Das Labyrinth: Ein illustrierter Roman

  • Fischer
  • Erschienen: April 2022
Das Labyrinth: Ein illustrierter Roman
Das Labyrinth: Ein illustrierter Roman
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Marcel Scharrenbroich
92°

Phantastik-Couch Rezension vonJul 2022

Apocalypse-Art

Finstere Aussichten

Die Erdoberfläche ist unbewohnbar geworden. Seit vor einigen Jahren die schwarzen Sphären aus dem Nichts auftauchten, hat sich vieles verändert. Sie setzten undefinierbare Gifte frei, welche jegliches Leben, wie wir es kannten, unmöglich machten. Toxische Ammoniak-Dämpfe sorgen seitdem dafür, dass das Sonnenlicht nicht mehr durchdringt. Ein grüner Schleicher verdunkelt die Tage, beschert uns unendliche Nächte. Beißende Gase, umherfliegende Asche. Verwüstung und Ödnis, wo einst das blühende Leben herrschte. Überleben ist nur in unterirdischen Bunkeranlagen möglich. Aber der Platz ist begrenzt. Selbst für die überschaubare Anzahl an Menschen, die diese kosmische Invasion des Unbekannten überlebten, mit jedem weiteren Tag eine weiter andauernde Tortur in einer Welt, in der es fraglich ist, ob es sich dort zu leben lohnt.

Sigrid und ihr Bruder Matte sind Wissenschaftler. Sie gehören zu den Forschenden, die in regelmäßigen Abständen zu Außenposten an der Oberfläche geschickt werden, um dort Proben zu sammeln. Von den Ergebnissen erhofft man sich neue Erkenntnisse. Erkenntnisse darüber, ob irgendwann wieder ein Leben in gesunder Atmosphäre möglich sein könnte. Das machen sie seit Jahren, doch wegweisende Durchbrüche gab es bislang nicht zu vermelden. Alles Routine. So stellt es auch kein Problem dar, dass die Geschwister den jungen Charlie mit auf ihre nächste Expedition nehmen. Charlie ist im Teenager-Alter und gilt als Problemkind. Nicht nur was seine schulischen Leistungen anbelangt. Der Junge ist verschlossen, regelrecht in sich gekehrt und agiert teilnahmslos. Dennoch versuchen Sigrid und vor allem Matte alles, damit Charlie sich aus seinem Schneckenhaus heraustraut. Mit wenig Erfolg…

Seit einiger Zeit schon haben die beiden ein Auge auf den Jungen, doch in der Abgeschiedenheit der entlegenen Station wandelt sich die Fürsorge schnell in Sorge. Und die Sorge wiederum in Angst. Charlie legt ein merkwürdiges Verhalten an den Tag. Er wird zunehmend unberechenbarer. Dass dies nicht von Ungefähr kommt, wissen Sigrid und Matte genau. Schließlich handeln sie nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern tragen ein Geheimnis mit sich herum. Etwas Unausgesprochenes, was lieber unausgesprochen bleiben soll. Doch sie wissen nicht, dass Charlie die Wahrheit kennt. Die ganze Wahrheit.

Lost Places

„Das Labyrinth“ trägt den Untertitel „Ein illustrierter Roman“. Kurzgeschichte würde es eher auf den Punkt bringen, was der Intensität in Simon Stålenhags neustem Kunstwerk aber keinen Abbruch tut. Wie schon seine vorherigen Arbeiten, ist auch „Das Labyrinth“ eine gekonnte Mischung aus dystopischer Erzählkunst und hyperrealistischen Bildern. Fast schon fotorealistisch, verstärken Stålenhags kunstvoll inszenierte Malereien die Geschichte, die durch die Visualisierung einen beinahe filmischen Charakter erlangt. Viel länger als bei einem Spielfilm wird man bei seinem aktuellen Mix aus Kurzgeschichte und Bildband auch nicht bei der Stange gehalten. Dafür ist die Zeit, die man in der unwirtlichen Apokalypse und innerhalb der kargen Mauern der Forschungsstation verbringt, klaustrophobisch und von bedrückender Spannung. Sumpfige, überwucherte Landschaften, letzte Überbleibsel einer einst so fortschrittlichen Welt, die aufgegeben hat, der toxischen Atmosphäre zu trotzen, in direktem Gegensatz zu sterilen Räumen, die drei Charaktere einschließen. Und zwei von ihnen mit einer tickenden Zeitbombe.

Kontraste

Simon Stålenhags bildgewaltiger Apokalypse-Thriller lebt von den Gegensätzen. So prallen hier auch die Genres Sci-Fi, Thriller und Drama unweigerlich aufeinander. Im Gegensatz zu seinen Büchern „The Electric State“, „Tales from the Loop“ (2020 sogar als Serie auf PRIME VIDEO veröffentlicht) und dessen Fortsetzung „Things from the Flood“, geht der schwedische Künstler in „Das Labyrinth“ deutlich düsterer zu Werke. Das passt hervorragend zum Ton der Geschichte und hebt sie damit von seinen bisherigen Arbeiten ab. Auf detaillierte, stilvolle Bilder muss man deshalb aber nicht verzichten. Die liefert der Visionär auf jeder einzelnen Seite. Aus der Sicht von Sigrid erzählt, schwingt bereits von Anfang an ein melancholischer Ton des Abschieds mit. Und der dunkle Schatten, der diesen Ton begleitet, umhüllt einen als Leser unweigerlich, je näher man des Rätsels Lösung kommt. Licht und Schatten, Zukunft und Vergangenheit, Wahrheit und Lüge, Leben und Tod… alles liegt hier dicht beieinander.

Fazit:

Eine kurze, dafür intensive Erfahrung. Mit „Das Labyrinth“ legt das schwedische Allround-Talent Simon Stålenhag eine finstere Dystopie über menschliche Abgründe und eine trostlose Zukunftsvision vor, an der H. G. Wells und Aldous Huxley ihre Freude gehabt hätten. Die realistischen Gemälde verstärken die Intensität mit düster-melancholischer Wucht.

Das Labyrinth: Ein illustrierter Roman

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