Die Weltenschöpfer - Band 1

  • Memoranda
  • Erschienen: November 2021
Die Weltenschöpfer - Band 1
Die Weltenschöpfer - Band 1
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Michael Drewniok
90°

Phantastik-Couch Rezension vonDez 2021

Phantastische Träume und böses Erwachen

In den späten 1970er Jahren kam die Science Fiction aus ihrem Getto. Bisher galt sie als Schmuddelkind der Literatur, die Sonderlinge lasen, um sich gegenwartsfern unterhalten zu lassen bzw. „vor der Realität zu flüchten“, wie ein zeitgenössisches Vorurteil lautete. Dass sich inhaltlich und formal seit der Ära der „Space Operas“ eine Menge getan hatte, blieb außerhalb der SF-‚Blase‘ weitgehend unbemerkt. Wer hier schrieb, musste sich mit einem Leben in finanzieller Unsicherheit abfinden. Ein breites Spektrum potenzieller Abnehmer sorgte dennoch dafür, dass fleißige Autoren ihr Auskommen fristen konnten.

Die Situation änderte sich spätestens 1977: „Star Wars“ kam in die Kinos. Der buchstäblich grenzenlose Erfolg führte nicht nur zu einer Flut oft ähnlich einspielstarker Filme, sondern steigerte das allgemeine Interesse an der Science Fiction. Der Boom schloss die SF-Literatur ein allerdings nicht Science Fiction an sich, sondern jene SF, die eine erweiterte Leserschaft mit dem bediente, was diese wünschte: ‚Light‘-SF à la „Star Wars“ und „Star Trek“, die den Mustern des traditionellen Abenteuer- und Westernkinos folgten.

Während die Honorare für Autoren, die bereit und fähig waren, solche SF zu liefern, in nie gekannte Höhen stiegen, geriet die Science Fiction in eine Krise. Was zunächst paradox klingt und auch deshalb Charles Platt dazu brachte, sich dem Phänomen zu widmen, erklärt sich schnell: Wenige erfolgreiche Autoren schöpften ab, was die Verlage für SF-Titel im Topf hatten. Für die weniger vom Glück = vom Publikum begünstigten Kollegen sanken die Einnahmen, oder ihre Werke wurde gar nicht mehr veröffentlicht.

Fiktive Zukunftswelten im gegenwärtigen Umbruch

1978 war Charles Platt ein junger Schriftsteller, der sich beherzt in eine unsichere SF-Zukunft aufmachte. Sein Interesse reichte über den Tellerrand hinaus und umfasste das Genre generell. In einem ausführlichen Vorwort gibt Platt ausführlich Auskunft über seine Intentionen. Er spürte, dass eine frische, aber auch bedrohliche Brise über die SF kam, und wollte wissen, ob dies zutraf.

Zwischen 1978 und 1982 reiste Platt durch die USA, bezog aber auch englische SF-Autoren ein. (Er wurde in London geboren.) Dabei ging er durchaus subjektiv vor, sprach kaum Autorinnen an, die es durchaus gab, deren Arbeit ihn aber nicht ansprach. Wenig Enthusiasmus brachte Platt auch der „New-Wave“ entgegen, die in den 1970er Jahren als ‚literarischer‘ Durchbruch der Science Fiction galt. Platt sprang dennoch mehrfach über seinen Schatten und interviewte Schriftsteller wie Samuel R. Delany oder Philip K. Dick, gab aber offen zu, lieber mit Veteranen der klassischen Science Fiction wie A. E. von Vogt, Frederik Pohl oder Robert Sheckley gesprochen zu haben. Insofern ist „Weltenschöpfer“ kein repräsentierendes Werk. Allerdings hat Platt genug Autoren befragt, sodass sich deren Aussagen doch zu einem Gesamtbild fügen.

Die meisten der damals Befragten sind längst tot, weshalb man sich fragen kann, welchen Sinn es macht, eine seit Jahrzehnten so nicht mehr existierende SF-Szene wiederaufleben zu lassen. Doch der historische Wert dieser Sammlung ist unbestritten, obwohl Platt nicht unbedingt in die Tiefe ging. Er versuchte keine fach- bzw. genrespezifische Werkschau, sondern richtete sein Interesse primär auf das Alltagsleben von Autoren. Wie kamen sie zur SF, was trieb sie an, wie verlief ihre Karriere und - ganz profan - wie lebten sie? Schon um 1980 waren die Antworten oft deprimierend: Platt stellte fest, dass viele berühmte und preisgekrönte SF-Autoren unter Existenzängsten litten.

Der Blick nach vorn

Die Interviews wurden von Platt in ihren Entstehungsrahmen gestellt. Er beschrieb auch Gespräche, die einen ungeplanten Verlauf nahmen oder sogar schiefliefen, machte deutlich, wo eigene (oder gegenseitige) Abneigung ein objektives Bild unmöglich machten, legte Widersprüche offen und kommentierte ausgiebig, was er gehört hatte. Hier stellte er abermals klar, dass es zwischen seinen Ansichten und den Äußerungen seiner Gesprächspartner Brüche gab.

Platt hielt sich nicht selten zurück. Er ließ für die Veröffentlichung fallen, was ihm allzu zwiespältig oder gar zu persönlich erschien oder den Interviewpartner in ein schlechtes Licht stellen konnte. In diesem Punkt beweist die Neuausgabe ihren Mehrwert auch für die Gegenwart: Platt hat die Interviews noch einmal und in der Rückschau kommentiert. Dabei wird Neues, Interessantes und Trauriges offenbart. Vielen der einst zuversichtlichen und aussagestarken Autoren war kein glückliches Schicksal beschieden. Sie wurden krank, glitten in die Obskurität ab, nahmen sich manchmal sogar das Leben. (Einstige) Genregröße bietet offensichtlich keine Sicherheit. Platt schließt sich ein; er schreibt schon lange keine SF-Romane mehr, sondern Anleitungen für Computer und Elektronik.

Nach dem Tod seiner Gesprächspartner fühlte sich Platt nicht mehr verpflichtet, deren zwiespältigen Seiten auszuklammern. Er stellt sich damit auf die Seite derer, die schon seit Jahren die scheinbar heile Welt der SF, ihrer kritiklos verehrten Autoren und ihrer angeblich besonders weltoffenen Fans kritisieren. Am weitesten aus der Deckung kommt Platt im Fall Harlan Ellison, mit dem er selbst viele Jahre überkreuz lag. Der gefeierte Autor erweist sich im Rückblick als psychisch gestörter Mann, der seine ‚Feinde‘ bedrohte, schlug, falsch anklagte und niemals Ruhe gab, während er als Schriftsteller und Herausgeber verlosch. Dass Samuel R. Delany sich positiv über Sex unter/mit Minderjährigen äußerte, deutet Platt nur an. Deutlich wird er, als er Isaac Asimov, einen der Großmeister der SF, als notorischen Grabscher und plumpen Lüstling outet, der starb, bevor ihn #MeToo zur Rechenschaft ziehen konnte.

Lesebuch für Fans

Charles Platt veröffentlichte seine Interviews in zwei Bänden 1980 bzw. 1983. Er präsentierte nicht das gesamte Material, weil einige befragte Autoren inzwischen ihr Veto eingelegt hatten oder Platt manches Gespräch als informationsfreien Misserfolg abbuchte. In Deutschland erschien der erste Band 1982 unter dem Titel „Gestalter der Zukunft“ im kurzlebigen Hohenheim-Verlag. Doch zu wenige Leser wollten hinter die Kulissen ‚ihres‘ Genres blicken (bzw. dafür zahlen).

Deshalb ist es erfreulich und lobenswert, dass der Memoranda-Verlag einen neuen Anlauf nimmt. Nicht einmal in den USA ist Platts „Weltenschöpfer“-Serie so komplett und umfangreich wie diese Ausgabe. Der Autor hat seine Texte überarbeitet, dabei noch einmal die weiterhin brauchbaren Tonbandaufzeichnungen zu Rate gezogen und die Lücken zur Gegenwart mit neuen Informationen geschlossen.

Dieses Mal sollen sämtliche Texte erscheinen - nicht in zwei, sondern in drei Bänden. Man kann dem Projekt nur Erfolg wünschen. Ungeachtet seiner manchmal erratischen Fragen, die ein Konzept vermissen lassen, ermöglicht Platt einen wichtigen Blick auf das Leben von SF-Autoren. Er räumt gleichzeitig mit beinahe mythisch gewordenen, auf Anekdoten setzenden Viten auf und macht deutlich, dass die „Weltenschöpfer“ gar nicht selten einen (zu) hohen Preis für ihr Bemühen zahlten, zukünftige bzw. alternative Welten jenseits der Mainstream-Trivialität zu beschreiben.

Fazit:

Erster Band einer Sammlung von Interviews, die zwischen 1978 und 1982 mit SF-Autoren geführt wurden. Die Texte wurden überarbeitet und ergänzt, was den weiterhin lesenswerten, auch gut geschriebenen Beiträgen eine zusätzliche Informationsebene schafft.

Die Weltenschöpfer - Band 1

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