Fairy Tale

  • Heyne
  • Erschienen: September 2022
Fairy Tale
Fairy Tale
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Marcel Scharrenbroich
90°

Phantastik-Couch Rezension vonOkt 2022

Auf ehrenvoller Mission

Lokalheld

George Reade hatte den tragischen Tod seiner Frau nicht überwinden können. Völlig unvermittelt wurde sie wortwörtlich aus dem Leben gerissen. Überfahren und zerquetscht auf der Sycamore Street Bridge, der sogenannten „verfluchten Brücke“. Daraufhin stürzte sich der überforderte George kopfüber in den Hals zahlreicher Schnapsflaschen und machte keinerlei Anstalten, sich vor dem Ertrinken in selbigen retten zu wollen. Zum Leidwesen seines Sohnes Charlie, dessen Sorge um seinen Dad von Tag zu Tag größer wurde. Nichts wünschte er sich sehnlicher, als dass George endlich den Kopf aus dem Arsch nimmt und seinen Job als Vater wahrnimmt.

Mittlerweile ist Charlie Reade siebzehn Jahre alt… und sein Vater ist trocken. Dank eines Arbeitskollegen und guten Freundes, den regelmäßigen Meetings bei den Anonymen Alkoholikern und nicht zuletzt Charlie, der schneller erwachsen werden musste, als es anderen Jugendlichen in seinem Alter vergönnt war. Die schwere Zeit hat keine bleibenden Schäden in der Vater/Sohn-Beziehung hinterlassen und George ist stolz auf sein einziges Kind. Das kann er auch, denn Charlie ist eine echte Sportskanone und zudem noch wahnsinnig hilfsbereit. Zwar stand auch er durch falschen Umgang gefährlich nah am Abgrund, doch die Probleme in der Familie lenkten ihn wieder auf den richtigen Kurs. Charlies soziale Ader wird einmal mehr deutlich, als er dem in der Nachbarschaft lebenden Howard Bowditch das Leben rettet. Der alte Mann stürzte von der Leiter und angelockt durch das Bellen seines Hundes, konnte der Teenager den rettenden Notruf alarmieren. Die lokale Presse feiert ihn als Helden, doch Charlie bleibt bescheiden. Selbst als es die Nachricht über den Retter aus der Nachbarschaft in die überregionalen Zeitungen schafft, wird Charlie nicht müde, die betagte Schäferhündin Radar als eigentliche Heldin hervorzuheben. Unglaublich, dass er und die anderen Kinder in der Nachbarschaft früher große Angst vor der Bestie hinter dem Zaun des „grumpy old man“ hatten… dabei macht Radar doch einen so liebenswerten Eindruck.

Dieser Eindruck täuscht nicht und so bietet sich Charlie an, die gute Radar während des Krankenhausaufenthalts von Mr. Bowditch zu verpflegen. Trotz schulischer Verpflichtungen ist er gerne dazu bereit, seine Freizeit zum Wohlergehen des mittlerweile sehr angeschlagenen Tieres zu opfern. Natürlich mit Einwilligung seines Dads. Selbstlos bietet Charlie an, sich selbst während der langwierigen und schmerzvollen Reha von Mr. Bowditch, den er fortan Howard nennen darf, auch um ihn zu kümmern… zumal Radar und er mittlerweile unzertrennlich geworden sind. Auch das Band zwischen dem Jungen und dem alten Mann wird enger. Howard vertraut ihm Geheimnisse an. Beispielsweise den Eimer, randvoll gefüllt mit Goldkügelchen, den er sicher in einem Tresor aufbewahrt. Woher dieser Reichtum stammt, bleibt der Geheimniskrämer ihm schuldig. Ebenfalls, was sich in dem stets verschlossenen, alten Schuppen hinterm Haus befindet.

Der Sommer zieht vorüber und der Herbst hält Einzug. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse und Charlie erhält Zugang zum wohl größten Geheimnis von Mr. Bowditch. Was sich hinter der Tür befindet, hätte sich Charlie selbst in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können. Ein „Kaninchenbau“ der nur allzu realen Sorte…

Slowburner

Regelmäßige King-Leser werden bei einem so seitenstarken Wälzer wissen, was sie erwartet: Richtig… eine lange, laaaange Vorlaufzeit. Es dauert rund 250 Seiten, bis die fantastischen Elemente Einzug halten. Langeweile kommt trotzdem nicht auf, denn ein Autor wie Stephen King schafft es, hervorragend geschriebene Charaktere mit spielerischer Leichtigkeit aus dem Ärmel zu schütteln. Charakterentwicklung beherrscht er, und die ist auch wichtig, um uns Leser zu mitfühlenden Begleitern auf einer abenteuerlichen Reise werden zu lassen. Ich lasse jetzt keine Katze aus dem Sack, wenn ich sage, dass sich Charlie in eine fremde, phantastische Welt begibt. Das verrät bereits der Klappentext… für meinen Geschmack allerdings zu ausführlich. Im Grunde umreißt dieser kurze Text schon fast die gesamte Story, was schon arg viel vorwegnimmt. Außerdem werden Ungeduldige mit diesem Vorwissen während des ersten Drittels womöglich wartend mit den Hufen scharren, bevor King seiner Fantasie endlich freien Lauf lässt. Wem der neugierig machende Text aus dem Mund von Charlie Reade auf der Rückseite ausreicht und sich vielleicht durch die möglichst spoilerfreie Inhaltsangabe oben angesprochen fühlt, sollte es idealerweise dabei belassen und sich halbwegs blind ins Abenteuer stürzen. Es warten blühende Fantasy-Landschaften, liebenswerte Figuren, finstere Märchengestalten, Freundschaften fürs Leben… und das absolut Böse.

Ziegelstein mit Wohlfühl-Charakter

Bestimmte Muster wiederholen sich auch bei einem Stephen King. Wenig überraschend, wenn man derart viel zu Papier gebracht hat wie der Altmeister der modernen Horror-Literatur. So haben wir in „Fairy Tale“ wieder die nicht alltägliche Konstellation Jung/Alt. Die hatten wir erst kürzlich in der Kurzgeschichte „Mr. Harrigans Telefon“ (aus der Novellensammlung „Blutige Nachrichten“; HEYNE), welche gerade von NETFLIX und BLUMHOUSE erfolgreich verfilmt wurde (wir berichteten). Die Beziehung von Todd Bowden und Arthur Denker in der Novelle „Der Musterschüler“ (aus „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“; HEYNE) stand hingegen von Anfang an auf sehr wackeligen Füßen, wogegen sich Charlie Reade und der grummelige Howard Bowditch schon fast als Seelenverwandte beschreiben lassen. Das Aufeinandertreffen gegensätzlicher Charaktere scheint King aber ein liebgewonnenes Thema zu sein, wie noch mehrere Beispiele der letzten Jahrzehnte belegen. So ist auch der Ausflug in die Phantastik kein Neuland für King. Schon 1984 verfasste er gemeinsam mit seinem erst in diesem Spätsommer verstorbenen Kollegen Peter Straub („Julia“, „Geisterstunde“) den Fantasyroman „Der Talisman“, welcher wiederum gerade von NETFLIX und den „Stranger Things“-Machern Matt und Ross Duffer in ein Serien-Korsett gepresst wird. Weitestgehend lässt sich wohl auch Kings Opus Magnum „Der Dunkle Turm“ als Fantasy bezeichnen, obwohl die Genre-Grenzen dort fließend sind. Überraschend hingegen ist, dass dem „Cujo“-Autor mit Radar ein derart präsenter und nicht minder liebenswerter Vierbeiner gelungen ist, den man sonst wohl er in Romanen von Hunde-Freund Dean Koontz vermutet hätte.

King belässt es mit „Fairy Tale“ aber nicht bei möglichst klassischer Fantasy, die momentan quer durch alle Medien Zuschauer bzw. Leser generiert, sondern lässt den Titel seines neuen Buches (= schlicht und einfach „Märchen“) Programm werden. Immer wieder verbeugt er sich vor Genre-Bestsellern wie „Die unendliche Geschichte“, „Der Zauberer von Oz“ oder „Alice im Wunderland“. Nicht nur dass diese gerne auch mal erwähnt werden, denn King schafft seine ganz eigenen Interpretationen liebgewonnener Märchen und deren Figuren. Es macht ungeheuer viel Spaß, wenn der Autor aufdreht und eine eben noch geerdete Geschichte in angemessenem Tempo in phantastische Bahnen lenkt und dabei nicht mit Reminiszenzen geizt. Man liest die Freude beim Schreiben regelrecht heraus. Ebenfalls ist spürbar, dass King seine treuen Wegbegleiter am Ende ungern ziehen lässt. Das springt auf die Leserschaft über, was „Fairy Tale“ unglaublich sympathisch und zu einem fesselnden Wohlfühl-Buch macht.

Neben dem Hardcover mit stimmig gestaltetem Schutzumschlag und Lesebändchen (erschienen im HEYNE Verlag) gibt es für diejenigen, die einem ausgedehnten Abenteuer lieber zuhören, selbstverständlich auch wieder eine Hörbuch-Fassung. Die ungekürzte Variante von RANDOM HOUSE AUDIO (als Download oder MP3-CD) liest erneut David Nathan.

Fazit:

Ein perfektes Herbst-Buch, welches keinerlei Vorwissen im King-Kosmos voraussetzt. „Fairy Tale“ ist ein komplett eigenständiges Werk, wenn auch Ähnlichkeiten zu früheren Büchern Kings nicht von der Hand zu weisen sind. Sei es bei der Charakter-Konstellation oder dem abenteuerlichen Trip in phantastische Welten. Selbst Leserinnen und Leser, die sonst einen großen Bogen um Horror (und somit meistens um Stephen King) machen, haben nun keine Ausrede mehr: „Fairy Tale“ ist ein lupenreines Fantasy-Märchen… und zwar ein sehr gutes.

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