Der Klon (Hörbuch)

  • Ronin Hörverlag
  • Erschienen: Juni 2022
Der Klon (Hörbuch)
Der Klon (Hörbuch)
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Marcel Scharrenbroich
80°

Phantastik-Couch Rezension vonJul 2022

Er ist (schon) wieder da

Es liegt in den Genen…

Berlin im Jahr 2033. Schwarz-Grün ist an der Macht und in der Hauptstadt gilt Multikulti in weiten Teilen als gescheitert. Ganze Stadtviertel sind zu No-Go-Areas geworden, was der ultra-rechten Partei „Der Deutsche Weg“ ordentlich Zulauf beschert hat. Deren Vorsitzender Bernd Sörensen hat großes vor. So groß, dass es eigentlich fast unvorstellbar ist. Den Grundstein dafür legte er bereits 2007, als er mit seiner Partei-Kollegin Alina Schalk nach Südkorea reiste, um dort den umstrittenen Wissenschaftler Moon Dong-soo aufzusuchen. Im Gepäck hatten sie einen Zahn. Daraus sollte der Professor Stammzellen extrahieren, um aus dem Material einen Klon herzustellen. Das Klonen von Menschen galt bereits 2007 als verboten, war in der Theorie aber durchaus durchführbar. Für eine stattliche Summe kam Moon Dong-soo der Bitte der beiden, die sich als Ehepaar ausgaben, nach. Nicht zum ersten Mal, denn es kam häufiger vor, dass sich verzweifelte Mütter und Väter nach dem überraschenden Tod ihrer Kinder bei ihm meldeten. So wurde Arthur „geboren“.

2033 kehrt Arthur nach vierjähriger Abstinenz zurück nach Deutschland. Alina Schalk, die nach dem Tod von Arthurs Familie die Vormundschaft übernahm, hatte geschickt dafür gesorgt, dass der junge Mann an die Front aufbricht. Die lange Zeit mitten im Syrien-Krieg prägte ihn, ließ ihn verändert wieder zurückkehren. Gut… denn das war der Plan. Schließlich sollte der Werdegang von Arthurs „Original“ möglichst detailgetreu von seinem Klon nacherlebt werden, ohne dass dieser Verdacht schöpft. Nur so kann er zu dem werden, zu dem er bestimmt ist. Zum Führer. Zu Adolf Hitler.

Enthüllungs-Journalismus

Mara Erhardt, eine Münchner Journalistin in ihren 40ern, schreibt für die „Süddeutsche Zeitung“. Sie recherchiert zu den angeblichen Machenschaften des südkoreanischen Professors, stochert jedoch weitestgehend im Dunkeln nach zufriedenstellenden Ergebnissen. Das ändert sich, als sie von einer anonymen Quelle brandheiße Infos bekommt. An ihr Krypto-Postfach wurden Fotos geschickt. Darauf sind die Zwillinge der Familie Wohlpflug zu sehen. Aus Neugier - und nicht zuletzt Geldnot - macht sich Mara auf nach Berlin. Vor der Universität, an der die Zwillinge studieren, konfrontiert sie Robin und Friedrich mit ihrem Bildmaterial. Ein Bild zeigt zwei identische Kleinkinder im Alter von ungefähr zwei Jahren. Interessant wird es aber, als die Journalistin den beiden das Aufnahmedatum des Fotos zeigt. 2010. Das Verrückte daran ist, dass Robin und Friedrich erst 2011 geboren wurden. Geboren, oder vielmehr… geklont?

Der Schock sitzt tief, würde jedoch erklären, warum die Brüder unabhängig voneinander von wiederkehrenden Albträumen geplagt werden. Damit kann Mara Erhardt den Fall aber noch lange nicht zu den Akten legen, denn ihre Recherchen haben Staub aufgewirbelt. So meldet sich unverhofft Park Seoyoung bei ihr, die Assistentin von Professor Moon. Sie war damals dabei, als Bernd Sörensen und Alina Schalk einen Klon in Auftrag gaben. Und plötzlich eröffnet sich für Mara eine Story, die die ganze Welt aus den Angeln heben könnte: „Rechter Politiker klont Hitler und plant Viertes Reich“. Wie wird die Welt darauf reagieren? Und… ist sie überhaupt dafür bereit?

Böse neue Welt

Jens Lubbadehs neuster Roman könnte aktueller nicht sein und wirft wichtige Fragen auf. Rechte Parteien im Aufwind und gespaltene Gesellschaften sind weiß Gott keine Fremdwörter. Als hätte unser Krisen-gebeutelter Planet nicht schon genug mit Pandemien, Krieg, Naturkatastrophen und der Frage, wieviel wir ihm noch zumuten wollen zu tun, als dass gerade noch die Wiedergeburt des Bösen in Menschengestalt fehlen würde, um ihm den finalen Todesstoß zu verpassen. Dass Wissenschaftler Gott spielen - und noch viel schlimmer, sich in manchen Fällen sogar dafür halten - ist ebenfalls nicht an den Haaren herbeigezogen. Die Geschichte des Klonens reicht zurück bis in das Jahr 1930. Es dauerte aber bis 1996, als der Begriff der breiten Masse durch das in Schottland geklonte Schaf „Dolly“ geläufiger wurde. Seitdem wurde das Verfahren unzählige Male bei Säugetieren genutzt, um beispielsweise Rennpferde, Nutztiere oder gar Hunde zu klonen. Wenig verwunderlich, dass die Pharmaindustrie sich diese Technik zu Versuchszwecken ebenfalls zunutze macht. Erst 2018 machte die US-Schauspielerin und -Sängerin Barbra Streisand damit Schlagzeilen, dass sie ein Jahr zuvor ihre verstorbene Hündin klonen ließ. Vor dem Tod des Vierbeiners wurden Zellen entnommen, aus denen zwei identische Welpen gezüchtet wurden. In der Theorie wäre es sogar möglich, Menschen zu klonen… allerdings ist so ein Fall noch nicht bekannt. Zumindest nicht offiziell.

„Der Klon“ ist damit also durchaus auf der Höhe der Zeit. Die Was-wäre-wenn-Thematik ist zwar nicht neu, da über eine Auferstehung Hitlers bereits mehrfach fantasiert wurde, bekommt in Lubbadehs Roman über weite Strecken aber einen glaubhaften Anstrich. So weit ist das Jahr 2033 nicht entfernt, und der Autor hat sein Near-Future-Szenario so dargestellt, dass hier keine wilden Gerätschaften oder spekulative Hi-Tech-Neuerungen eine Rolle spielen. Das Setting ist handfest und geerdet, was es noch beklemmender macht. Spekulativ ist höchstens, wie mit der vermeintlichen Rückkehr des Führers umgegangen werden könnte. Könnte man seinem Klon den Prozess machen? Stellvertretend für sein abscheuliches Original? Allein mit der Beantwortung dieser Fragen ließen sich eigene Bücher füllen. Auch wenn manches Element lediglich dazu dient, die Story in Schwung zu halten, kommt man nicht umher, das eigene Gedankenkarussell in Fahrt zu bringen.

Gedruckt und Gesprochen

Die Geschichte um den Hitler-Klon fackelt nicht lange rum und macht ziemlich schnell Nägel mit Köpfen. Direkt im ersten Kapitel werden die Karten auf den Tisch gepackt, was durchaus angenehm ist. Nach Kapitel 2 sind wir mit den wichtigsten Figuren und ihren Motiven vertraut. Manche Wendung lässt sich bereits früh erahnen, was aber wenig daran ändert, dass der Roman lesens- und hörenswert bleibt.

Die gedruckte Version ist im HEYNE Verlag erschienen, während die Hörbuch-Fassung im RONIN HÖRVERLAG erhältlich ist. Ich habe der ungekürzten Ausgabe rund zwölf Stunden gebannt zugehört, was nicht zuletzt dem erfahrenen Sprecher Uve Teschner zu verdanken ist. Seine Stimme kennt man aus zahlreichen Hörspielen („Van Dusen“, „Sherlock Holmes & Co“, „Glashaus“), Hörbüchern („Die Tribute von Panem X: Das Lied von Vogel und Schlange“, „12 Monkeys“, „Das Schweigen der Lämmer“), TV-Serien („Brokenwood“, „Atlanta Medical“, „Legends of Tomorrow“) und Kinofilmen („The Batman“, „Tom & Jerry“, „Rocketman“, „Aufbruch zum Mond“). Teschner liest angenehm unaufgeregt und lasst seine Hörerinnen und Hörer damit entspannt durch die aufwühlende Geschichte gleiten.

Fazit:

Die großen Spannungsmomente fehlen zwar, dafür bietet Jens Lubbadehs „Der Klon“ aber brisanten Zündstoff, der auf Grund seiner Greifbarkeit beklemmendes Magengrummeln hinterlässt. Übrig bleibt die Frage: Wissenschaft… Fluch oder Segen?

Der Klon (Hörbuch)

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