Ins All: Die faszinierende Geschichte vom ersten Flug in den Weltraum

  • Hoffmann und Campe
  • Erschienen: April 2022
Ins All: Die faszinierende Geschichte vom ersten Flug in den Weltraum
Ins All: Die faszinierende Geschichte vom ersten Flug in den Weltraum
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Michael Drewniok
90°

Phantastik-Couch Rezension vonJun 2022

„Mercury Seven“ gegen „Vorhut Sechs“

Im Frühjahr des Jahres 1961 wird der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion auf einem der Spielfelder heiß: Jahr für Jahr haben die Russen den Amerikanern demütigende Niederlagen in der Raumfahrt zugefügt. Jetzt soll der erste Mensch ins All geschossen werden. Es MUSS ein amerikanischer Patriot und DARF kein Kommunisten-Teufel sein; darin ist man sich in den USA einig. Doch die Sowjets wollen sich nicht abhängen lassen und planen die degenerierten Kapitalisten-Knechte abermals zu deklassieren.

Es ist der heilige Gral beider Weltraumprogramme: Wie schaffen wir es, einen Menschen nicht nur ins Weltall zu befördern, sondern ihn auch heil zurückzubringen? Letzteres ist besonders im Westen von Bedeutung, wo die Medien stets Zeugen der Raketenstarts sind. In der UdSSR, einer Diktatur unter strikter Pressekontrolle, ist dies kein Problem: Gescheiterte Starts, Flüge oder Landungen werden einfach unter den Tisch gekehrt, zu Tode gekommene Raumfahrer stillschweigend ersetzt.

Weil die USA das Nachsehen haben, heiligt der Zweck die Mittel. Also stützt man sich auf Wernher von Braun, einen genialen, aus Deutschland stammenden Raketen-Ingenieur, der bis 1945 für die Nazis gearbeitet und jene Raketen entwickelt hatte, die - von KZ-Zwangsarbeitern gebaut - vor allem in London einschlugen. In der Sowjetunion steht von Braun ein ebenso fähiger Konkurrent gegenüber: Sergei Koroljow, der unter Stalin in einem Gefangenenlager saß, bis das Regime sich seines Talents erinnerte und ihn an die Spitze des Raumfahrtprogramms stellte.

In den USA sind es die „Mercury Seven“, die sich auf den ersten bemannten Raumflug vorbereiten. In der Sowjetunion tun die Männer der „Vorhut Sechs“ dasselbe. Wie wird der erste Mensch im Orbit heißen - Astronaut Alan Shepard oder Kosmonaut Juri Gagarin? Die Nerven liegen dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs bloß, während die Öffentlichkeit fieberhaft auf das historische Ereignis wartet …

Sieg oder Untergang!

Man kann es sich schwer vorstellen, doch vor noch gar nicht so langer Zeit war es eine Frage auf Leben oder Tod, ob ein Sowjetrusse oder ein US-Amerikaner der erste Mensch im All sein würde. Die Supermächte USA und UdSSR hatten die Erde quasi unter sich aufgeteilt; die übrigen Staaten schlossen sich wohl oder übel bzw. angstvoll ‚ihrer‘ Seite an: Der „Kalte Krieg“ zwischen den Blöcken konnte jederzeit zu einem dritten, dieses Mal atomar geführten Weltkrieg eskalieren, der Tod und Elend über Milliarden Menschen bringen würde.

Jeder Fortschritt oder gar Vorsprung des Gegners wurde misstrauisch registriert. Schon dass die Sowjets Satelliten um die Erde kreisen ließen, die fern jeder Abwehrschussdistanz Bomben auf die USA herabregnen lassen könnten, sorgte für Panik. Hier mussten die USA gleichziehen - koste es, was es wolle: Geld und Menschenleben. Die Russen gedachten ihre Vorreiterstellung zu halten, was einen aberwitzigen Wettlauf in Gang setzte. Hätte man sich zusammengetan, wäre der Sprung ins All deutlich kostengünstiger gekommen. Doch daran dachte niemand.

Stephen Walker nimmt sich viel Zeit, um jene kollektive Paranoia zu beschreiben, die einst die Welt beherrschte. Die Raumfahrt stellte nur eine Facette dar, aber sie zog besonderes Interesse auf sich, weil sie - zumindest im „freien Westen“ - stets ein Medienspektakel war. Man himmelte die mutigen Astronauten an, drückte den Wissenschaftlern die Daumen, stellte der Regierung keine Fragen über die exorbitanten Kosten. Auf der ‚dunklen‘ Seite des Eisernen Vorhangs war man ebenso todernst bei der Sache: Die Raumfahrt war eine Möglichkeit, den faktisch wackligen sowjetischen Anspruch auf den Supermachtstatus zu begründen. Deshalb ging man wesentlich weiter als im Westen und war bereit, über (Kosmonauten-) Leichen zu gehen.

Die Schalen der Informationswaage im Gleichgewicht

Nach dem Ende der Sowjetunion öffneten sich dort die Archive. Forscher und Journalisten konnten Dokumente einsehen, die Jahrzehnte streng geheim gewesen waren. Erst jetzt ließ sich die Historie der Weltraumfahrt wirklich nachzeichnen, denn man lernte endlich die andere Seite kennen. Walker ist eigentlich spät mit seiner Darstellung, viele sind ihm bereits zuvorgekommen. Allerdings gelingt es ihm, das komplexe Puzzle der frühen Raumfahrt so verständlich und unterhaltsam nachzuzeichnen, dass „Ins All“ sich wie ein spannender Roman liest.

Zudem konnte Walker im Rahmen eines (gescheiterten) Dokumentationsprojekts erstmalig auf zeitgenössische, oft nie veröffentlichte Filmaufnahmen aus Geheimarchiven zurückgreifen. Im Osten wie im Westen wurde gefilmt, wie souverän der Flug ins All vorbereitet wurde - ein Lügengespinst, das Walker ausführlich aufdröselt. Zeitdruck, Improvisation, Versagen und hilfloses Daumendrücken begleiteten den Prozess auf beiden Seiten. Nie funktionierte die Technik wie geplant, immer wieder kam es zu manchmal katastrophalen, aber auch bizarren Zwischenfällen, die Walker gern enthüllt.

Die ‚Erzählstruktur‘ folgt den Ereignissen, wobei in Rückblenden vor allem die Vorgeschichten der Astro- bzw. Kosmonauten sowie weiterer entscheidungswichtiger Personen aufgerollt werden. Hinzu kommt eine Zusammenfassung der westlichen und östlichen Bemühungen vor 1961. Die ‚Handlung‘ springt zwischen den USA und der UdSSR hin und her. Walker stellt die Unterschiede, aber auch die erstaunlichen Parallelen dieser frühen Raumfahrt heraus; ungeachtet der Tatsache, dass an zwei Strängen gezogen wurde, mussten viele Lösungen aufgrund allgemeingültiger Naturgesetze quasi identisch ausfallen.

Quantensprung der Technik oder opferreiche Sackgasse?

Walker greift weit aus und stellt den ersten bemannten Flug ins All in den Rahmen der Zeitgeschichte. Schon damals monierten Kritiker die Kosten; Geld, das man lieber in den Bau weiterer Atomwaffen investiert hätte. Weniger patriotische Zeitgenossen stellten sich zudem die Frage, ob man überhaupt Menschen dort in Lebensgefahr bringen musste, wohin unbemannte Sonden und Satelliten vordringen konnten.

Doch so tickte der Zeitgeist nicht. Walker arbeitet die Symbolträchtigkeit dieses Wettlaufs heraus: Die Präsenz eines Menschen im All stellte diesen (und sein Land) buchstäblich ÜBER den Systemfeind. Der winzige Satellit „Sputnik“ hatte die USA 1957 schockiert. Welchen Schrecken bzw. Triumph würde ein denkender, handelnder, russischer Mensch auslösen, wenn er über der Erde bzw. den USA kreiste? Dies wird besonders deutlich, wenn Walker die Reaktionen auf Gagarins Flug und den (bekanntlich nur vorläufigen) „Sieg“ der Sowjets beschreibt: Stolz und Genugtuung auf der einen, Schrecken, Neid und Wut auf der anderen Seite - und ein US-amerikanischer ‚Gegenschlag‘, der direkt auf eine Mondlandung zielte, zu der es ohne die Ereignisse von 1961 womöglich nie gekommen wäre.

„Ins All“ ist ein Sachbuch, wie man es sich wünscht (auch wenn John Stapp, der die Auswirkung abrupter Beschleunigung und Abbremsung am eigenen Körper testete, nicht wie vom Verfasser behauptet verrückt wurde und Selbstmord beging; er starb 1999 kurz vor seinem 90. Geburtstag) - schwungvoll erzählt (und übersetzt), doch ein wenig zu enthusiastisch in der detaillierten Nacherzählung historischer Szenen, die in der Überlieferung differieren. Ein wenig kümmerlich wirkt der Bildteil, der kaum Überraschungen jenseits längst bekannter Aufnahmen bietet. Gute Arbeit leistet Walker auf jeden Fall, wenn er die Übertreibungen, Schönungen und Lügen der zeitgenössischen Propaganda offenlegt - in der UdSSR ebenso wie in den USA.

Fazit:

Auch für naturwissenschaftlich-technische Laien jederzeit verständliche Darstellung eines historischen Kapitels, das lange unter einem Schleier aus Geheimhaltung, Mythen und Lügen verborgen war: vielleicht ein wenig zu unmittelbar in der Schilderung zum Teil vager Fakten, aber vorzüglich geschrieben, spannend und informativ.

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, Hoffmann und Campe

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