Monster auf der Couch: Der rätselhafte Fall der verschwundenen Psychologin

  • Penhaligon
  • Erschienen: März 2022
Monster auf der Couch: Der rätselhafte Fall der verschwundenen Psychologin
Monster auf der Couch: Der rätselhafte Fall der verschwundenen Psychologin
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Marcel Scharrenbroich
50°

Phantastik-Couch Rezension vonApr 2022

Der Nächste, bitte…

Sitzung für Sitzung

Eine namentlich nicht näher genannte Psychotherapeutin machte sich mit einem ziemlich wahnwitzigen und gleichzeitig einzigartigen Modell selbstständig. Arbeitete sie zuvor noch in einem psychologischen Krisendienst in Stockholm, machte sie in dieser Zeit Bekanntschaft mit Patienten, denen es tatsächlich gelungen war, Jahrhunderte durch die Zeit zu reisen. Die Hilfesuchenden erhofften sich, in unserer Gegenwart Lösungen für ihre Probleme zu finden, die in ihrer eigenen Zeit noch nicht behandelt werden konnten. Klingt logisch… und verrückt. Aber solche Wörter verwenden wir nicht gerne… logisch. Zumindest nicht, wenn es um Zeitreisende geht. Und schon gar nicht, wenn es sich dabei um die Apparatur eines gewissen Mr. Wells handelt…

Jedenfalls empfing die Therapeutin seit dieser Zeit Besucher des 18. und 19. Jahrhunderts, was nicht selten zu interessanten Verwicklungen führte. Zum einen, weil die Therapeutin eine Frau, lesbisch, selbstbewusst und dazu noch durch eine künstliche Befruchtung schwanger war, was vor allem ihre männlichen Patienten mit ihren veralteten Weltanschauungen komplett schockierte. Zum anderen, weil es sich bei den Patienten nicht um x-beliebige Personen handelte, sondern etwa um Dr. Henry Jekyll („Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ (1886) von Robert Louis Stevenson), Vampirin Carmilla und ihre Geliebte Laura („Carmilla“ (1872) von Sheridan Le Fanu), Viktor Frankenstein nebst Gattin und im Hobbykeller selbst zusammengeklöppelter Schöpfung („Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ (1818) von Mary Shelley) und den bis in die goldenen Haarspitzen selbstverliebten Dorian Gray („Das Bildnis des Dorian Gray“ (1891) von Oscar Wilde). Wer mit diesen illustren Gesellen vertraut ist, wird nicht abstreiten können, dass die Figuren das eine oder andere Problemchen mit sich herumschleppten. Für die Therapeutin derart interessant, dass sie sich mit einem geplanten Buchprojekt über ihre Patienten an einen Verlag wendete. Sorgsam transkribierte sie ihre Video-Aufzeichnungen der Sitzungen, korrespondierte darüber mit ihrer Mentorin, machte sich Notizen in ihr Arbeitsheft und hielt flüchtige Gedanken fest. Allerdings fehlt seit mehr als einen Monat jede Spur von ihr. Ihre Frau ist in höchster Sorge. Lediglich ihre zahlreichen Akten wurden gefunden. Können diese Dokumente letztendlich Hinweise darauf liefern, was sich zuvor abspielte?

Gespalten

So kurz lässt sich die Handlung von „Monster auf der Couch - Der rätselhafte Fall der verschwundenen Psychologin“ zusammenfassen. Der Plot ist interessant und durchaus innovativ, so viel muss man den Autoren Jenny Jägerfeld und Mats Steinberg, denen die Idee beim gemeinsamen Besuch eines „Frankenstein“-Theaterstücks kam, lassen. Allerdings hapert es enorm bei der Umsetzung… doch zuerst zu den positiven Aspekten: Die kreative Idee, literarische Phantastik-Schwergewichte auf die Couch zu packen, damit diese in unserer Gegenwart über ihre Probleme sprechen, hatten wir schon genannt. Ebenso kreativ ist die Aufmachung des gebundenen Buches. Für die Haptik haben wir allein drei verschiedene Veredelungen auf der Oberfläche des Hardcovers. Innen geht es mit gestalterischer Vielfalt weiter. Je nachdem welches Medium zur Kommunikation verwendet wurde, finden wir beispielsweise handschriftliche Notizen, Gedanken der Psychologin, die diese in ihr Arbeitsheft geschrieben hat, Mails, Postkarten und hier und da sogar mal ein Diagramm, Zeitungsartikel oder Landkarten. Obendrein gibt es ein paar sehr schöne Zeichnungen von Elin Sandström. Die Sitzungen, die sie mit ihrer Kamera aufgezeichnet hat, wurden in Interview-Form transkribiert. Auf den Seiten finden sich - neben schnellen Notizen in krakeliger Schreibschrift - gelegentlich Verschmutzungen, Gläserränder oder gar Blutspritzer. Eine Idee, noch besser funktioniert hätte, wären diese Effekte farblich hervorgehoben. Gehen wir aber einfach mal davon aus, dass uns im Buch nur Kopien der gefundenen Dokumente vorliegen, und die blutigen Originale sich in sicherer Obhut befinden. So… nun muss ich den kleidsamen Jekyll-Mantel aber ablegen und in den verschlissenen Zwirn von Mr. Hyde schlüpfen, da es jetzt auch schon vorbei ist mit dem Lob…

Beginnen wir damit, dass „Monster auf der Couch“ für seine 464 Seiten erstaunlich wenig Inhalt bietet. Vor allem für Kenner der Geschichten der Therapierten. Da haben die meisten Leserinnen und Leser der Psychologin wohl einiges voraus, da diese wohl weder mit Jekyll & Hyde, noch Viktor Frankenstein, dessen Schöpfung oder Dorian Gray vertraut scheint. In Zeiten, wo selbst jedes mögliche Tinder-Date vorab vorsorglich durch eine Suchmaschine gejagt wird, reichlich unwahrscheinlich. Beziehungsweise fragt man sich, ob Frau Therapeutin bislang unter einem Stein gelebt hat, dass sie so viele Jahre ohne Berührungspunkte mit phantastischer Weltliteratur durch eben jene gehen konnte. Bei einem Patienten kommt sie schließlich doch auf den Trichter, vielleicht mal Dr. Google zu Rate zu ziehen, jedoch erscheint das dann letztendlich schon wieder erzwungen, um die dünne Rahmenhandlung irgendwie Richtung Höhepunkt zu lenken. Liest sich der Klappentext um eine verschwundene Psychologin, deren blutbeschmierte Aufzeichnungen den einzigen Anhaltspunkt zu ihrem Verbleib liefern sollen, noch ziemlich reißerisch, ebbt die Hoffnung auf clevere Spannungslektüre mit Rätsel-Charme schnell ab. Im Grunde finden wir vier Abschnitte mit den wechselnden Patientinnen und Patienten, deren Zusammenhang allein darin besteht, dass die Psychologin in ihren Notizen hier und da Vergleiche zwischen ihnen anstellt. Autorin Jenny Jägerfeld ist neben ihrer Arbeit als Schriftstellerin selbst Psychologin, was erklären könnte, warum sie sich hier auf sicherem Terrain bewegt und selten aus der Komfortzone kommt. So laufen die Sitzungen immer nach dem gleichen Schema ab: Kennenlernen, ablehnendes Verhalten der Patienten, Sondierung der Probleme, Annäherung, Lösungsansätze. Dabei blitzt immer wieder das Privatleben der Therapeutin durch, die den Lesern aber dennoch fremd bleibt. Eine Beziehung zu ihr konnte ich nicht aufbauen, weshalb der Grund ihres Verschwindens mich von Sitzung zu Sitzung weniger interessierte. Warum ausgerechnet alle vorkommenden Namen, bis auf die der Patienten, geschwärzt wurden, ist eine andere Frage, die mich persönlich aber nicht mehr um den Schlaf bringen wird.

Diagnose:

Gut gemeint, viel gewollt, wenig geliefert. Die optischen Gimmicks sind schon das Highlight dieses Buches, von dem ich mir deutlich mehr erwartet hätte. Die Sitzungen verlaufen zwar größtenteils authentisch und zeigen, dass die Autoren im Kern wissen, wovon sie da schreiben, lassen jedoch enorm viel Potential liegen. Außerdem würde ich die Therapeutin im Buch nicht weiterempfehlen, da sie es mit ihrer Schweigepflicht recht locker hält und ihre emotionalen Einschübe nicht gerade Professionalität ausstrahlen. Insgesamt eine sehr trockene Leseerfahrung, die die Berühmtheiten der Schauerliteratur nur oberflächlich analysiert und viel zu spät versucht, das Ruder in Richtung Spannung herumzureißen.

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