Leichdorf

  • Golkonda
  • Erschienen: März 2022
Leichdorf
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Marcel Scharrenbroich
90°

Phantastik-Couch Rezension vonMai 2022

„Eine Stadt, in der jeder von jedem alles weiß und trotzdem das Lokalblatt kauft, um zu sehen, wieviel davon der Redakteur zu veröffentlichen wagt.“ -Danny Kaye

Amen, Bruder…

Der 1987 verstorbene Schauspieler Danny Kaye - beliebt und bekannt aus Klassikern wie „Das Doppelleben des Herrn Mitty“, „Weiße Weihnachten“ und „Der Hofnarr“ - bringt es mit dem Eingangszitat schon sehr gut auf den Punkt. Lebt man vor allem in einer sehr kleinen Stadt, sollte man meinen, dass man nicht nur seinen direkten Nachbarn sofort entlarven könnte, hätte dieser Dreck am Stecken, sondern dass sämtliche kleinen Geheimnisse eines jeden Einwohners per Tratsch-Post von Gartenzaun zu Gartenzaun weitergegeben werden. Was? Der Herbert von Gegenüber hat eine Leiche in seinem Keller? Ja selbstverständlich weiß ich davon… ich habe sie ja dort abgelegt. Ha! Wenn dann auch noch Horror-Legenden hinzukommen, welche sich seit gefühlten Generationen weitererzählt werden und unzähligen Kindern ebenso unzählige schlaflose Nächte beschert haben, ist das Kleinstadt-Idyll perfekt.

Solch eine Legende findet sich auch in Leichdorf, wo Eltern ihren Kindern, sollten sie nicht brav gewesen sein, mit dem Schneider drohen. Angeblich irrt der Schneider nachts suchend durch den Leichwald, um freche Sprösslinge in seine gruselige Unterkunft zu zerren. Bei vielen Leichdorfern hats gewirkt. Beim frisch verlobten Pärchen Sandra und Roland und auch bei ihrem alten Freund aus Kindheitstagen Ludwig, genannt Dwiggi. Dwiggi hatte der Stadt irgendwann den Rücken gekehrt und sein Erbe auf Reisen durch die Welt verprasst. Gesegnet mit einem Ego, welches selbst aufgeteilt auf alle Einwohner Leichdorfs noch das Fass zum Überlaufen bringen würde, will der chronische Dauer-Single mit seiner Vergangenheit aufräumen und dementsprechend das alte Anwesen seine Eltern entrümpeln. Alles raus, was keine Miete zahlt… oder sich nicht bei Ebay verhökern lässt. Passenderweise steht der Kasten in der Nähe des berüchtigten Schneiderhauses, was Erinnerungen an so manche schlaflose Nacht weckt. Während Roland dem alten Freund tatkräftig unter die Arme greift, möchte Sandra dem Heimkehrer längerfristig etwas Gutes tun. Sie lädt ihre Single-Freundin Barbara zu einem gemeinsamen Grillabend ein. Keine gute Idee, findet zumindest Roland. Und auch Dwiggi ist vom aufgezwungenen Blind-Date eher wenig begeistert. Doch Gegensätze ziehen sich bekanntlich an… selbst wenn wir im Fall von Barbara und Dwiggi von kompletten Gegensätzen sprechen.

Wir folgen aber nicht nur dieser Gruppe, die immer weiter zusammenwächst, sondern blicken auch noch an andere Orte in Leichdorf. Beispielsweise zum Witwer Harald, der sich nach dem Tod seiner geliebten Gerda fast komplett von der Außenwelt isoliert hat. Er sperrt sich gegen jeden Annäherungsversuch, spürt er doch nachts äußerst greifbar die Anwesenheit seiner verstorbenen Frau. Dann treffen wir noch Tschicko, der eigentlich Rudolf heißt, den Spitznamen aber der bedingungslosen Liebe zu seinem Schäferhund zu verdanken hat. Chico war halt kein geläufiger Name in der nordwestlichen Steiermark, weshalb die Kneipenkumpels dem Herrchen schnell ihren Stempel aufdrückten. Chico wurde übrigens von einem Baum erschlagen… tragisch, tragisch. Mit Bäumen scheint Tschicko generell kein gutes Händchen zu haben. Er war es nämlich auch, der Harald Lackners Gattin von einem herabbaumelnd fand…

Direkt zu Beginn lernen wir bereits das Ehepaar Karl und Maria kennen. Zu sehr sollten wir uns aber nicht an sie gewöhnen, denn am Rande des Leichwaldes werden die beiden in einen Autounfall verwickelt. Nicht ganz so tragisch, wie das Schicksal von Gerda oder dem armen Chico, aber da war ja auch noch nicht die helfende Hand des Samariters im Spiel. Wahrscheinlich wären Karl und Maria mit einigen Blessuren und einem gehörigen Schrecken davongekommen, doch der vermeintliche Helfer hat seine ganz eigenen Pläne mit dem Paar. Der Samariter ist nämlich nicht so heilig, wie es den Anschein hat. Hinter dem falschen Grinsen und den leeren Augen steckt eine Bestie, die es liebt, ihren Opfern genüsslich die Haut abzuziehen, und ihre Zähne in ihr saftiges Fleisch zu rammen.

Das Grauen kommt auf leisen Sohlen…

…aber dann: PADAUTZ!!! Dann kommt es mit großen, lauten Schritten und der phantastische Kern entblättert sich Seite für Seite. Lange Zeit gibt es nur wenige Anzeichen für waschechten Horror. Blutige Details blitzen zwar immer wieder durch, doch wird dem Ausbau der Charaktere mehr Beachtung geschenkt. Das war zwar alles andere als langweilig, nur fragte ich mich, wie und wann das Ganze dann in eine andere Richtung kippen könnte. Im Nachhinein bin ich heilfroh, dass Wolfgang Rauh seinen Figuren so viel Aufmerksamkeit geschenkt hat. Sonst wäre „Leichdorf“ wohl nicht der Pageturner geworden, den ich insgeheim erhofft hatte. Obwohl recht früh klargemacht wird, aus welcher Richtung die Bedrohung kommt - und wir dem Wahnsinnigen sogar bei seinen blutigen Taten direkt über die Schulter schauen -, überrascht die Geschichte speziell ab der zweiten Hälfte immer wieder aufs Neue. Das Tempo zieht an, die Angst wird spürbar und der übernatürliche Horror schlägt um sich. Man fiebert mit den sympathischen Hauptfiguren, die man - so fühlt es sich zumindest an - selbst meint bereits aus Kindheitstagen zu kennen. Jeder kennt einen sachlichen und geerdeten Roland, eine gute Seele, wie die kuppelnde Sandra, und ja, auch jeder kennt einen Dwiggi. Jenen Typen, der auf keiner Feier fehlen darf. Einer, der wahrscheinlich Körpergase und anschließend sich selbst in Brand setzt, nur um die ganze Nummer anschließend mit einem schelmischen Grinsen wegzulächeln. Und natürlich Barbara. Eine junge Frau, die nicht nur Narben auf der Seele trägt und schöner wird, je weiter sie aus ihrem Schneckenhaus herauskommt. Ebenso, wie mir der diabolische Antagonist Gänsehaut eingejagt hat, ist mir dieser eingeschworene Kern ans Herz gewachsen.

Fazit:

Kleinstadt-Horror aus Österreich. Und zwar sehr guter! Mit viel Gespür für Charakter-Entwicklung und dem nötigen Quäntchen Wahnsinn, dreht Schriftsteller und Schauspieler Wolfgang Rauh den Spannungs-Regler in den roten Bereich. Das schicke Hardcover mit atmosphärischer Gestaltung aus dem GOLKONDA Verlag möchte man spätestens ab der zweiten Hälfte nicht mehr weglegen. Im Nachwort erzählt Rauh, dass es durchaus möglich wäre, dass er dem einen oder anderen Bewohner von Leichdorf einen erneuten Besuch abstatten könnte. Sollte dem so sein, stehe ich an der Stadtgrenze und winke am Ortsschild freudig mit einem Leichentuch.

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