Kälter als die Hölle

Erschienen: August 1993

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Michael Drewniok
16-facher Horror in Eis und Schnee

Rezension von Michael Drewniok Jan 2022

16 Erzählungen thematisieren Frostkälte und Schneegestöber als Ursache ganz unterschiedlicher Schrecken, die buchstäblich Schauer über Leserrücken jagen:

- Tim Sullivan: Vorwort (Introduction), S. 7-12

- Gary Brandner: Eiskinder(The Ice Children), S. 13-32: Die Untersuchung eines historischen polaren Lagerplatzes stört die Geister derer, die ebenfalls dort hausen.

- Chet Williamson: Das erste Mal(First Kill), S. 33-46: Die Winterjagd nimmt einen unerwarteten Verlauf, denn aufs Korn werden dieses Mal die Jäger genommen.

- Edward Bryant: Kälter als die Hölle(Colder Than Hell), S. 47-64: Ein Blizzard hält das Paar in ihrer abgelegenen Hütte fest, während er den Verstand verliert.

- Michael Armstrong: Der Kikituk(The Kikituk), S. 65-106: Sein Hirn wurde schon vor der Geburt alkoholgeschädigt, weshalb ein alter, böser Schutzgeist ihm einflüstert, dass er sich für sein Schicksal rächen sollte.

- Deann Wesley Smith: Der Weihnachtsgeist(The Christmas Escape), S. 107-114: Sie ist sie zur endlosen Wiederkehr verdammt, bis jemand den Mut aufbringen wird, ihr den Weg zur Erlösung zu zeigen.

- Michael D. Toman: Eiskalte Alpträume(A Winter Memory), S. 115-142: In einer besonderen Winternacht mischen sich Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart.

- Graham Masterton: Der sechste Mann(The Sixth Man), S. 143-166: Die tragisch gescheiterte Südpol-Expedition von Robert F. Scott 1912 erfährt viele Jahrzehnte später einen gruseligen Epilog.

- Melanie Tem: Das Eis bricht(The Ice Downstream), S. 167-180: Nach dem Unfalltod des Bruder herrscht im Haus buchstäblich Eiseskälte.

- Barry N. Malzberg: Es werde Licht(Morning Light), S. 181-190: Unglücklichen Schriftsteller scheint oft der Tod einen Ausweg zu bieten; die Erkenntnis dieses Irrtums kommt dann zu spät.

- Nancy Holder: Bring mir den Kopf von Timothy Leary(Bring Me the Head of Timothy Leary), S- 191-206: Im eisigen Winter irgendwo abgestürzt, überleben nur Tom McWilliams und eine junge Stewardess, die rasch dem Wahnsinn verfällt.

- Gregory Frost: Der Bus(The Bus), S. 207-224: Der obdachlose Säufer Driskel glaubt ganz unten angekommen zu sein, aber da irrt er sich grässlich.

- Steve Rasnic Tem: Adleparmeun(Adleparmeun), S. S. 225-240: Der zum Sterben auf dem Eis zurückgelassene Inuit-Junge wurde zwar gerettet, aber seine Seele hatte ihn schon verlassen und sucht seither nach ihm, der dem darüber zornigen Tod entkam.

- Gregory Nicoll: Der Erde zu nahe(Close to the Earth), S. 241-258: Der warme Zufluchtsort in der kalten Provinz hat ein chemietoxisch verursachtes Eigenleben entwickelt.

- Tim Sullivan: Das Jenseits des Jerry Witham(Snowbanks), S. 259-290: Jerry gräbt seine Schneehöhle dorthin, wo ihn sein persönlicher, seltsamer Himmel erwartet.

- A. R. Morlan: St. Jackaclaws(St. Jackaclaws), S. 291-308: Einsame, zornige Menschen können sich an einen besonderen ‚Heiligen‘ wenden, doch der Preis für seine ‚Hilfe‘ ist hoch.

- S. P. Somtow: Der Pavillon der gefrorenen Frauen(The Pavilion of Frozen Women), S. 309-364: Zwei einsame Menschen treffen sich in der Fremde, um dort einer uralten Kraft buchstäblich in die Fänge zu geraten.

- Copyrightvermerke, S. 365/66

Eis und Kälte = Doppelung des Schreckens

Schon die Dunkelheit wird zum Problem, ist man von der Existenz übernatürlicher (Natur-) Kräfte überzeugt; vor nicht gar zu langer Zeit war diese Furcht noch Allgemeingut, und wenn wir ehrlich sind, sorgt Lichtlosigkeit vor den Augen auch heute für Unbehagen. Es lässt sich steigern, wenn es zudem richtig kalt ist, denn Kälte lähmt den Körper und den Geist. Diffuses Winterlicht begünstigt Täuschungen, bietet feindlichen (Un-) Wesen und düsteren Mächten Deckung. Hoher Schnee und Eis bremsen die Flucht. Zu schlechter Letzt kann Kälte allein umbringen, ist man ihr zu lange ausgesetzt.

Diese und andere Angstvorstellungen haben 16 Autoren für diese Sammlung thematisiert. Sie ist gewissenmaßen das Spiegelbild einer früheren Edition, für die Herausgeber Sullivan Storys zum Thema „Hitze“ zusammenstellte (dt. „Heiße Angst“). Auch unter intensivem Sonnenlicht kann das Böse gedeihen, aber es fällt leichter, sich zu fürchten, wenn sich ohnehin die sprichwörtliche Gänsehaut einstellt. Womöglich gibt es einen abgelegenen Winkel im Menschenhirn, das ‚Erinnerungen‘ an eine Vergangenheit speichert, in der wir es nicht nur mit bösen Geistern, sondern auch Höhlenbären, Wölfen u. a. hungrigen Ungetümen zu tun hatten.

Kälte konserviert außerdem, weshalb Schrecken der Vergangenheit sich womöglich nicht gnädig auflösen, sondern quasi ewig auf neue Opfer warten, was Gary Brandner (1933-2013), Graham Masterton (*1946), Steve Rasnic Tem (*1950) und

Gregory E. Nicoll (*1958) im soliden Horror-Modus, d. h. recht anschaulich bzw. drastisch darzustellen wissen. Brandner, Masterton, Tem sowie Michael Armstrong (*1956) verankern ihre Geschichten in der Inuit-Folklore. Die einst „Eskimos“ genannten Bewohner der nordpolnahen Regionen mussten in einer rauen, lebensfeindlichen Umgebung überleben. Dies begründete eine besonders intensive Naturmystik, die dem nicht selten brutalen Alltag Rechnung trug und für Wesenheiten sorgte, die überaus horrortauglich sind.

Mit dem Frost kommt es über dich

Vor Kälte kann man sich schützen. Allerdings wird die Zuflucht zur Falle, wenn man sie nicht verlassen kann. Geografische Abgelegenheit verstärkt die Isolation (Edward Bryant [1945-2017]), aber wenn es schneit und stürmt, kann dich das Unheil auch mitten in der heimatlichen Stadt auf menschenleerer Straße treffen, denn das Böse friert nicht und nutzt seine Chance dorthin vorzudringen, wo es nun unbemerkt bleibt (Frost, Tem).

Selbstverständlich entging es unseren Geschichtenerzählern nicht, dass sich die Kälte des Klimas auf die Kälte des (menschlichen) Herzens übertragen lässt. Melanie Tem (1949-2015) erzählt von einer Trauer, die buchstäblich zu Eis gefrieren lässt. Tim Sullivan (*1948) lässt den von seinen Eltern vernachlässigten Jerry unter dem Schnee eine (nur für ihn tröstliche) Zuflucht finden, während Arlette Renee Morlan (1958-2016) den Zorn des ebenfalls unglücklichen Kent Gestalt annehmen und wüten lässt. Frost geht das Thema aus einer anderen Richtung an. Er findet ein grausames Bild für eine Gesellschaft, die ihre Außenseiter nicht nur an den Rand drängt, sondern letztlich im wahrsten Sinn des Wortes verheizt.

Gesellschaftskritik üben auch Armstrong, Nicoll und vor allem S. P. Somtow (d. i. Somtow Papinian Sucharitkul, *1952), der dies freilich so forciert, dass der durchaus gelungene Horror-Plot seiner Erzählung letztlich Mühe hat ein Eigenleben zu entwickeln: „Der Pavillon der gefrorenen Frauen“ wird quasi zum Memento für sämtliche Minderheiten dieser Welt. Betont nüchtern bleibt Chet Williamson (*1948), der auf übernatürliche Elemente völlig verzichtet. Er beschränkt sich auf ein Grauen, dass so nur das menschliche Hirn ausbrütet. Es schlägt jeden Spuk, zumal Williamson genau weiß, wie er für Wirkung sorgen muss.

Es spukt, und zufällig ist gerade Winter …

Nicht alle präsentierten Geschichten müssten unbedingt in Eis und Schnee spielen. (Winkt ein Ankauf, sorgt ein Profi-Autor mit einigen Kunstgriffen rasch für das gewünschte Winterklima …) Dean Wesley Smith (*1950) erzählt eine klassische Geistergeschichte, die er durch einen starken Twist krönt und den Spuk mit realer Alterseinsamkeit konfrontiert: Hier sorgt nicht das Jenseits für Unbehagen. Nancy Holder (*1953) schaltet mehr als einen Gang höher und erreicht beinahe „Splatterpunk“-Niveau, wenn sie eine in den Irrsinn abgleitende Flugbegleiterin eine Axt finden lässt; nichtsdestotrotz will sich der vom Herausgeber angekündigte Schock nicht einstellen. Horror-Fans der Gegenwart sind längst ganz andere Dimensionen des Schreckens gewöhnt. Außerdem wirkt Holders Höhepunkt nicht wirklich plausibel.

Michael D. Toman (*1949) kreuzt Horror und Science Fiction und lässt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinandertreffen, wobei die lange rätselhaft bleibenden Ereignisse nach und nach enthüllt werden und für eine gelungene Finalauflösung sorgen. Weniger erfolgreich ist Barry Nathaniel Malzberg (*1939), der eine simple Idee allzu ehrgeizig und symbolbefrachtet angeht und dadurch über das Ziel hinausschießt: Einmal mehr bedient er sich der Phantastik, um seine pessimistische Weltsicht bzw. seine Frustrationen als nur bedingt gewürdigter Schriftsteller auszudrücken - und wie so oft zeigt sich, dass eine sinnvoll in die Handlung integrierte ‚Botschaft‘ wirksamer (Williamson, Smith, Sullivan) als der erhobene Zeigefinger ist (Holder, Somtow, Armstrong, Frost).

Fazit:

Wie so oft ist auch diese Story-Kollektion nicht durchweg gelungen, wobei das Urteil je nach Lesergeschmack unterschiedlich ausfallen dürfte. Prinzipiell ist für jeden Phantastik-Fan etwas dabei, das Niveau insgesamt überdurchschnittlich, auch wenn das Oberthema manchmal eher pflichtschuldig berücksichtigt wird.

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