Schlachthaus

  • Festa
  • Erschienen: Juni 2022
Schlachthaus
Schlachthaus
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Michael Drewniok
80°

Phantastik-Couch Rezension vonJul 2022

Asche zu Asche, doch Staub steht auf

Ashley King ist ein „final girl“: Vor fünf Jahren war sie Mitglied einer fünfköpfigen Gruppe, die neugierig das „Haydon Hotel Resort“, eine verlassene Feriensiedlung, betrat und besichtigte. Zu ihrem Pech hatte sich in einem der Gebäude der „Wraith“ eingenistet - ein Serienkiller der ganz groben Sorte. Er hatte sich die Gruppe vorgenommen und abgeschlachtet.

Nur Ashley entkam und leidet seither unter einer posttraumatischen Angststörung, die ihr Leben bestimmt. Lebensgefährte Todd Matthews versucht sie aufzurichten, aber Ashley zieht sich immer stärker zurück - dies auch deshalb, weil sie als Überlebende des legendär gewordenen Massakers von einer entsprechend interessengepolten Internetgemeinde belauert wird. Zudem wurde der Wraith nie gefasst und wartet womöglich auf seine Chance, auch Ashley umzubringen.

Irgendwann hält sie dem Druck nicht mehr stand und erhängt sich. Fassungslos bleibt Todd zurück; er macht sich Vorwürfe, ihren Selbstmord nicht verhindert zu haben. Als er in Ashleys Abschiedsbrief liest, dass sie damals im „Hayden Resort“ Videoaufnahmen gemacht und eine Speicherkarte versteckt hat, will er diese unbedingt finden und sichten.

Die verlassene Siedlung steht vor dem Abriss, weshalb die Zeit drängt. Todd will eigentlich allein auf das Gelände, aber vier Freunde schließen sich ihm an. Vor Ort sucht und findet man die von Ashley verborgene Speicherkarte - und den Wraith, der weiterhin das Resort unsicher macht und sich über fünf neue Opfer hermacht …

Die Dummen sterben, aber nie aus

Es beginnt zäh, weshalb man einige Geduld aufbringen muss, bis Ash King nach seitenlang ausgewalzten Seelenqualen an ihrem Strick hängt. Anschließend gilt es zu verfolgen, wie Todd Matthews und seine Begleiter/innen ebenfalls wortreich trauern, um sich dann blindlings ins Verderben zu stürzen. Dabei wurden sie jahrzehntelang durch einschlägige Filme und TV-Serien davor gewarnt, sich dort blicken zu lassen, wo ein nie gefasster Serienkiller gewütet hat.

Schon die Sichtung der Endlos-Serie „Freitag der 13te“ hätte für alle nötigen Informationen gesorgt: Jungvolkschlitzende Unholde sterben nicht, sondern liegen weiterhin auf der Lauer. Selbst wenn man ihnen entkommt und sie mutmaßlich umbringen konnte, kommen sie wieder. Diese eherne Regel bestimmt das Splatter-Genre, in dem Morde nicht einfach begangen, sondern zelebriert werden. Natürlich wirkt dies auf Leinwand oder Bildschirm eindrucksvoller als auf dem Papier. Autoren wie Hunter Shea geben sich große Mühe, Blut und Eingeweide dennoch spritzen zu lassen.

„Schlachthaus“ ist als Roman in einem Punkt zu loben: Hier wird nie versucht das Rad neu zu erfinden. Es wäre weder notwendig noch möglich, denn der ‚Sinn‘ des Splatters liegt in der Beschreibung des Flüchtens, Metzelns und Sterbens. Shea belegt dies wohl eher unabsichtlich, wenn er seinem Garn einen erzählerischen Unterbau geben möchte, den dieses nicht benötigt.

Im Würgegriff der Meta-Ebene

Er gehört damit zu den Autoren, die sich nicht auf den ‚reinen‘ Splatter verlassen. Das ist durchaus verständlich, denn die Schilderung einer Flucht vor dem übermächtigen Killer ist erzählerische Eindimensionalität in Reinkultur. Eine Hintergrund-Story soll den Fokus weiten. Doch hier zeigt sich in der Regel die Grenze von Autoren, die den Metzel-Thrill besser im Griff haben.

Shea schielt lange nach der Meta-Ebene. Splatter à la „Scream“ fügen dem Genre das Spiel mit den eigenen Regeln an. Die Protagonisten nehmen sich selbst als Figuren eines Geschehens wahr, das sie aus den Unterhaltungsmedien ‚kennen‘. Der Splatter funktioniert nach bestimmten Regeln, die sich variieren und ins Schwarzhumorige biegen lassen. Dies erfordert jedoch Fingerspitzengefühl und ein Talent, das Shea abgeht: Er arbeitet sich beispielsweise scheinkritisch (und ohne Relevanz für das Geschehen) an einer (Internet-) Gemeinde ab, die reale Tragödien als Unterhaltung goutiert und auf die Gefühle Betroffener (oder die Wahrheit) wenig Rücksicht nimmt.

Mehrfach kreuzen sich Todds Wege mit entsprechenden Nerds, wobei er sich mächtig aufregt. Dass er selbst ins „Haydon Resort“ eindringt, verkauft uns Shea als Reaktion eines schockierten Mannes, der die letzten Bilder und Worte seiner toten Geliebten sichern will - ein Vorwand, den uns der Autor nicht einmal ansatzweise plausibel verkaufen kann.

Totentanz der Trottel

Todd ist ein Charakter, der uns trotz (oder wegen) seiner endlosen Tränenströme kaltlässt. Sein (Trauer-) Verhalten bleibt pures Klischee. Um Todd versammeln sich ähnlich profilschwache Gestalten, womit Shea freilich die Splatter-Regeln befolgt: Protagonisten benötigen keine Tiefe, denn sie werden mehrheitlich umgebracht. Erst im möglichst blutigen/absurden Tod erfüllen sie ihren Zweck.

Deshalb ist es abermals vergebliche Liebesmüh, dass Shea einzelnen Nebenfiguren eigene Motive unterstellt, die sie an der Expedition ins „Haydon Resort“ teilnehmen lassen. Wie überflüssig dies ist wird deutlich, sobald Shea endlich die Handbremse löst und den Wraith das Spielfeld betreten lässt!

Der Bösewicht bleibt mythisch, wie es sich für einen Buhmann gehört. Also ist es unwichtig, ob sich hinter dem Wraith ein untoter Nazi verbirgt, der einst von wütenden KZ-Überlebenden (nicht gründlich genug) umgebracht wurde, oder ein ‚böser‘ Golem, der quasi roboterhaft mordet, weil man ihn dafür erschaffen hat. Der Wraith hat sich wie Jason Voorhees oder Victor Crowley („Hatchet“) längst als Nemesis verselbstständigt. Er ist, also tötet er!

Endlich geht es los

Viele Seiten hat Shea mit Nebensächlichkeiten vergeudet, aber dann startet er durch! Einmal mehr bestätigt sich, dass der Splatter nichts als Handlung benötigt, um seinen Unterhaltungseffekt zu entfalten. An sich ist der Wraith per se langweilig; ein Ungetüm, auf das man einschlagen und schießen kann, ohne dass es gestoppt wird. Die Spannung entsteht durch die Frage, wie sich die dem Bösen unterlegenen Pechvögel einem grausigen Tod entziehen können.

Mehrheitlich gelingt ihnen das genretypisch nicht, was für eine Folge bizarrer, aber nie selbstzweckhafter Schnetzeleien sorgt. (Shea steigert die Frequenz, indem er im Rückblick die entsprechenden Lebensenden der Gruppe um Ashley schildert.) Man rennt, kämpft, stirbt - und benimmt sich zwischendurch genregerecht dämlich, d. h. schießt den gesunden Menschenverstand in den Wind, trennt sich, wo man zusammenbleiben sollte, knockt sich im Kampf selbst aus, verliert die mitgebracht Feuerwaffe, schießt prinzipiell daneben und macht es auch sonst dem Gegner möglichst leicht.

Nichtsdestotrotz kann Shea Geschick unter Beweis stellen. Jawohl, die Gruppe besteht aus Hohlköpfen, aber der Autor jagt sie sehr vergnüglich durch die Splatter-Hölle! Klischees und Unwahrscheinlichkeiten werden durch Tempo entschärft, als es endlich zur Sache geht. Bis der letzte Tropf zerlegt ist, bleibt Shea auf dem Gaspedal. Das letztlich banale Ende kann man erneut als Reverenz verstehen: Nur wenige Splatter verzichten auf jenes ‚schockierende‘ Finale, das eine Fortexistenz des gerade opferreich ausgeschalteten Unholds beschreibt.

Fazit:

Nach zähem, wortreichem Vorlauf gewinnt dieser ‚geschriebene Splatter‘ in seiner zweiten Hälfte den notwendigen Schwung, um das alte Garn von der durch ein Mord-Monster aufgeriebenen Gruppe sehr vergnüglich voranzutreiben: nicht altmodischer, sondern solider, angenehm „torture-porn“-freier Gruselspaß.

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