Mary

  • btb
  • Erschienen: September 2022
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Lisa Reim-Benke
70°

Phantastik-Couch Rezension vonOkt 2022

Wie entstand „Frankenstein“?

Dr. Frankenstein und sein Monster kennt so gut wie jeder. Doch nicht viele kennen die Autorin hinter dem bahnbrechenden Werk oder wissen überhaupt, dass der Horror-Klassiker von einer Frau geschrieben wurde: Im Jahr ohne Sommer 1816 trafen Mary Shelley (damals noch Mary Godwin), Percy Shelley, Lord Byron, John Polidori und Marys Schwester Claire am Genfer See zusammen. Die Literaten traten zum Wettstreit um die beste Schauergeschichte an, wobei Polidori uns den ersten überlieferten Prosa-Vampirtext („Der Vampyr“) lieferte und Mary Shelley „Frankenstein“. Doch wie kam die erst 19-Jährige dazu, sich eine Geschichte über einen Wissenschaftler auszudenken, der aus Leichenteilen ein Monster erschafft? Woher nahm sie die philosophischen Ansätze über Verantwortung, Verlust und Rache? Anne Eekhout präsentiert mit „Mary“ dazu eine ganz eigene Theorie.

Der blinde Fleck in Mary Shelleys Leben

1812 reiste Mary nach Schottland, um einige Zeit bei der Familie von William Baxter zu leben. Über diese Zeit ist nur wenig bekannt; Tagebuchaufzeichnungen gibt es nicht, selbst über den Grund für den Besuch kann nur spekuliert werden genauso wie über die Art von Marys Beziehung zu Isabella Baxter, eine der Töchter Williams. Anne Eekhout hat sich dieser undurchsichtigen Episode in Mary Shelleys Leben angenommen und sich überlegt, wie die Erlebnisse in Schottland die Entstehung „Frankensteins“ beeinflusst haben könnten.

Eekhout etabliert in ihrem Roman zwei Zeitebenen: Marys Zeit bei den Baxters und der Besuch des Genfer Sees vier Jahre später. In Schottland steht Marys Beziehung zu Isabella im Vordergrund, wobei der Roman immer haarscharf an der Verkitschung vorbeischrammt. Mary wird sich ihrer verbotenen Gefühle immer mehr bewusst und ist dabei merkwürdig fixiert auf Isabellas und ihre eigenen Brüste. Letzteres trägt nicht dazu bei, die Verbindung der beiden Mädchen glaubhaft in Szene zu setzen, wodurch die Gefühle aus dem Nichts zu kommen scheinen.

Interessanter (und mitunter sogar spannend) ist dagegen, was Mary und Isabella mit dem mysteriösen David Booth erleben. Dieser scheint nämlich ein dunkles Geheimnis zu haben, dem die beiden auf die Spur kommen. Die Stimmung wird immer düsterer, es geht viel um Tod, Krankheit, innere Konflikte und Verzweiflung. Irgendwann kommen dann noch Schlangen, Monster und surreale Situationen hinzu – bis alles wie ein wirrer Fiebertraum wirkt, bei dem man nicht mehr weiß, was wirklich passiert ist und was nicht. Obwohl bei den Baxters einiges los ist, scheint der Besuch keine große Tragweite zu haben, denn immerhin erinnert und erwähnt Mary diese Episode in ihrem Leben im zweiten Handlungsstrang des Romans mit keinem Wort.

Eine toxische Gemeinschaft am Genfer See

In der Schweiz hat Mary ganz andere Probleme, die im Gegensatz zu den Ereignissen in Schottland auch biografisch belegt sind: Der Tod ihrer Tochter stürzt sie in eine Depression und Percy lebt das Konzept der freien Liebe lebhafter aus, als es Mary lieb ist. Dieser Handlungsstrang ist in Anne Eekhouts Version geprägt von einem schädlichen Beziehungsgeflecht, zu dem auch Lord Byron, Polidori und Claire beitragen, und viel Drama und Tragik. Das Jahr ohne Sommer sorgt dabei für das entsprechend düstere Setting, das immer wieder für plumpe Wetter-Metaphoriken herhalten muss, während die Handlung träge dahindümpelt wie die Boote auf dem Genfer See. Und wie aus dem Nichts erschafft Mary plötzlich ein Meisterwerk, um mit den Monstern in ihrem Inneren fertigzuwerden.

Kein historischer Roman ohne Patzer

Zu Beginn muss man sich erst einmal an den Schreibstil gewöhnen. Viele Metaphern, blumige Phrasen und komplexe Erzählstrukturen erschweren einen flotten Einstieg in die Geschichte. Damit kann man sich jedoch schnell arrangieren. Das größere Problem sind die Schnitzer, die sich in das historische Setting eingeschlichen haben. Mary verkündet ihre Zustimmung bspw. mit einem „okay“ und auf einem Jahrmarkt laufen Männer mit Bierflaschen durch die Gegend. Frustrierend.

Fazit:

Anne Eekhout liefert mit „Mary“ eine interessante Theorie zur Entstehungsgeschichte von „Frankenstein“ ab; mitunter etwas holprig, schräg und gewöhnungsbedürftig, aber dennoch unterhaltsam. Besonders geeignet für Leser, die sich noch nicht viel mit dieser außergewöhnlichen Autorin beschäftigt haben.

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