles anstellen könnte…?

Historisch und humorvoll

„Die Schattensammlerin - Dichter und Dämonen“ schafft das Kunststück, seine Leserinnen und Leser schnell in die Story zu ziehen. Extrem schnell sogar, denn mit der bezaubernden Milli bekommt man sofort einen liebenswerten Underdog präsentiert, auf dessen Seite man sich schlagen MUSS. Tom und Stephan Orgel, die gemeinsam und dem Namen T. S. Orgel als Autoren-Duo schreiben, beschreiben derart detailliert, dass sich die Szenarien unweigerlich vor dem inneren Auge aufbauen und zum Leben erwachen. Schon nach wenigen Seiten fühlte ich mich heimisch. Das winterliche Setting ist atmosphärisch und passt perfekt zur spannenden Geschichte. Alle Charaktere sind bis in die Nebenfiguren gut geschrieben. Der pampige Kurator, der sympathisch-resolute Kutscher Heinrich, Millis liebevolle Tante Anni oder der mürrische, stets von Zahnschmerzen geplagte Goethe himself. Wenn dieser der Verzweiflung nah mit seinen eigenen Werken hart ins Gericht geht, werden nicht nur Fans historischer Werke mit der Zunge schnalzen, sondern ebenso amüsiert sein, wie Freunde abenteuerlicher Fantasy-Lektüre. Vor allem stimmt die Chemie zwischen der sofort sympathischen Milli und dem geheimnisvollen Abaris. Ein tolles Duo, von dem ich unbedingt mehr lesen möchte.

„Die Schattensammlerin“ wurde als Hörspiel konzipiert und ist nun auch in Roman-Form erhältlich. Ursprünglich in zwei Teilen erschienen, beinhaltet das Buch aus dem HEYNE Verlag aber die komplette Geschichte. Es bleibt zu hoffen, dass T. S. Orgel in Zukunft weitere Abenteuer für Milli, Abaris und Goethe nachreichen. Nicht nur, dass Potential dafür vorhanden wäre, es gibt auch gleich noch mehre Andeutungen. Unter anderem wird immer wieder auf vergangene Geschichten eingegangen, die Abaris und Goethe miteinander erlebt haben, ohne diese jedoch zu offenbaren. Sehr clever aufgebaut, die Herren Autoren! Vielleicht werden die beiden uns zu gegebener Zeit aufklären… und Millis Geschichte scheint ebenfalls noch am Anfang zu stehen.

Fazit:

Ein historischer Fantasy-Leckerbissen, an dem auch Freunde düsterer Krimi-Kost Spaß haben dürften. Humorvolle Dialoge, tolle Charaktere und ein winterliches Setting, in das man sehr schnell eintauchen kann. Dazu noch okkulte Mächte, viele Geheimnisse und die eine oder andere Wendung. Ein echtes Highlight, welches sich als perfekte Lektüre für den kommenden Herbst eignet. Ach was, wozu warten… besser gleich ins urige Frankfurt des Jahres 1830 hüpfen und sich auf Mystery-Schnitzeljagd begeben. Sommer hin oder her.

Die Schattensammlerin - Dichter und Dämonen

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