Duddits

Erschienen: Januar 2001

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Michael Drewniok
Verschworene Freunde im Kampf gegen hinter(n)listige Aliens

Buch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2006

Joe „Biber“ Clarendon, Tischler mit Zwangsstörungen; Pete Moore, alkoholsüchtiger Autoverkäufer; Henry Devlin, depressiver Psychiater kurz vor dem Selbstmord, und Gary „Jonesy“ Jones, College-Dozent, der sich von einem schweren Autounfall erholt: Ein unsichtbares Band verbindet die Freunde - buchstäblich, denn das Quartett verfügt über hellseherische Kräfte. Trotzdem sind Biber, Pete, Henry und Jonesy nur Waisenknaben im Vergleich mit Douglas Cavell, genannt „Duddits“, ihren geistig behinderten, telepathisch begabten Freund aus der Kleinstadt Derry im US-Bundesstaat Maine. Ihn hat das Quartett aus den Augen verloren.

Wieder einmal unternehmen Biber, Pete, Henry und Jonesy im Spätherbst einen Ausflug in die Wälder von Maine. Das Vergnügen wird durch einen seltsamen Vorfall getrübt: Aus dem Wald stolpert der Anwalt Richard McCarthy. Er wird seit einigen Tagen vermisst, wirkt desorientiert, geistesabwesend und krank.

Die Wahrheit ist allerdings bizarrer. Unbemerkt hat die US-Nationalgarde den Wald unter Quarantäne gestellt. Seit 1947 führt die Erde einen geheimen Krieg mit Außerirdischen, was streng geheim gehalten wird; dies auch deshalb, weil die einzige ‚Verteidigung‘ darin besteht, in den von Aliens ‚befallenen‘ Gebieten jedes Leben auszutilgen. Die Freunde geraten zwischen die Fronten der „Cleaner“ die vom gnadenlosen, allmählich in den Wahnsinn abgleitenden Abraham Kurtz angeführt werden, und der parasitenhaften Außerirdischen. Den einzigen Weg zur Rettung kennt Duddits, doch der liegt im Sterben ...

Neubeginn unter Schmerzen

Der moderne unheimliche Roman verdankt Stephen King unendlich viel. Sogar die Kritik, die einen erfolgreichen Schriftsteller niemals liebt, hat längst begonnen ihm dies zuzugestehen. Aber die Verfolger holten auf; spätestens in den 1990er Jahren zog eine jüngere Schriftsteller-Generation an King vorbei, die sichtlich verinnerlichte, was er sie gelehrt hatte.

Zudem fuhr im Juni 1999 ein betrunkener Autofahrer den wankenden Meister des Horrors über den Haufen und verletzte ihn beinahe tödlich. Die schwerste Krise in seinem Leben beschrieb King ausführlich in seiner Autobiografie „Das Leben und das Schreiben“ (2000). Der Leser erfuhr von Kings Drogen- und Alkoholsucht, von Depressionen und Selbstmordgedanken, und wunderte sich anschließend nicht mehr, dass vielen späten Romanen das Feuer fehlte.

Der Unfall und die sich anschließenden Monate der Genesung (und des Entzugs) haben King gezeichnet. „Duddits“ ist eine 800-seitige Studie zu den Themen Krankheit, Tod und vor allem Schmerz. Der verunglückte, psychisch und physisch angeschlagene Dozent Jonesy ist eine kaum verhohlene Spiegelung des Autors, aber auch die anderen Figuren tragen seine Züge. Dazu kommt die Geschichte selbst, oberflächlich betrachtet eine Neuauflage von „Das Monstrum“ (1988; auch hierzulande eher unter dem Originaltitel „Tommyknockers“ bekannt).

Eine brutale Lektion

Tatsächlich hat „Duddits“ mit den „Tommyknockers“ wenig gemeinsam. (Allerdings führt der Kontakt mit dem Extraterrestrischen in beiden Fällen zu Zahnausfall.) Die Invasion der grauen Aliens bildet zwar die Grundlage für Kings üblichen Plot vom Einbruch des Grauens in die Alltagswelt ganz normaler Durchschnittsmenschen. Den beherrscht er mit einer Meisterschaft, die im Unterhaltungsroman - zumal im phantastischen - selten ist. Auf der anderen Seite symbolisiert der heimliche Krieg zwischen Menschen und Aliens den Kampf des menschlichen Körpers gegen eine der vielen schleichenden Krankheiten, an die man lieber nicht denkt. Aliens = Krebs, Aids, Alzheimer: Leiden, die scheußlich sind, nicht wirklich geheilt werden können und deren Therapierung meist ebenso drastisch ist wie die Krankheit selbst.

Entsprechende Bilder gibt in „Duddits“ reichlich. Sie schieben sich selten aufdringlich in den Vordergrund. Stephen King zeigt sich in seinem ersten Roman nach dem Unfall in zuletzt seltener Hochform. Ist der Leser zunächst reserviert und vorsichtig, beginnt allmählich der alte, längst verschwunden geglaubte Zauber zu wirken. Ohne dass man es bemerkt, beginnt man sich festzulesen. „Duddits“ ist mehr als 800 Seiten stark, aber das merkt man nicht. Was trügerisch langsam beginnt, legt noch weit vor der Halbzeit an Tempo zu und lässt darin nicht mehr nach.

Spannung und psychologische Tiefenschärfe, dreidimensionale, lebendige Figuren, Sentimentalität und Pathos ohne Kitsch und Peinlichkeit, eine Atmosphäre sich ständig steigernder Bedrohung, der demonstrative Tritt in den Hintern jener Kritiker, die eine ‚gute‘ unheimliche Geschichte daran festmachen möchten, dass sich das übernatürliche Element quasi nur aus dem Augenwinkel erkennen lässt - das ist Stephen King, wie man ihn sich wünscht! Ein weiterer Pluspunkt: Duddits wird nicht zum edlen ‚Vorzeige-Behinderten‘ herabwürdigt. King billigt ihm eine echte Persönlichkeit zu, die einige weniger angenehme Züge einschließt.

Ein wirklich schmutziger Krieg

Mit sicherer Hand bohrt King auch wieder den „Political-Correctness“-Nerv von Zeitgenossen an, die sich als Streiter für Anstand und Ordnung fühlen. Drastischer Horror und Splatter-Effekte, gepaart mit rüdem Humor, sind seit jeher ein Kingsches Markenzeichen. Ist es nicht typisch, dass sich in Literatur und Film Monster, die parasitenhaft im Körperinneren eines Menschen nisten („Ripleys“ nennt King sie - eine seiner gelungenen Anspielungen), stets aus der Kehle oder notfalls aus dem Brustkorb ihres Opfers hervorbrechen, wo es doch eine sehr viel näherliegende Schlupfmöglichkeit gibt? King spielt diese Option durch - konsequent und ohne Rücksicht auf den guten Geschmack!

Auch sonst darf man staunen: Aliens als nicht unbedingt bösartige oder überlegene, sondern in ihrer Fremdheit unerbittliche, undurchschaubare und entschlossene Invasoren - fast hatte man sie vergessen. Dabei taugen sie weiterhin als Bösewichter, wie King eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Natürlich übertreibt es der Meister hier und da; dies kann bei einem Werk dieses Umfangs kaum ausbleiben. Die Figur des irrsinnigen, aber mächtigen und dadurch doppelt gefährlichen Abraham Kurtz (der eigentlich „Coontz“ heißt - kleine Spitze gegen einen erfolgreichen Kollegen) ist zu holzschnittartig geraten. Zwar tritt King mutig die Flucht nach vorn an: Er gibt seiner Figur denselben Namen wie dem direkten Vorbild in Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ und natürlich im Film „Apocalypse Now“ (1979).

Luftverlust im Spannungsreifen

Auf den letzten zweihundert Seiten beginnt die Geschichte ihren Schwung zu verlieren. Das eigentlich als Höhepunkt gedachte Finale zieht sich als banale Verfolgungsjagd in die Länge und mündet in einen wenig aufregenden Showdown. Das heißt allerdings nicht, dass man sich langweilen würde; noch jeder King-Roman hat seine Helden schließlich an den Rand des Berges Orodruin ins Land Mordor geführt.

Anzumerken bleibt, dass King auch „Duddits“ in das dicht gesponnene Gefüge seiner imaginären Geschichte Maines einpasst. Aus anderen Werken bekannte Figuren geben sich an ebenfalls bekannten Orten ein Stelldichein, doch diese Cameos und Crossovers zu identifizieren und aufzulisten überlässt der Rezensent den Hardcore-King-Fans. (Aus Derry kommt übrigens ein Gruß vom bösen Clown Pennywise.)

„Duddits“ ist noch immer der von Stephen King bescheiden-kokett als Ziel seines schriftstellerischen Bemühens apostrophierte „Burger mit Fritten“. Aber das Fleisch ist wieder saftig, die Fritten sind kross, und es gibt Krautsalat und ein Glas Rotwein dazu. Von einem Comeback mag man auch nicht sprechen, denn King war nie verschwunden, aber er hat Boden gut gemacht.

„Dreamcatcher“ - der Film

Schon 2003 wurde „Duddits“ verfilmt. Lawrence Kasdan, der sich mit Filmen wie „Silverado“ (1985), „Die Reisen des Mr. Leary“ (1988) oder „Wyatt Earp - Das Leben einer Legende“ (1994) einen Namen gemacht hatte, inszenierte den Film nach einem selbst geschriebenen Drehbuch. In der Rolle des größenwahnsinnigen Colonel Curtis bot Morgen Freeman eine gute Leistung. Dennoch war „Dreamcatcher“ weder ein Meisterwerk noch ein Blockbuster, sondern vor allem Hollywood-Mainstream: handwerklich perfekt, aber schematisch; spannend, aber nie originell.

Fazit:

Spannende Mischung aus Grusel- und Science-Fiction-Story, die King-typisch Durchschnittsmenschen in eine existenzielle Krise wirft und weder an Emotionen, noch an drastischen Effekten spart: lesenswert.

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