A Head Full of Ghosts - Ein Exorzismus

  • Festa
  • Erschienen: Juni 2018
A Head Full of Ghosts - Ein Exorzismus
A Head Full of Ghosts - Ein Exorzismus
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Michael Drewniok
85°

Phantastik-Couch Rezension vonMär 2022

Das wirklich Böse ist ganz von dieser Welt

Die Barretts aus Beverly, einer Vorstadt von Boston, Massachusetts, gehören zu den Familien, für die sich der „Amerikanische Traum“ nicht erfüllt. Bisher zum unteren Mittelstand gehörend, droht der soziale Abstieg, nachdem Vater und Alleinernährer John den Job verloren hat. Das Geld geht den Barretts aus, Mutter Sarah fällt es immer schwerer, die Situation vor den Töchtern Marjorie (16) und Merry (8) schönzureden. Der Familienfrieden hängt schief, John beginnt sich in ein fundamentalistisches Christentum zu flüchten, während Sarah Rotwein vorzieht.

Zu allem Überfluss legt die ohnehin pubertierende Marjorie ein zunehmend bizarres Verhalten an den Tag. Sie flucht, spricht mit wechselnden Stimmen, verstört durch Obszönitäten und scheint Dinge zu wissen, über die sie nicht informiert sein sollte. Während Sarah von einer psychischen Erkrankung ausgeht, denkt John an dämonische Besessenheit - eine Ansicht, in der ihn der manipulative Pater Wanderley - sein neuer Mentor - nur bestärkt.

Als Marjorie sich selbst zu verletzen beginnt und seltsame Geräusche durch das Barrett-Haus hallen, wendet sich John hilfesuchend an Wanderley, der einen Exorzismus vorschlägt. Er hat nichts dagegen, dass diese Prozedur ins Fernsehen kommt: Der naive John hat sich auf einen Deal mit einem TV-Sender eingelassen, der ‚Dokumentationen‘ über ‚echten‘ Spuk, Bigfoot u. a. Humbug-Phänomene ausstrahlt.

Marjorie legt sich schwer ins Zeug, um für die notwendige Medienpräsenz zu sorgen. Ihrer Schwester hat sie inzwischen gestanden, keineswegs ‚besessen‘ zu sein, sondern der Familie aus der finanziellen Klemme helfen zu wollen. Doch die Kontrolle entgleitet Marjorie. Möchtegern-Exorzist Wanderley hat keine Ahnung von dem, was er tut, John driftet zunehmend in seinen Glaubenswahn ab, die Fernsehleute ‚würzen‘ den Spuk durch technische Tricks - oder gibt es doch einen Dämon, der Unglück aber die Barretts bringen will …?

Horror der unerwarteten Art

Schon seit einigen Jahren erfreut der Festa-Verlag - der zwischenzeitlich zu einer Veröffentlichungsrampe für Dumpf-Action und Plump-Horror herabzusinken drohte - mit einer thematischen Bandbreite, die inzwischen sämtliche Facetten der Phantastik berücksichtigt und längst über Schmuddel-Spuk und Meuchel-Monster hinausgeht.

Die Reihe „Festa Must Read“ ist stets für Überraschungen gut. Nicht jeder Titel ist bemerkenswert, aber die Trefferquote ist beachtlich. Hinzu kommt wie gesagt ein scheuklappenfreier Blick auf das Genre, wobei Phantastik-‚Grenzfälle‘ ausdrücklich eingeschlossen sind.

„A Head Full of Ghosts“ entspricht diesem Kriterium. (Unter-) Titel und Cover deuten typischen Horror à la „Der Exorzist“ an, was einerseits durchaus seine Berechtigung hat, aber andererseits Leser, die typischen Teufelsspuk erwarten, enttäuschen könnte: Diese Geschichte geht über ein simples Buh!- bzw. Bäh!-Spektakel weit hinaus! Satan hält sich verschüchtert im Hintergrund: Gegen das hier entfesselte Grauen kommt er nicht an!

Überforderte Familie unter Druck

„Jeder von uns ist sein eigener Teufel, und wir machen uns diese Welt zur Hölle“: Diese Version einer altbekannten (Binsen-) Weisheit stammt von Oscar Wilde, der sie im 5. Akt seiner (mäßig erfolgreichen) Theater-Tragödie „Die Herzogin von Padua“ (1883/91) formuliert. Er stellt fest, dass übernatürliche Schrecken unnötig sind, wenn es darum geht, Menschen ins Unglück zu stürzen.

Folgerichtig beschreibt Paul Tremblay in „A Head Full of Ghosts“ eben nicht den im Titel scheinbar angekündigten Tanz der Teufel, sondern präsentiert uns das Psychogramm einer realen Familie, die sich selbst zugrunde richtet und dabei böse, aber ebenfalls menschliche Unterstützung von außen erhält.

Der Untergang der Barretts fällt noch vor jene Ära, in der kriminell gierige Großbanken die Weltfinanzkrise von 2008 auslösten. Die Vorboten sind jedoch bereits spürbar. Zum eigentlichen ‚Fluch‘ der Barretts wird die Finanznot, die wiederum den noch stärker gefürchteten sozialen Abstieg nach sich ziehen wird. Vor allem Vater John ist ratlos: Er hat doch viele Jahre reibungslos in der Arbeitswelt ‚funktioniert‘ und nichts falsch gemacht! Wieso fallen er und seine Familie dennoch durch das Raster?

Sackgassen der Hoffnung

Das System gestattet keinen Neubeginn, wie der „Amerikanische Traum“ ihn suggeriert. Die Folgen sind gravierend, denn die Not sorgt für Depression und Aggression, während die Familie wie in einem Dampfkochtopf allmählich ‚weich‘ gekocht wird. Traditionelle Strukturen lösen sich auf, während und gerade weil die Eltern krampfhaft versuchen, die ‚alte Ordnung‘ irgendwie aufrechtzuerhalten.

Vater Sohn verfällt einem kindischen Glauben, der ihm ermöglicht, Gott die Verantwortung zuzuschieben, die ihn als Familienvorstand überfordert. Mutter Sarah säuft - und Tochter Marjorie, ohnehin pubertätsgeschädigt, entwickelt einen wahnwitzigen ‚Plan‘ auf der Basis jener Lehren, die sie als Kind des Fernsehens und des Internets gezogen hat: Es gibt ein Publikum für ‚interessantes‘ Unglück! Dämonische Besessenheit rangiert dabei weit oben, wenn sie nur glaubhaft genug wirkt.

Die moralfreien Massenmedien der Gegenwart lassen sich wie einst der Teufel heraufbeschwören und - scheinbar - dienstbar machen. Doch letztlich ist der Preis, der dafür zu zahlen ist, zu hoch. Tremblay beschreibt, wie nicht nur das Produktionsteam einer Pseudo-Doku unter die Barretts kommt. Es wird flankiert von einem fanatischen Geistlichen und begleitet von verstrahlten Spinnern, die vor dem Haus der Barretts gegen die ‚besessene‘ Marjorie demonstrieren.

Das verhängnisvolle Zünglein an der Waage

Vielleicht wäre die Sache trotzdem gut ausgegangen, hätte nicht Töchterlein Merry eine ganz besondere Rolle gespielt. Sie erzählt diese Geschichte einer Biografin, die 15 Jahre später ein Buch über die Barrett-Tragödie schreiben will. Parallel dazu schreibt die erwachsene Merry einen Blog, in dem sie selbst über die Ereignisse berichtet und dabei den Fokus auf die ‚Dokumentation‘ richtet, die zu einem Klassiker geworden ist. Merry hat sich als ‚Opfer‘ der Ereignisse zu einer scharfsinnigen Spezialistin für das Horror-Genre entwickelt, die besagte Doku quasi seziert und in den populärkulturellen Hintergrund einsortiert. Autor Tremblay nutzt dies für einen Streifzug durch die Klassiker des Exorzismus-Horrors, wobei er den Film von 1971 in den Mittelpunkt stellt, aber auch dessen Vorgeschichte und (trivial-) kulturellen Folgen schildert.

Die neugierige, trügerisch naive Merry von damals erweist sich als eigentliche Hauptfigur dieser Geschichte. Lange scheint Marjorie diese Rolle zu übernehmen, aber nach und nach enthüllt Tremblay den eigentlichen Schrecken, der zwischen den Zeilen lauert. Es dauert lange, bis man lesend bemerkt, dass man trotz des sachlichen Tonfalls keineswegs eine akkurate Darstellung der Ereignisse erhält. Erst spät ‚gesteht‘ Merry, sich nicht so präzise wie vorgeschützt zu erinnern. Darüber hinaus hat sie offensichtlich gelogen.

Wenn sie der schockierten Biografin nun die ‚Wahrheit‘ erzählt, hat diese begriffen, dass man Merry keinen Glauben schenken kann und darf. Ihre Rolle in der Barrett-Tragödie ist gleichermaßen verschwommen wie unklar: Merry hat ihren Teil dazu beigetragen und den grotesken Schlusspunkt gesetzt. Warum sie dies nun offenbart, bleibt wiederum fraglich - oder gibt es doch einen Dämon, der allerdings nicht in Marjorie gefahren ist …?

Fazit:

Hinterlistig vielschichtige Geschichte einer ‚Besessenheit‘, die eher nicht auf den Teufel zurückgeht, sondern allzu menschliche Ursachen hat. Der Autor enthüllt die Zusammenhänge stufenweise und mit erzählerischem Geschick, wobei er gesellschaftskritische und kulturelle Kritik einfließen lässt: Dieses Böse ist gnadenlos und brutaler als ‚literarischer‘ Horror!

A Head Full of Ghosts - Ein Exorzismus

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