Die letzte Kosmonautin

  • Fischer
  • Erschienen: März 2022
Die letzte Kosmonautin
Die letzte Kosmonautin
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Marcel Scharrenbroich
84°

Phantastik-Couch Rezension vonJun 2022

Happy Birthday, Genosse!

Mauern und andere Hürden

Wir schreiben das Jahr 2029 und die DDR feiert ihren 80. Jahrestag. Moment, die DDwas??? Jawohl, richtig gelesen. Ost und West existiert noch… und das System funktioniert. Die Entdeckung riesiger Ölvorkommen in der Lausitz in den 80er-Jahren katapultierte die DDR in eine Liga mit den Arabischen Emiraten. Europas einzig sozialistischer Stützpfeiler steht felsenfest, Mietraum ist konstant bezahlbar und West-Produkte gibt es ebenfalls frei und an jeder Ecke zu kaufen. Überwachung durch den Staat steht dennoch an oberster Stelle. Individuen, die dem System nicht treu dienen und es in Frage stellen, werden nicht gerne gesehen… um es mal vorsichtig auszudrücken. Einer dieser pflichtbewussten Staatsdiener ist Tobias Wagner, seines Zeichens Abschnittsbevollmächtigter (ABV) beim Ministerium des Inneren. Seit zwanzig Jahren in diesem Job tätig, kennt Tobias deshalb jede Ecke Dresdens in- und auswendig. Und da eine Beförderung in Aussicht steht, würde er nie etwas tun, was seinen beruflichen Sprung nach oben gefährden könnte. So war eigentlich der Plan, doch wie so oft, stellt das Schicksal manchmal Hürden in den Weg, die man nicht umlaufen kann… oder will.

Wagner’s Crossing

Und wie so oft, ist es ein Telefonanruf, der das ganze Leben aus der Spur bringen kann. Im Falle von Leutnant Wagner ist am anderen Ende der Leitung Miriam Lindemann. Jene Frau, in die er während ihrer gemeinsamen Schulzeit Hals über Kopf verliebt war. Mittlerweile ist sie mit dem angesehenen Wissenschaftler Dr. Prassnitz verheiratet, Nationalpreisträger II. Klasse. Allerdings ist dieser spurlos verschwunden, weshalb sich Miriam nun hilfesuchend an den Beamten der Volkspolizei wendet. Tobias verfällt umgehend in alte Teenager-Schwärmereien und obwohl alle verfügbaren Alarmglocken schrill läuten, nimmt er das Risiko in Kauf, dass er seine Beförderung mit Anlauf über die Mauer treten könnte. Das wäre wohl noch das kleinste Übel, wenn er seine Vorgesetzten hintergeht, interne Quellen nutzt und dort herumstochert, wo Geheimnisse lieber im Verborgenen geblieben wären. Die Spur des verschwundenen Physikers, der an der Entwicklung fortschrittlicher Kamera-Systeme für die erste ostdeutsche Raumstation beteiligt war, führt Tobias Wagner in die Lausitz, zu einem riesigen und bestens bewachten Sperrgebiet.

Lautstark im All

Zur gleichen Zeit befindet sich die Kosmonautin Mandy Neumann im tiefsten Weltall. An Bord der Raumstation Völkerfreundschaft ist sie damit beschäftigt, elektrische Kerzen an der Außenhaut anzubringen, damit zum großen Jahrestag medienwirksam einzigartige Bilder des All-Konstrukts auf der Erde übertragen werden können. Diese soll die detail- und kontrastreiche MKF-8-Kamera liefern. Einziger Begleiter in dem Blechkasten ist Bummi, ein spinnenähnlicher Roboter mit ausgefeilter KI. Noch zwei Wochen, dann soll die Ablöse kommen und Mandy kann zurück auf die Erde. Zurück zu ihren geliebten Zwillingen, die sie in Momenten großer Sehnsucht mit Hilfe des Technik-Wunderwerks aus der Ferne beobachtet. Allerdings läuft längst nicht alles nach Plan. Als sich Vorfälle häufen, welche nicht mehr als Missgeschicke oder Kommunikationsdifferenzen zwischen der Kosmonautin und der künstlichen Intelligenz durchgehen, und sogar die Funkverbindung zur Erde ausfällt, beschleicht Mandy Neumann der Verdacht, dass ihre Rückkehr zur Erde vielleicht gar nicht so bald eingeplant sein könnte…

Alles parallel

Da „2029“ und „DDR“ in einem Satz wohl höchst selten vorkommen, sollte klar sein, dass wir es hier mit einer Parallelwelt zu tun haben. Diese wird uns auch schlüssig erklärt. Ebenso die Errungenschaften der modernen Zeit, die passenderweise ohne Anglizismen auskommen. So wird aus einem Handy/Smartphone schlicht und einfach ein Handtelefon. Und aus dem Internet wird das Kybernetz. So weitet Autor Brandon Q. Morris Stück für Stück das Worldbuilding aus, ohne sich zu lange auf einen Punkt zu versteifen. Die Erklärungen werden immer wieder an den passenden Stellen eingeworfen, wodurch der Lesefluss nicht gestört wird. Insgesamt ist der Schreibstil sehr flüssig und dank der parallel verlaufenden Handlungsstränge, bei denen man anfänglich noch rätselt, wie diese denn zusammenlaufen könnten, ist stets für Abwechslung gesorgt. Hat der irdische Teil um Tobias Wagner und der verführerischen Femme fatale Miriam noch richtigen Noir-Charakter, bei dem der Ermittler immer tiefer in einen Sumpf gezogen wird, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint, herrscht in der Stille des Weltalls klaustrophobische Enge, was einem Kammerspiel mit „2001“-Anleihen anmutet. Bemängeln muss ich zwar, dass der gesetzestreue Abschnittsbevollmächtigte Tobias trotz seiner Einführung als Beamter, der seinen Dienst ohne Gewissen auszuüben scheint, innerhalb eines einzigen Telefongesprächs zum rotbäckigen Liebes-Kasper mutiert, aber irgendwie muss der Motor ja ans Laufen kommen. Das gelingt und die Story nimmt schnell an Fahrt auf. Tatsächlich schlägt sie später derart Haken, dass man sich fragt, ob man noch das gleiche Buch liest. Morris überrascht hier mit abenteuerlichen und gleichsam phantastischen Wendungen, die man nur schwer vorhersehen kann.

Fazit:

Kein schwer verdaulicher Hard-Sci-Fi-Brocken, der massig Zeit darauf verwendet, technische Kinkerlitzchen zu erklären, sondern ein spannender Sci-Fi-Noir-Krimi mit vielen Überraschungen, Dramatik und reichlich Abwechslung. Eine detailliert beschriebene DDR der Zukunft (einer dieser Sätze, von denen man nie gedacht hätte, dass man sie mal verwendet…), in der man nicht zwingend leben möchte. In diesem Sinne: Happy Birthday!

Die letzte Kosmonautin

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