Hasenpfeffer

  • Droemer-Knaur
  • Erschienen: April 1991
Hasenpfeffer
Hasenpfeffer
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Michael Drewniok
35°

Phantastik-Couch Rezension von Michael Drewniok Jan 2022

15 sanfte bis irre Überraschungen

Oft kommt der Verfasser dieser 15 meist kurzen Storys ohne übernatürliches Wirken aus, weil er sich auf die Seiten- und Abwege begibt, die im Menschenhirn lauern:

- George kehrt heim(George Going Home), S. 7-22: Er hat es weit gebracht, aber ein bitter bereutes Versäumnis seiner Jugend treibt ihn zurück in sein Heimatdorf, wo er endlich (bzw. endgültig) den ersehnten Frieden findet.

- Gestohlenes Glück(The Happy Times), S. 23-41: Die unerwünschte Geburt wurde perfekt vertuscht, sodass ihre Folgen bizarr über die ahnungslosen Nachfahren kommen können.

- Ein Geschenk für die Damen(Very Good for the Ladies), S. 43-63: Um einem Schwindler und Wüstling das Handwerk zu legen, wird das Problem buchstäblich an dessen Wurzel gepackt.

- Walt(Walt), S. 65-83: Mit seiner letzten Schöpfung wird Spezialeffekt-Techniker und Kinderhasser Walt definitiv in die (Kriminal-) Geschichte eingehen.

- Die Macht der Presse(The Power of the Press), S. 85-97: In einem abgelegenen italienischen Dorf sorgt ein Missverständnis dafür, dass ein junges Paar spurlos verschwindet.

- Tätowierung(Tattoo), S. 99-111: Der neue Körperschmuck macht sich buchstäblich selbstständig und veranlasst den Träger zu ungeheuerlichen Taten.

- Fortsetzung(Continuing Saga), S. 112-138: Diese gegenseitige Abneigung ist auch deshalb so ausgeprägt, weil sie seit dem Mittelalter schwelt.

- Sobald die Zeit gekommen ist(When the Time Comes), S. 139-176: Sein Ehrenkodex folgt antiken japanischen Vorgaben, was ein modernes Zusammenleben kompliziert und gefährlich macht.

- Hasenpfeffer(Rabbit Pie), S. 177-185: Der Killer soll ein Informationsleck stopfen, aber er teilt die Gewissensnöte seines Opfers.

- Selbstüberlistung - Die irische Version(Irish Joke), S. 187-194: Die Tücke des Objekts wird kritisch, sobald mit selbstgebauten Bomben hantiert wird.

- Nicht umdrehen(Don‘t Look), S. 195-197: Die Neugier des Menschen sorgt für die ständige Fortsetzung einer grotesken urbanen Legende.

- Eine tolle Kiste(Knocker), S. 199-215: Alle hat der Antiquitätenhandler über den Tisch gezogen, aber dieses Mal gerät er an seinen Meister.

- Fang an zu zählen(Start Counting), S. 217-226: Der Pechvogel hat herausgefunden, dass ihn seine Frau betrügt, doch er schüttet sein Herz jemandem aus, der den Zorn des Hahnreis für seine Zwecke nutzt.

- Kleine braune Männer(Little Brown Men), S. 227-240: Dass er in der Menge lauert, weiß der Geheimdienst, aber der Attentäter kann auf ein ihm nützliches Vorurteil setzen.

- Nach altem Brauch(As Custom Would Have It), S. 241-255: In guten und in schlechten Tagen wollte er seine exotische Gattin ehren; als er sein Versprechen bricht, fällt auf ihn zurück, wovor sie ihn bewahrt hatte.

Der Schein trügt mit unerwarteten Folgen

Brian Clemens (1931-2015) hat uns Älteren viel Freude in einer TV-Ära bereitet, die hierzulande öffentlich-rechtlich sowie deshalb bigott und überwiegend langweilig war. Für das britische Fernsehen schuf er Serien wie „Danger Man“ (dt. „Geheimauftrag für John Drake“, 1960/62 bzw. 1964/65) und vor allem „The Avengers“ bzw. „The New Avengers“ (dt. „Mit Schirm, Charme und Melone“, 1961/69 bzw. 1976/77), die für ebenso spannende wie unkonventionelle Unterhaltung sorgten.

Mehr als ein halbes Jahrhundert war Clemens aktiv. Obwohl sein Stern allmählich zu sinken begann, blieb er als erfahrener Drehbuchautor, der genau wusste, wie man Unterhaltung möglichst publikumswirksam auf den Bildschirm bringt, auch nach dem Millennium gefragt. „The Avengers“ und hier die Ära John Steed/Emma Peel sorgten dafür, dass Clemens in die Ehrenhalle der TV-Historie einging. Für die Zeitlosigkeit dieser Episoden sorgte das Spiel mit der Realität, die durch bizarres Geschehen unterlaufen und bereichert wurde.

Dies prägt auch die hier gesammelten Erzählungen - oder soll sie prägen, denn Clemens scheitert an seinem eigenen Anspruch. Ihm war es wichtig zu zeigen, dass die Realität nur eine Definition der menschlichen Mehrheit darstellt; eine Definition mit zahlreichen Lücken, die Clemens aufgreift und thematisiert: Eins plus Eins mag in der Addition Zwei ergeben, doch das Leben nimmt ohne mathematische Konsistenz seinen Lauf und schlägt dabei interessante (und fatale) Haken.

Voller (selten positiver) Überraschungen

Brian Clemens war definitiv ein talentierter Drehbuchautor, aber als Erzähler, der sich auf Worte stützt, die nicht durch Bilder untermalt werden, schießt er einen Bock nach dem anderen. Ein zentrales Manko ist sein Verständnis von „Überraschung“. In der Regel zielt Clemens auf einen Knalleffekt, der mit dem letzten Satz gezündet werden soll. Allerdings bleibt die angestrebte Wirkung unerfreulich oft aus.

Der Verfasser favorisiert eines sich an die Figuren und die Leser anschleichenden ‚leisen‘ Schrecken, den er entweder nicht beherrscht oder der seine Kraft verloren hat. So etwas kommt vor, weil sich die Zeiten und mit ihnen die Ängste ändern. Mancher Horror ist zeitlos („Tätowierung“), doch Clemens will darüber hinaus ‚originell‘ sein und den Schrecken pointiert auf die Spitze treiben. „Tongue-in-Cheek“ nennt sich diese Methode, deren Erfolg hier mit düsterer Regelmäßigkeit ausbleibt oder gar ins Gegenteil umschlägt.

„George kehrt heim“, „Walt“, „Fang an zu zählen“: Hier kommt Clemens zwar auf den Punkt, doch er überschätzt sein Talent geschmackvoll zu schockieren. Das Finale ist schwach, aber es wird immerhin solide vorbereitet, während mancher aufwändige Gag aus dem Hut gezerrt wird und gänzlich verpufft („Fortsetzung“, „Hasenpfeffer“, „Selbstüberlistung“, „Eine tolle Kiste“), weil sich die vom Verfasser angestrebte Überraschung nicht einstellen will.

Die Macht der Jahre

„Hasenpfeffer“ sorgt vor allem als Zeitzeugnis für Interesse. Brian Clemens schuf zu seinen Lebzeiten Bemerkenswertes. Seitdem ist sein (literarisches) Werk erschreckend gealtert. „Hasenpfeffer“ schockiert oder unterhält nur begrenzt. Darüber hinaus laden seine Storys zum Fremdschämen ein, weil Clemens mit unglaublicher Sicherheit dort Treffer landet, wo man ihm heute Rassismus, Chauvinismus oder eines der zahlreichen anderen Vergehen gegen das politisch Korrekte vorwerfen kann - und dies zu Recht!

Da ist ein Frauenbild, das den Geist einer schwiemeligen „Playboy“-Vergangenheit atmet: Frauen sind stets geil, aber hinterlistig, treulos oder allzu anhänglich („Ein Geschenk für die Damen“, „Fang an zu zählen“, „Nach altem Brauch“). So werden sie jedem Mann zur Plage, dessen Natur (und Recht) es ist, möglichst rasch die Gefährtinnen zu wechseln. Ebenfalls unangenehm wirkt Clemens‘ ‚dramatisierender‘ Einsatz ethnischer Vorurteile. In „Ein Geschenk für die Damen“, „Die Macht der Presse“, „Kleine braune Männer“ oder „Nach altem Brauch“ schildert er empathiearm und durchaus arrogant beschränkte Inder, urtümliche Afrikaner, unkultivierte Italiener oder heimtückische Iren, in denen ‚das Wilde‘ weiterhin lebt und die nur dünne Zivilisations-Tünche durchbricht, was für einen der ‚originellen‘ Final-Gags sorgen soll.

Völlig in die sprichwörtliche Hose geht „Sobald die Zeit gekommen ist“, obwohl (zu) deutlich wird, wieviel Mühe sich Clemens mit der Zeichnung einer von der japanischen Kultur besessenen Figur gegeben hat, deren Treiben dennoch nur obskur wirkt und absolut kaltlässt. Der durchweg elegante Sprachduktus (den die Übersetzung gekonnt bewahrt) kann die inhaltlichen Leerstellen nicht wettmachen.

Fazit:

Obwohl noch nicht wirklich ‚alt‘, haben diese Geschichten eine dicke Staubschicht angesetzt. Die meisten Gags zünden nicht oder bemühen Klischees, die selbst erklärten Gegnern der „political correctness“ zu plump und peinlich sind: Als Storysammlung ein Schrotschuss in den berüchtigten Ofen.

Hasenpfeffer

Brian Clemens, Droemer-Knaur

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