Die Schneekönigin - Kristalle aus Eis und Blut

  • Penhaligon
  • Erschienen: Oktober 2022
Die Schneekönigin - Kristalle aus Eis und Blut
Die Schneekönigin - Kristalle aus Eis und Blut
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Marcel Scharrenbroich
74°

Phantastik-Couch Rezension vonNov 2022

Dünnes Eis

Lass jetzt (nicht) los…

Wir befinden uns in den westlichen Fjordlanden Norwegens und schreiben das Jahr 1842. Auf der anderen Seite der Meerenge, gegenüber der sich auf dem Festland befindenden Stadt Esnedo, liegen tiefe Wälder. Neben drei kleinen Dörfern findet sich dort auch eine imposante Burg, die am Fuße eines riesigen Berges steht. Während Burgherrin Greta auf dem sicheren Boden die Zügel in der Hand hält, sagt man sich, dass in luftigen Höhen die Schneekönigin thront. So ist es auch an Greta, die jährliche Prozession anzuführen, bei der die Schneekönigin mit dem Gesang der Menschen besänftigt werden soll. Die Anwohner huldigen ihr, damit sie ihnen Schnee und Eis schicken möge. Dringend notwendig, denn die zugefrorene Meerenge wird so zur Winterstraße, die die Dörfer mit dem Festland verbindet. Unabdinglich für die Beschaffung von Vorräten und Medikamenten. Doch Greta, die mit der Kälte des Nordens aufgewachsen ist und das Eis besser kennt als jeder andere, merkt, dass die Eisdecke diesen Winter dünner ist. Ein fatales Zeichen. Ist die frostige Herrscherin, der man ein Herz aus Eis nachsagt, ihren Untertanen nicht mehr gewogen? Ausbleibender Frost würde die Gemeinschaft fast schon dazu zwingen, aufs Festland überzusiedeln. Gretas Gatte Kay hätte nichts dagegen, kommt er doch ursprünglich aus der Zivilisation und hat die Abgeschiedenheit aus Liebe gewählt. Burgherrin Greta jedoch sträubt sich. Nicht zuletzt, da die Frauen in ihrer Gemeinschaft eigener Arbeit nachgehen. Arbeit, die ihnen in einer patriarchalischen Gesellschaft untersagt wäre. Nein, Greta will auf keinen Fall zurückstecken.

Es wird aber noch schlimmer. Unik, der kleine Sohn von Greta und Kay, bricht im dünnen Eis ein und kann nur in letzter Sekunde aus dem eisigen Wasser gerettet werden. Medikamente sind aber Mangelware, der rettende Weg in die Stadt unpassierbar… und Uniks Fieber steigt bedrohlich an. Gretas Beschützerinstinkt wächst ins Unermessliche und sie sieht nur eine Chance, das Leben ihres geliebten Sohnes zu retten: sie muss den beschwerlichen Weg zur Schneekönigin in Kauf nehmen und diese um Hilfe bitten. Doch bevor sie den eisigen Palast der Herrscherin betreten kann, wartet nicht nur ein brutaler Fußmarsch durch Schnee, Sturm und Eis auf sie… sie muss sich auch drei Prüfungen stellen, die nicht nur über das Schicksal von Unik entscheiden.

Neuerzählung

Es gibt Literatur, die die Zeit überdauert. Darunter wichtige Werke. Man denke nur an historische Schriften… oder gar die Bibel. Wie man es mit dem Inhalt hält, ist freilich jedem selbst überlassen. Doch auch Sagen und Märchen sind beliebte Stoffe, welche von Generation zu Generation weitergegeben wurden und werden. Selbst wenn so manches Märchen eine Frischzellenkur verpasst bekommt und für ein neues Publikum gerne mal modernisiert wird. Nicht selten stützen sich angesagte Geschichten auf die berühmten Vorbilder, spinnen deren Inhalte weiter oder erzählen sie aus anderen Perspektiven. So schlägt sich die „Disney Villains“-Reihe aus dem CARLSEN Verlag beispielsweise auf die dunkle Seite der märchenhaften Schurken, während Christina Henrys „Chroniken“-Bücher (PENHALIGON) beliebte Charaktere in finstere Szenarien verfrachten. Die seit Jahren fortlaufende US-Comic-Reihe „Grimm Fairy Tales“ (ZENESCOPE) holt hingegen derart weit und abenteuerlich aus, dass kein Märchen-Stein mehr auf dem anderen bleibt. Die TV-Serie „Once Upon a Time“ warf in sieben Staffeln von Arielle bis Zelena, der ehemals bösen Hexe des Westens, gleich alles in einen Topf, was schon mal zwischen zwei Märchenbuchdeckeln aufgetaucht ist, und Kinofilme wie „The Brothers Grimm“ und „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ rissen mit Anlauf und schwerem Gerät ganze Genre-Grenzen ein. Freilich ist man im Hause DISNEY auch immer für eine - mehr oder weniger gelungene - Überraschung gut, weshalb man dort nicht müde wird, die klassischen Zeichentrick-Stoffe, mit denen die abendfüllenden Spielfilme des Konzerns seit „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (1937) große Erfolge feiern konnten, in Realfilme umzuwandeln. So zum Beispiel geschehen mit „Alice im Wunderland“ (2010), „Maleficent“ (2014), „Cinderella“ (2015), „Die Schöne und das Biest“ (2017), „Pinocchio“ (2022) und dem für 2023 angekündigten „Arielle, die Meerjungfrau“. Wem hier noch der Klassiker „Snow White“ fehlt, darf beruhigt aufatmen… ein Termin ist für 2024 bereits anvisiert. Zu den wohl größten Erfolgen zählen aber die beiden Animationsfilme über „Die Eiskönigin“, die zusammen mehr als 2,7 Milliarden US-Dollar an den weltweiten Kinokassen einspielten. Gar nicht schlecht für einen Stoff, der auf Motiven eines bereits 1844 veröffentlichen Märchens beruht, nicht wahr?

Ebenso wie DISNEYs „Frozen“-Goldgrube nimmt sich auch die deutsche Schriftstellerin C. E. Bernard des beliebten Märchens „Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen an, dem wohl berühmtesten Dichter und Geschichtenschreiber Dänemarks. Ihre „Schneekönigin“ trägt dabei noch den unheilschwangeren Untertitel „Kristalle aus Eis und Blut“. Man darf also davon ausgehen, dass es recht finster wird, und man nicht damit rechnen sollte, dass die Charaktere in plötzlichen Gesang verfallen. Nein, dem ist nicht so. Anders als bei Andersen, wo die Hauptfigur Gerda mutig aufbricht, um ihren von der Schneekönigin entführten Spielkameraden zu suchen, ist es nun eine Mutter, die sich aber nicht minder mutig auf den beschwerlichen Weg begibt. Sie würde alle Strapazen in Kauf nehmen, schließlich geht es um das Leben ihres geliebten Sohnes. Diesen Umstand hat C. E. Bernard sehr glaubwürdig zu Papier gebracht. Man fühlt unweigerlich mit dem Schicksal Gretas und ist gewillt, mit ihr durch dick und dünn… beziehungsweise Eis und Sturm zu stapfen. Verweise zum bekannten Märchen-Vorbild finden sich dabei zuhauf. Gekonnt mischt Bernard brandaktuelle Themen bei. So spielt der Klimawandel eine nicht unwesentliche Rolle und auch das Thema Selbstbestimmung kommt auf den Tisch. Somit haben wir nicht nur eine starke Frau, die über sich hinauswachsen muss, sondern treffen weitere Frauen, deren Berufsausübung in der Männer-dominierten Zivilisation im Keim erstickt wird. Grund genug, sich dem sogenannten „Fortschritt“ entgegenzustellen. Diese Einschübe wirken nicht erzwungen und sind der Geschichte subtil beigemischt, womit sie einen fast schon modernen Ton anschlägt.

Die Aufmachung des Hardcover-Romans von PENHALIGON ist bereits sehr stimmungsvoll. Das eisblaue Cover schmückt eine stylishe Silhouette besagter Königin, in bedrohlicher Pose wartend. Aufgepeppt mit Spotlack-Veredelungen und einem schwarzen Buchschnitt steigert der Anblick gleich die Leselust. Jaja, das Auge isst schon mit.

Fazit:

C. E. Bernard, bekannt durch ihre „Palace“- und „Wayfarer“-Sagas, nimmt das Märchen von Hans Christian Anderson als grobe Vorlage und erschafft eine düstere und gnadenlos frostige Welt, um ihre Protagonistin eisern durch eine unterkühlte Hölle zu schicken. Kämpferisch und unnachgiebig. Verweise auf das beliebte Märchen gibt es immer wieder, allerdings finden auch gesellschaftlich relevante Themen ihren Platz. Bemängeln könnte ich höchstens das doch recht hohe Tempo und den sich schon früh abzeichnenden Twist. Ansonsten ist „Die Schneekönigin - Kristalle aus Eis und Blut“ ein gut geeignetes Buch für die kalte Jahreszeit… eine Affinität für dunkle Märchenstoffe vorausgesetzt.

Die Schneekönigin - Kristalle aus Eis und Blut

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